Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe

Psychotherapeut

Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie

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Herzphobie - Herzneurose - Somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems (ICD-10-Code: F45.30)

 

Ein 43-jähriger Mann kommt in Psychotherapie, weil er in den Medien mehrfach auf den Begriff der Panikattacken gestoßen sei. Er wünsche eine Verhaltenstherapie, weil er durch die Berichte den Eindruck gewonnen habe, dass ihm dadurch rasch geholfen werden könne. Nach vielen stationären und ambulanten Untersuchungen im Laufe von Jahren war keine körperliche Ursache gefunden worden. Er habe dieselbe Symptomatik zwar schon seit mindestens 15 Jahren, doch habe man ihm bisher immer gesagt, er habe eine Herzphobie. Ein Arzt habe gesagt, da könne man gar nicht viel machen, damit müsse er einfach leben lernen, denn sterben könne man immer, auch wenn man völlig gesund sei. Ein anderer Arzt habe ihn schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass er eine Herzneurose habe und deswegen eine Psychoanalyse benötige, doch dazu habe er weder Geld noch Zeit noch Geduld. Bei genauer Verhaltensanalyse ergibt sich der Eindruck, dass der Patient nicht unter Panikattacken leidet, sondern mehrfach unangenehme Herzsensationen erlebt hat, anfangs einmal starke Herzschmerzen und Herzstiche mit einer Ausstrahlung der Schmerzen in den linken Arm, sodass er geglaubt habe, einen Herzinfarkt zu bekommen, seit Jahren jedoch sei er primär geprägt durch die Erwartungsangst, ebenfalls so früh sterben müssen wie sein Vater, der mit 51 Jahren einem Herzinfarkt erlegen sei. Er sei überzeugt, keine 50 Jahre alt zu werden, weil in der Linie seines Vaters mehrere männliche Verwandte einen Bluthochdruck gehabt hätten und dann frühzeitig gestorben seien. Er kontrolliere zu seiner Beruhigung oft – jedenfalls mehr, als seiner Gattin lieb sei – den Blutdruck und den Puls und habe auch schon bei mehreren Kardiologen überprüfen lassen, wie leistungsfähig sein Herz sei. Der Patient scheint anfangs an einer kürzeren Psychotherapie wenig interessiert zu sein und will nur wissen, was er tatsächlich habe. Verschiedene Diagnosen stehen zur Auswahl: Panikstörung, somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems, undifferenzierte Somatisierungsstörung, hypochondrische Störung. Die eine („Panikstörung“) ist nach dem ICD-10 falsch, die andere („somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems“) zwar dem ICD-10 entsprechend, jedoch in der Wissenschaft umstritten, eine weitere („hypochondrische Störung“) zwar zutreffend, für den Patienten jedoch diskriminierend, die nächste („undifferenzierte Somatisierungsstörung“) zwar dem DSM-IV entsprechend, für den Patienten jedoch so ungewohnt, weil nie gehört, dass sie nicht in Frage kommt.

Wir einigen uns auf den Umstand, dass er eine Gesundheitsangststörung habe, wie man diese Störung vielleicht einmal nennen werde, denn er habe Angst seine Gesundheit und sein Leben zu verlieren. Der Patient ist zufrieden, weil er eine Diagnose erhält, die er akzeptieren kann. Jetzt steht wenigstens die Diagnose fest, obwohl das Problem durch ein anderes Wort nicht kleiner geworden ist. Der Patient möchte doch eine Psychotherapie, aber nur eine ganz kurze. Er wolle endlich das Gefühl der Todesbedrohung von seinem gesunden Herzen wegbekommen. Andere Probleme gebe es keine. Seine Frau stehe zu ihm, auf sie könne er sich immer verlassen, die Kinder seien „brav“, die Arbeit sei zwar stressig, aber jedenfalls sei er froh, dass er überhaupt noch eine habe, denn andere, aus Kostengründen gekündigte ältere Kollegen wären froh darüber. Eigentlich habe er gehofft, ich könnte ihm beibringen, positiv zu denken, denn er schaffe dies angesichts seiner unangenehmen Herzsensation nicht. Nach kurzer Enttäuschung über die ausbleibenden „Wundertechniken“ der Verhaltenstherapie überlegt er, welche der zwei Übungen er nächste Stunde wählen will: Übung 1: mit geschlossenen Augen 10 Minuten lang sich vorstellen, dass das Herz immer schneller rast, bis es plötzlich zu schlagen aufhört oder Übung 2: Bei geschlossenen Augen eine halbe Stunde lang sich intensiv vorstellen, worüber er im Falle des plötzlichen Todes am meisten traurig wäre. Am Ende der zweiten Stunde weiß der Patient durch Übung 2, was er alles fürchtet, abgesehen von seinem Herzen, und kommt alleine damit zurecht.

 

Die somatoforme autonome Funktionsstörung des kardiovaskulären Systems (F45.30) umfasst im Wesentlichen die Symptomatik der Herzphobie, aber auch andere funktionelle, psychogen bedingte Störungen des Herzens und des Blutdrucks. Als dazugehörige Begriffe gelten laut ICD-10: Herzneurose, neurozirkulatorische Asthenie, Da-Costa-Syndrom.

Im Mittelpunkt stehen anfallsartig auftretende Herzschmerzen („Herzattacken“) bzw. herzbezogene Ängste in Verbindung mit funktionellen Herzbeschwerden oder vereinzelten Panikattacken. Funktionelle Fehlsteuerungen des Herz-Kreislaufsystems drücken oft eine Aktivierung durch Emotionen und Stress ohne körperliche Betätigung aus.

Nach den diagnostischen Kriterien des ICD-10, wonach eine Phobie eine spezifische Angst vor einem externen Reiz darstellt, ist die Bezeichnung „Herzphobie“ ein veralteter Begriff und stellt nach Hiller (persönliche Information) eine Variante der „hypochondrischen Störung“ dar. Dies trifft nach seiner Auffassung auch auf zahlreiche andere Phänomene aus dem Bereich der somatoformen autonomen Funktionsstörungen zu. Im Falle von gleichzeitig auftretenden Panikattacken kann zusätzlich auch eine Panikstörung (F41.0) diagnostiziert werden.

Im amerikansichen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-IV, das die Diagnose der somatoformen autonomen Funktionsstörung gar nicht kennt, wird die Herzphobie als eine Variante der Panikstörung angesehen. Unter Psychoanalytikern ist der Begriff der Herzneurose mit bestimmten Erklärungsmodellen verbreitet, zunehmend wird jedoch der Begriff der Herzphobie verwendet.

Eine Herzphobie lässt sich durch folgende Merkmale charakterisieren:  

Manche Fachleute unterscheiden nach der Art und der Intensität der herzbezogenen Ängste drei Gruppen von Herzphobikern:

  1. Herztod-Phobiker. Sie erleben Panikattacken und eine Angstüberflutung.

  2. Herztod-Hypochonder. Sie erleben keine Angstdurchbrüche, sondern leiden unter der subjektiven Gewissheit, einen Herztod zu erleiden. Die Mitteilung, dass das Herz gesund ist, wirkt nicht beruhigend. Wegen der Angst vor einem Herztod werden häufige Herzuntersuchungen gewünscht.

  3. Herz-Hypochonder. Sie sorgen sich ständig um ihr Herz.

Menschen mit einer Herzphobie stellen eine relativ große Patientengruppe dar:

10–25 % aller Patienten einer Allgemeinarztpraxis klagen über funktionelle Herzbeschwerden („Herzklopfen“, Schmerzen in der Herzgegend).

Bei 20–25 % von 16332 Patienten der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden ergab sich von der Symptomatik her der Verdacht auf eine Herzneurose.

10,7 % von 552 Patienten, die mit der Verdachtsdiagnose „Herzinfarkt“ auf eine Intensivstation aufgenommen wurden, hatten eine Herzphobie.

Bei 4 % von 7150 Notaufnahme-Patienten einer Berliner Klinik wurde eine Herzphobie diagnostiziert.

20–30 % der stationären Aufnahmen in internistischen Abteilungen erfolgen wegen funktioneller, psychosomatischer oder psychiatrischer Störungen. Viele Betroffene leiden unter somatisierten Ängsten (z.B. Herzphobie, Hyperventilationssyndrom) oder unter einer Depression mit somatischen Symptomen.

Nach amerikanischen Studien sind bis zu 50 % der Patienten mit Brustschmerzen und negativem Koronarangiogramm Panikpatienten („Herztod-Phobiker“).

Sonstige funktionelle kardiovaskuläre Störungen

 

Neben der Herzphobie sind folgende funktionelle kardiovaskuläre Symptome zu erwähnen, die durch emotionale Faktoren bewirkt werden (psychogene Synkopen sind dagegen laut ICD-10 als „F48.8 sonstige neurotische Störungen“ zu kodieren):