Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe

Psychotherapeut

Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie

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Depersonalisationsstörung - Angst machendes Fremdheitsgefühl sich selbst gegenüber

Derealisationsstörung - Angst machendes Fremdheitsgefühl der Umwelt gegenüber

 

Die folgenden Informationen zur Depersonalisations- und Derealisationsstörung haben laut positiven Rückmeldungen schon vielen Menschen geholfen, sich ohne Psychotherapie bzw. bereits im Rahmen einer kürzeren Psychotherapie besser verstehen und ändern zu lernen. In verschiedenen Variationen wird den Betroffenen hier immer wieder dasselbe erklärt: Eine Depersonalisations- und Derealisationsstörung ist eine Störung im Bereich der Gefühle und nicht im Bereich des Denkens.

Das Krankheitsbild der Depersonalisations-/Derealisationsstörung wurde erstmals bereits im 19. Jahrhundert von zwei deutschen Ärzten beschrieben (Albert Zeller und Wilhelm Griesinger), war jedoch bei Fachleuten und medizinischen Laien lange Zeit überhaupt nicht bekannt, wurde später oft missverstanden als Ausdruck einer Depression oder gar Schizophrenie, wurde dann auf ein zentrales Symptom einer anderen Störung wie einer Angststörung oder posttraumatischen Belastungsstörung eingeengt, statt es auch als häufiges eigenständiges Zustandsbild zu betrachten, und wird erst in den letzten Jahren, vor allem in England, intensiv wissenschaftlich erforscht hinsichtlich der neurobiologischen Grundlagen und der psychologischen Komponenten.

Knapp zwei Prozent der Deutschen leiden unter einem schweren Depersonalisations- bzw. Derealisationssyndrom. Fast zehn Prozent fühlen sich dadurch zumindest etwas beeinträchtigt.

Die Depersonalisations-Derealisationsstörung stellte zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben für einen kurzen Zeitraum eine durchaus normale Schutzfunktion vor emotionaler Überflutung zum Zweck des schulischen, beruflichen, sozialen und persönlichen Funktionierens dar, und zwar mithilfe des Mechanismus der Dissoziation, das heißt der Abspaltung von sehr unangenehmen Gefühlen wie Angst, Ärger, Wut, Traurigkeit und Enttäuschung.

Erst durch die Chronifizierung aufgrund falscher Erklärungs-, Bewältigungs- und Behandlungsversuche entstand daraus eine psychische Störung. Aus einem ursprünglich durchaus normalen Problemlösungsversuch, der kurzfristig helfen sollte und oft auch vorübergehend helfen konnte, ist schließlich langfristig ein erhebliches psychiatrisches Problem geworden.

Bei den Gefühlen der Unwirklichkeit besteht entweder ein Angst machendes Fremdheitserleben gegenüber sich selbst (Depersonalisation) oder gegenüber der Umwelt (Derealisation).

Die Betroffenen erleben eine massive Verunsicherung und einen starken Vertrauensverlust in die Umwelt bzw. in die Selbstwahrnehmung. Beide Zustände treten nach früheren Auffassungen selten allein auf, sondern meistens in Verbindung mit anderen psychischen Störungen (posttraumatische Belastungsstörung, Phobien, Panikstörung, Depression, Zwangsstörung).

Es handelt sich dabei nach neuesten Erkenntnissen oft um eigenständige Krankheitsbilder und nicht bloß um Begleitsymptome anderer psychischer Störungen wie Angststörungen und Depressionen.

Ähnliche Zustände finden sich auch bei Gesunden im Zustand der Müdigkeit, sinnlichen Wahrnehmungsbehinderung, Meditation oder Veränderung durch Drogen oder Trance (hypnotischer Zustand). Die Zustände sind auch den todesnahen Erfahrungen in Momenten extremer Lebensgefahr ähnlich.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen erlebt im Laufe des Lebens eine kurzfristige Depersonalisation, zumeist nach einer schweren psychosozialen Belastung, nach einer massiven körperlichen Überforderung wie einer Bergtour oder nach einem Schlafentzug.

Eine vorübergehende Depersonalisation zeigt sich bei etwa einem Drittel der Personen, die einer lebensbedrohlichen Gefahr ausgesetzt waren, sowie bei fast 40% der Patienten, die wegen einer psychischen Störung stationär behandelt werden. Depersonalisation  ist eine häufige Erfahrung, auch wenn es jedem einzelnen Betroffenen so vorkommen mag, als könnte man dieses Erleben keinem Menschen durch Beschreibung verständlich machen.

Bei einer Depersonalisationsstörung machen die Betroffenen die angstvolle Erfahrung einer Veränderung ihrer geistigen Aktivität, ihrer Gefühle oder ihres Körpers. Es besteht das Gefühl des Losgelöstseins, der Entfremdung zum eigenen Selbst und des „Daneben-Stehens“. Es herrscht der Eindruck vor, nicht ganz da zu sein und nicht mehr das eigene Denken, die eigenen Vorstellungen oder Erinnerungen zu erleben.

Die betroffene Person empfindet sich so, als wäre sie ein außenstehender Beobachter der eigenen geistigen Prozesse, des eigenen Körpers oder einzelner Körperteile. Sensorische Unempfindlichkeit, Mangel an emotionalen Reaktionen und das Gefühl, das eigene Handeln einschließlich der Sprache nicht völlig beherrschen zu können, werden oft beklagt.

Bewegungen und Verhaltensweisen werden irgendwie nicht mehr als die eigenen erlebt. Man kann sich wie ein Roboter fühlen. Der Körper erscheint leblos, losgelöst oder sonst anormal. Das Leben wirkt künstlich, wie in einem Traum, in einem Film oder auf einer Bühne, wo man eine Rolle spielt. Am meisten beklagt wird der Verlust der Gefühle. Der charakteristische Gefühlsverlust wird oft verwechselt mit einer Depression, wenngleich diese ebenfalls gegeben sein kann. Bei einer Depersonalisation werden die Gefühle abgespalten aus Schutz vor einer leidvollen Gefühlsüberflutung.

Bei der Depersonalisationsstörung bleibt die Realitätsprüfung intakt, weshalb die häufige Befürchtung, an Schizophrenie zu erkranken, völlig unbegründet ist. Der Grund, warum ich die Information über die Depersonalisationsstörung in das Internet gestellt habe, liegt darin, dass ich in den letzten Jahren zahlreiche Angst- und Panikpatienten erlebt habe, die fest davon überzeugt waren, wegen dieser Zustände bald "verrückt" zu werden.

Dahinter stehen einerseits starke Stresszustände (massive psychosoziale Belastungsfaktoren), die im Rahmen des Lebenskontexts völlig verständlich sind, andererseits Erklärungsversuche, dass mit dem Geist etwas nicht stimmen könne, wenn man schon körperlich "nichts" habe.

Die Angst, wegen der erlebten Zustände bald in die Psychiatrie eingeliefert zu werden, ist völlig unbegründet - außer man begibt sich selbst dorthin, zur Abklärung, ob wirklich keine Gefahr besteht, bald den Verstand zu verlieren.

Depersonalisation und Derealisation sind oft Symptome einer Panikattacke und stellen den Hauptgrund dar, warum Menschen mit Panikstörung häufig die Angst haben, „durchzudrehen und verrückt zu werden“, wenn die Depersonalisationserfahrung im Rahmen einer Panikattacke auftritt.

Eine Depersonalisationsstörung als eigenständige Störung liegt nur dann vor, wenn die beschriebenen Zustände nicht ausschließlich im Rahmen einer Angststörung, einer Depression oder einer anderen Störung auftreten.

Bei einer Derealisationsstörung besteht das Gefühl des gestörten Umwelterlebens. Objekte, Menschen oder die gesamte Umgebung werden als fremd, unvertraut, unwirklich, roboterhaft, fern, künstlich, zu klein oder zu groß, farblos oder leblos erlebt.

Während bei einer Depersonalisationsstörung die Betroffenen völlig unberechtigt fürchten, bald "gespalten", d.h. verrückt zu werden, fürchten viele Menschen mit einer Depersonalisationsstörung irrtümlich, sie könnten unter optischen Halluzinationen leiden und auf diese Weise geisteskrank werden.

Das internationale Diagnoseschema ICD-10 führt das Depersonalisations- und Derealisationssyndrom unter "sonstige neurotische Störung" an. Das amerikanische psychiatrische Diagnosemanual DSM-5 ordnet (im Gegensatz zum internationalen Diagnoseschema ICD-10) die Depersonalisationsstörung den dissoziativen Störungen zu, was insofern berechtigt erscheint, als es sich dabei um Abspaltungsvorgänge (Dissoziation) handelt. Negative, belastende und unerträgliche Gefühle werden durch Abspaltung zu bewältigen versucht, die wahrgenommene Gefühllosigkeit wird in der Folge als Entfremdung gegenüber sich selbst erlebt.

Das ICD-11, das ist das neue internationale Diagnoseschema, das im Jahr 2019 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschlossen wird, zählt dieselben Phänomene als Depersonalisationsstörung und Derealisationsstörung ebenfalls zur Gruppe der dissoziativen Störungen.

Die Depersonalisationsstörung wird nach dem amerikanischen psychiatrischen Diagnoseschema DSM-5 (siehe das Hogrefe-Buch von 2015) folgendermaßen definiert:

Die Depersonalisationserfahrung kann manchmal auch auftreten im Sinne eines geteilten Selbst: mit einem beobachtenden und einem teilnehmenden Teil - als "Out-of-Body-Experience" (außerkörperliche Erfahrung). Das macht vielen Betroffenen große Angst, sie könnten bald "gespalten" im Sinne von schizophren werden, was völlig unbegründet ist.

Die Derealisationsstörung besteht laut DSM-5 aus Erfahrungen der Unwirklichkeit und des Losgelöstseins bezüglich der Umgebung und der Welt: Personen oder Gegenstände werden als unreal, wie im Traum, wie im Nebel, wie in einer Blase, wie hinter einem Schleier oder einer Glasscheibe, leblos oder optisch verzerrt erlebt. Die Umgebung kann als unecht, farblos oder leblos erlebt werden.

Derealisation geht gewöhnlich einher mit subjektiven Wahrnehmungsverzerrungen wie Verschwommenheit, gesteigerter Schärfe, erweitertem oder eingeschränktem Gesichtsfeld, Zweidimensionalität oder Flachheit, übersteigerter Dreidimensionalität oder veränderter Größe oder Distanz von Objekten (klein oder groß). Akustische Veränderungen sind ebenfalls möglich, dabei können Stimmen oder Töne gedämpft oder lauter sein. Die veränderte Wahrnehmung der Umwelt macht den Betroffenen Angst, sie könnten bald unter schizophrenen Halluzinationen leiden, was völlig unbegründet ist.

Depersonalisation und Derealisation treten oft zusammen auf und werden oft bewirkt durch massive psychosoziale Belastungssituationen in bzw. seit der Kindheit, vor allem aber auch durch massiven, oft lang andauernden Stress vielfältiger Art in der letzten Zeit sowie in der unmittelbaren Gegenwart. Neben psychischen Störungen kann auch der Konsum von illegalen Drogen eine Rolle spielen, wie etwa Ecstasy oder Cannabis.

Menschen mit einer Depersonalisationsstörung fühlen sich wie von ihrem Selbst abgelöst und erleben sich in quälender Weise als distanzierte Beobachter ihrer eigenen Handlungen, ganz ohne Gefühle. Sie neigen, ähnlich wie Menschen mit einer Derealisationsstörung, dazu, sich ständig zwanghaft selbst zu beobachten und zu testen, ob sie noch normal sind. Sie können zwar einerseits lachen und weinen und wirken dadurch nach außen hin oft völlig unauffällig, fühlen sich aber andererseits am Erlebten emotional gleichzeitig völlig unbeteiligt. So spüren sie etwa nicht mehr ihre früher oft sehr intensiven Gefühle ihrem Partner und ihren Kindern gegenüber, was sehr belastend ist.

Viele Betroffene leiden unter dem Umstand, von der sozialen Umwelt nicht verstanden zu werden, und fühlen sich dadurch oft auch sozial isoliert; sie beklagen häufig auch ohne erhebliche Depression anhaltende Sinnlosigkeitsgefühle, wenn das Leben und das Erleben immer so weitergehen würde. Trotz oft erfolgreicher beruflicher Tätigkeit und normaler Funktionsfähigkeit in der Familie fühlen sich die Betroffenen sehr unwohl in ihrer Haut und völlig unzufrieden mit ihrem Leben, weshalb sie von Fachleuten nicht selten völlig unberechtigt als schwer depressiv beurteilt werden.

Der Unterschied zwischen Depersonalisation und Depression ist schnell erklärt: Schwer depressive Menschen haben tatsächlich keine Gefühle mehr, sie können oft nicht einmal mehr weinen, sie sind innerlich emotional  völlig erstarrt; es geht ihnen oft schon besser, wenn sie wieder weinen können, während Außenstehende gerade dies als typisch depressiv ansehen. Menschen mit einer Depersonalisationsstörung haben starke Gefühle, haben diese jedoch im Sinne einer Schutzreaktion völlig abgespalten ("verdrängt"), damit sie davon nicht schmerzhaft überflutet werden. Oft erst als Folge der Depersonalisations- und Derealisationsstörung entwickeln zahlreiche Betroffene eine Angststörung oder eine Depression.

Der Unterschied zwischen Depersonalisation und Schizophrenie lässt sich etwas pointiert so beschreiben: Personen mit einer Depersonalisationsstörung befürchten, bald verrückt zu werden, ohne dass eine derartige Gefahr besteht, Menschen mit einer akuten Schizophrenie sind tatsächlich schwer geisteskrank, ohne dies aufgrund der Art ihrer Erkrankung überhaupt wahrnehmen zu können.

Leider sind die Unterschiede zwischen Depersonalisation/Derealisation und Schizophrenie nicht einmal allen Fachleuten bekannt. Laut einem der führenden deutschen Experten, dem Psychiater Matthias Michal in Mainz, erhalten zahlreiche Betroffene tatsächlich die Diagnose einer Schizophrene und eine antipsychotische Behandlung, ohne dass die Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Zusammenfassend bestehen bei Menschen mit einer Depersonalisationsstörung folgende Kernsymptome:

Die Phänomene bei einer Depersonalisationsstörung sind keine "Einbildungen"; sie lassen sich mithilfe der neuesten Methoden zur Untersuchung der Gehirnaktivitäten eindeutig belegen. Die Betroffenen zeigen weniger Reaktionen auf emotionale Reize in den Gefühlszentren des limbischen Systems, namentlich der Amygdala, als andere Personen, bedingt durch eine Überkontrolle vonseiten des präfrontalen Kortex (eines Teils des Stirnhirns), der das Verhalten und Erleben des Menschen steuert. Auch das vegetative Nervensystem der Betroffenen reagiert schwächer auf furchteinflößende Reize als bei gesunden Menschen.

Anders als bei anderen dissoziativen Störungen haben Menschen mit einer Depersonalisations-/Derealisationsstörung nach neueren Studien im Gegensatz zu früheren Auffassungen nicht mehr körperlich und sexuell traumatisierende Erfahrungen gemacht als andere Personen. Die meisten Betroffenen berichten jedoch, dass die Eltern-Kind-Beziehung in der Kindheit von wenig echter und intensiver Emotionalität geprägt gewesen sei.

Eine störungsspezifische Psychotherapie bei erfahrenen, kompetenten Fachleuten kann sehr hilfreich sein, ohne jede Psychopharmakotherapie, wenngleich diese oft von psychiatrischen Fachärzten als unbedingt notwendig angesehen wird. Die Behandlung mit Antidepressiva oder gar Neuroleptika (das sind Medikamente primär zur Behandlung von Psychosen) kann viele Betroffene noch stärker als bisher von ihren Emotionen distanzieren und die Symptomatik dadurch sogar verschlimmern statt verbessern.

Die Symptome einer Depersonalisations- und Derealisationsstörung sind keine Vorzeichen einer beginnenden Schizophrenie und erfordern daher auch keine antipsychotische Behandlung, wie diese von zahlreichen Psychiatern vorgenommen wird. Eine Neuroleptika-Verordnung verstärkt bei zahlreichen Betroffenen zudem die unberechtigte Angst, sie könnten doch noch verrückt werden, weil sie dementsprechende Medikamente einnehmen sollen. Neuroleptika mit den typischen Nebenwirkungen wie Bewegungsstörungen, Gewichtszunahme und Libidoverlust können das Gefühl der Gestörtheit und Entfremdung im Umgang mit dem eigenen Körper erheblich verstärken.

Von zentraler Bedeutung für die durchaus mögliche vollständige Heilung ist ein Gefühlswahrnehmungs- und bewältigungstraining. Die Betroffenen müssen im Rahmen einer Psychotherapie lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verarbeiten und nach außen hin auszudrücken, statt sie aus Angst vor Konflikten, Kritik, Zurückweisung und Enttäuschung zu unterdrücken und "wegzustecken"; sie müssen vor allem auch lernen, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und zu verwirklichen und die Eigenverantwortung für ihr persönliches Wohlergehen wahrzunehmen, statt sich scheinbar selbstlos und bedürfnislos nach den anderen zu richten. Auf diese Weise erleben sie sich im Laufe der Zeit auch wieder als richtig "zusammengesetzt" und völlig normal.

 

Empfehlungen:

Lesen Sie hilfreiche Bücher über Depersonalisation, u.a. vom deutschen Psychiater Matthias Michal.

Lesen Sie folgenden Artikel im Internet: https://www.spektrum.de/news/depersonalisation-gefangen-in-der-unwirklichkeit/1578578

Lesen Sie um wenig Geld den Artikel "Das entfremdete Selbst" in der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft, Gehirn & Geist Ratgeber, Ausgabe "Psychosomatik".