Gerne gebe ich auch folgende KI-generierte
Informationen an alle Interessierten weiter, die den Einsatz von
Antidepressiva durchaus sehr positiv bewerten, im Gegensatz zu den oben
angeführten massiven Kritikpunkten.
Frage an
ChatGPT: Antidepressiva sollen die
Neuroplastizität des Gehirns, das heißt das
vermehrte Wachstum von Synapsen, fördern.
Wie kann das auch eine Verminderung der
Depression erklären?
1) Depression
als „eingefrorener“ Zustand von Netzwerken.
Bei vielen Depressiven sieht man funktionell
(und teils auch strukturell) Muster wie:
-
stark verfestigte negative Denk- und
Aufmerksamkeitsbahnen (Bias,
Grübelschleifen)
-
schwächere Top-down-Regulation durch
präfrontale Netzwerke (weniger kognitive
Flexibilität, schlechteres Umsteuern)
-
Stressfolgen: chronischer Stress/Cortisol,
Entzündungsprozesse, Schlafstörung → eher
synaptisches “Pruning” und schlechtere
Anpassungsfähigkeit
Das Ergebnis ist
nicht nur „traurig sein“, sondern ein starrer,
selbstverstärkender Regelkreis: negative
Interpretation → Rückzug → weniger positive
Verstärkung → noch negativere Interpretation
usw.
2) Was „mehr Neuroplastizität“ dann
konkret bewirken kann
Wenn Antidepressiva (über Botenstoffe,
Genexpression, BDNF, Synapsenumbau usw.) die
Synapsenbildung/-stärkung und
Anpassungsfähigkeit erhöhen, kann das:
A) Starre Muster wieder veränderbar machen
-
Grübeln, Angstvermeidung, Hoffnungslosigkeit
sind wie „eingelernte Autobahnen“.
-
Mehr Plastizität heißt: Nebenstraßen werden
wieder befahrbar – alternative
Bewertungen/Handlungen können sich überhaupt
erst stabilisieren.
B) Emotionsregulation verbessern
-
Präfrontale Kontrollnetzwerke können wieder
besser auf limbische
Stress-/Bedrohungssysteme einwirken.
-
Subjektiv: weniger Überflutung, weniger
„Sog“ in negative Affekte, mehr Abstand zu
Gedanken.
C) Belohnungs- und Antriebssysteme
rekalibrieren
-
Depressive Anhedonie hängt oft mit
dysfunktionalen Lernsignalen zusammen („Es
lohnt sich eh nicht“).
-
Plastizität ermöglicht neues
Belohnungslernen: kleine Aktivitäten
erzeugen wieder messbar mehr positive
Rückkopplung.
3) Warum das gut zur verzögerten Wirkung
passt
Viele Antidepressiva verändern Botenstoffe
rasch, aber die klinische Besserung kommt oft
nach Tagen/Wochen. Das passt zur Idee:
Symptomreduktion braucht Umbau
(Synapsenstärkung, Netzwerk-Rebalancing), nicht
nur „mehr Serotonin im Spalt“.
4) Klinisch besonders wichtig:
Plastizität ist „Möglichkeit“, nicht „Inhalt“
Mehr Plastizität
bedeutet: Das Gehirn ist formbarer – aber
wodurch
es geformt wird, hängt von Erfahrung ab.
Daher die starke Logik hinter Kombinationen:
-
Antidepressivum: öffnet/erweitert das
„Lernfenster“
-
Psychotherapie,
Aktivierung, neue Erfahrungen: liefern die
Lerninhalte,
die dann wirklich neue, hilfreiche Netzwerke
stabilisieren
Eine Medikation kann Patient:innen oft erst in
die Lage versetzen, Exposition,
Verhaltensaktivierung, kognitive
Umstrukturierung oder Beziehungserfahrungen
überhaupt wirksam zu nutzen.
5) Ein griffiges Bild
Depression ist wie ein Schneefeld mit tiefen
Spuren (immer gleiche Gedankengänge/Vermeidung).
Antidepressiva machen den Schnee wieder weicher
(Plastizität). Dann braucht es neue
Schritte/Wege (Therapie, Aktivität, soziale
Rückbindung), damit sich neue Spuren bilden und
die alten weniger dominant werden.
ChatGPT erklärt dazu einiges noch
genauer:
1) Symptom-bezogen: Wie „mehr
Plastizität“ depressive Symptome senken kann
Grübeln & negative Gedankenschleifen
-
Depressives Grübeln ist oft ein
hochautomatisierter „Default“-Pfad.
-
Mehr Plastizität
= die Fähigkeit, aus der Schleife
leichter
auszusteigen
und alternative Bewertungen überhaupt erst
zu stabilisieren.
-
Wirkung im Alltag: Gedanken werden eher als
„Gedanken“ erlebbar, nicht als zwingende
Wahrheit.
Antriebslosigkeit & Rückzug
-
Rückzug reduziert positive Erfahrungen → das
Gehirn lernt: „Es lohnt sich nicht.“
-
Plastizität
erleichtert neues Lernen durch kleine,
wiederholte Aktivierung:
Mini-Erfolge
werden wieder „registriert“ und können sich
synaptisch verankern.
-
Wichtig: Das
funktioniert oft über
Dosis klein + häufig,
nicht über große Vorsätze.
Anhedonie (nichts macht Freude)
-
Anhedonie ist
auch ein
Lern- und
Vorhersageproblem:
positive Reize
kommen nicht mehr „durch“ oder werden nicht
erwartet.
-
Plastizität
unterstützt eine
Neukalibrierung
der Belohnungsnetzwerke: positive Signale
werden wieder besser verarbeitet, Erwartung
kann sich ändern.
-
Klinisch: Patienten berichten oft zuerst
„weniger grau/bleiern“, bevor echte Freude
zurückkommt.
Emotionale Überwältigung / Reizbarkeit /
„dünne Haut“
-
Bei Depression (und Stress) kippt das System
oft Richtung Alarm/Negativität.
-
Mehr Plastizität
begünstigt
bessere
Emotionsregulation:
präfrontale Steuerung kann sich wieder
festigen, „Bottom-up“ reißt weniger mit.
Hoffnungslosigkeit
-
Hoffnungslosigkeit ist häufig ein sehr
stabiles Zukunftsmodell („Es wird nie
besser“).
-
Plastizität
heißt: Zukunftsannahmen werden
wieder
veränderbar,
besonders wenn neue Erfahrungen wiederholt
dazu passen (kleine Gegenbeweise).
Schlafstörung
-
Schlaf ist ein Plastizitäts-Booster und
gleichzeitig durch Depression gestört.
-
Besserer Schlaf
(direkt oder indirekt) verbessert wiederum
Lernen, Emotionsregulation und
Stressverarbeitung
→ Verstärkerkreislauf in die richtige
Richtung.
2) Psychoedukation:
„Bei Depression geht es nicht nur um
Traurigkeit. Oft ist das Gehirn in
bestimmten Mustern wie festgefahren:
Grübeln, negative Bewertungen, Rückzug. Man
kann sich das vorstellen wie sehr tiefe
Spuren im Schnee – man rutscht automatisch
immer wieder in dieselbe Spur.
Antidepressiva machen das Gehirn nicht
einfach ‚glücklich‘. Was sie eher tun: Sie
erhöhen die Veränderungsfähigkeit des
Gehirns, also die Neuroplastizität – der
Schnee wird wieder ein bisschen weicher.
Dann wird es leichter, neue Spuren zu legen.
Aber: Die Medikamente legen die neuen Spuren
nicht von allein. Sie öffnen ein
Lernfenster. Was diese neuen Spuren formt,
sind Erfahrungen: Aktivität, soziale
Kontakte, neue Routinen, Therapieübungen,
andere Bewertungen, weniger Vermeidung.
Darum ist die Kombination aus Medikamenten
und Therapie oft so wirksam.
Zusammenfassung: Depression ist wie ein
festgefahrenes Netzwerk. Antidepressiva
erhöhen die Formbarkeit – ein Lernfenster.
Dann können Therapie und Alltagserfahrungen
neue, hilfreichere Muster aufbauen. Deshalb
kommt die Wirkung oft verzögert und deshalb
sind kleine, regelmäßige Schritte so
wichtig.“
3) Drei konkrete
„Plastizitäts-Katalysatoren“ für Therapie/Alltag
-
Verhaltensaktivierung in Mikro-Dosen
-
Anti-Grübel-Intervention als Training
-
Schlaf stabilisieren (auch grob)
-
gleichbleibende Aufstehzeit, Licht am
Morgen, abends runterfahren
-
Ziel: bessere emotionale und kognitive
Lernfähigkeit
Frage an
ChatGPT: Wie wirken dann Antidepressiva bei
der Behandlung von Angststörungen
verschiedener Art?
Antidepressiva (v. a.
SSRI/SNRI) helfen bei vielen
Angststörungen
nicht primär über „Stimmungsaufhellung“, sondern
indem sie Bedrohungsverarbeitung und
Angstlernen im Gehirn verschieben.
Gemeinsamer Wirkmechanismus bei Angst
Viele Angststörungen teilen Kernprozesse:
-
Über-Alarmbereitschaft (stärkeres
„Threat Bias“-Scannen, schnelle
Stress-/Angstreaktionen)
-
gestörte Furcht-Extinktion
(Sicherheitslernen gelingt schlechter;
Vermeidung stabilisiert Angst)
-
kognitive Verfestigung
(Sorgen/katastrophische Bedeutungen werden
zur „Default“-Spur)
SSRI/SNRI wirken (vereinfacht) so:
-
Sie senken
die Grund-„Threat“-Reaktivität und
verändern emotionales Informationsprocessing
(z. B. weniger automatische
Negativ-/Gefahr-Gewichtung).
-
Sie fördern
ein Lernfenster, in dem
Extinktion/Sicherheitslernen leichter
„greift“ (v. a. bei
chronischer
Einnahme; akut kann Angst anfangs auch kurz
ansteigen).
-
Dadurch können neue,
nicht-angstgetriebene Erfahrungen (Exposition,
Verhaltensexperimente, Aktivierung) sich
stabiler einprägen – was die Symptomatik
nachhaltig senkt.
Wie sich das je nach Angststörung zeigt
Generalisierte Angststörung
-
Ziel: Sorgen-Spirale + körperliche
Daueranspannung dämpfen, kognitive
Flexibilität erhöhen.
-
Leitlinien:
Wenn Medikament, dann SSRI (häufig
zuerst
Sertralin),
bei fehlender Wirkung anderes SSRI oder
SNRI.
Panikstörung
(± Agoraphobie)
-
Ziel:
„False
alarm“-System (Panikattacken +
Erwartungsangst) langfristig runterregeln.
-
Leitlinien:
Antidepressiva sind die zentrale
Langzeit-Pharmakotherapie
(SSRI/SNRI/TCA). Benzodiazepine sollen wegen
schlechterer Langzeit-Outcomes nicht als
Behandlung eingesetzt werden; SSRI werden i.
d. R. zuerst angeboten; Start
niedrig/titrieren langsam, Aufklärung über
Wirklatenz & Absetzsymptome.
Soziale
Angststörung
-
Ziel: weniger antizipatorische
Angst/Selbstfokus/Nachgrübeln und
bessere Expositionsfähigkeit.
-
Leitlinien:
Wenn
pharmakologisch, SSRI (Escitalopram
oder
Sertralin);
bei Nonresponse alternative SSRI oder
Venlafaxin;
nach gutem Ansprechen mind. 6 Monate
weiterführen, langsam ausschleichen.
Posttraumatische Belastungsstörung
-
Ziel: Hyperarousal, Reizüberflutung,
Wiedererleben reduzieren und die
Belastbarkeit für traumafokussierte
Verfahren erhöhen.
-
Empfehlungen:
Sertralin,
Paroxetin,
Fluoxetin
und
Venlafaxin
werden als wirksame Optionen genannt.
Zwangsstörung
-
Ziel: Zwangsimpulse/-gedanken „entkoppeln“
und
ERP/Exposition wirksamer machen; oft
braucht es längere und teils
intensivere Behandlungsfenster.
-
Wenn nach
kombinierter CBT(ERP)+SSRI oder SSRI allein
keine ausreichende Antwort: anderes SSRI
oder
Clomipramin
erwägen.
Spezifische
Phobie
Warum die Kombi mit Exposition/CBT so
oft „den Unterschied“ macht
Man kann es als Zweischritt sehen:
-
Antidepressivum → senkt Alarm + öffnet
Lernfenster
-
Therapie/Erfahrungen → schreiben neue
Sicherheits-Spuren (Extinktion,
korrigierende Erfahrungen)
Dass SSRI Extinktions-/Furchtlernprozesse
beeinflussen können, wird auch in systematischen
Reviews zur Fear-Learning/Extinktion diskutiert.
Praktische klinische Punkte
-
Wirklatenz
und Dosisaufbau: Wirkung kommt meist
verzögert; anfangs kann Unruhe/„Jitteriness“
auftreten → niedrig starten/ langsam
steigern ist in Leitlinien verankert.
-
Absetz-/Discontinuation: besonders
relevant bei
Paroxetin
und
Venlafaxin.
Psychoedukation (hilfreiche
Patienteninformationen)
1) Panikstörung (± Agoraphobie)
„Bei Panik ist das
Alarmsystem im Körper extrem empfindlich
eingestellt. Es löst manchmal Fehlalarm aus –
wie ein Rauchmelder, der auch bei Dampf
anspringt. Dann kommen Herzrasen, Enge,
Schwindel, und das Gehirn sagt sofort:
Gefahr!
Antidepressiva wirken
hier nicht wie Beruhigungsmittel. Sie machen
eher, dass dieses Alarm-System weniger
leicht anspringt und dass der Körper
schneller wieder runterfährt.
Wichtig: Dadurch wird
es leichter, in der Therapie zu üben – zum
Beispiel körperliche Symptome auszuhalten und
nicht zu vermeiden. Und genau dieses Üben ist
der zweite Teil: Sie machen die Erfahrung,
„Es ist unangenehm,
aber nicht gefährlich“.
Weil das Gehirn sich
erst umstellen muss, dauert es oft ein paar
Wochen. Am Anfang kann es sogar kurzfristig
etwas unruhiger sein – das heißt nicht, dass es
nicht wirkt, sondern dass wir langsam steigern
und gut begleiten.“
"Das Medikament senkt
den Fehlalarm-Pegel – und wir trainieren
gemeinsam, dass Ihr Gehirn wieder lernt:
Sicherheit statt
Katastrophe.“
2) Generalisierte Angststörung (Sorgen,
Daueranspannung)
„Bei der
generalisierten Angst ist das Gehirn wie in
einem Dauer-‚Was-wäre-wenn‘-Modus. Sorgen fühlen
sich oft wie ‚Problemlösen‘ an, sind aber eher
ein Alarmprogramm: Man scannt ständig nach
Risiken und findet immer neue.
Antidepressiva können
helfen, diese Grundanspannung und das ständige
Alarm-Scannen abzuschwächen. Das Ziel
ist nicht, dass Ihnen alles egal wird, sondern
dass Sie wieder mehr inneren Spielraum
bekommen: Sie merken die Sorge, aber sie zieht
Sie nicht so stark hinein. Dann können wir in
der Therapie besser an den Sorgen arbeiten:
Unterscheiden, was lösbar ist, was nicht – und
wie man aus dem Sorgenkreisel aussteigt. Viele
merken zuerst:
„Ich bin nicht mehr
den ganzen Tag so getrieben“
– und dann wird das Denken klarer.“
„Das
Medikament reduziert die Dauer-Alarmstufe – und
wir bauen neue Strategien auf, damit Sorgen
nicht Ihr automatischer Standard bleiben.“
3) Soziale Angststörung
„Bei sozialer Angst
ist nicht das soziale Umfeld das eigentliche
Problem, sondern das innere Alarmprogramm:
‚Ich könnte mich
blamieren, negativ auffallen, abgelehnt werden‘.
Dadurch entsteht starke Anspannung,
Selbstbeobachtung und oft Nachgrübeln.
Antidepressiva können helfen, dass diese
Alarmreaktion leiser wird: weniger
körperliche Stresswelle, weniger ‚Tunnelblick‘
auf mögliche Fehler. Das macht es leichter,
wieder in Situationen zu gehen, die bisher
gemieden wurden. Der entscheidende Teil ist dann
die Praxis: Wir machen schrittweise Übungen, in
denen Ihr Gehirn neue Erfahrungen sammelt:
‚Ich halte das aus‘,
‚die meisten
reagieren neutral‘,
‚ich darf imperfect
sein‘. So
wird die Angst langfristig kleiner, weil das
Gehirn Sicherheit neu lernt.“ „Das Medikament
senkt die innere Alarmanlage – und durch Übung
lernt Ihr Gehirn:
Kontakt ist möglich
und aushaltbar.“
„Man
kann es so sehen: Medikamente schaffen
ein
Lernfenster und nehmen etwas
Druck vom System. Die Therapie nutzt dieses
Fenster, damit sich neue, sichere Erfahrungen
wirklich festigen.“
Hilfreiche Erklärungen für Menschen mit
Angststörungen
„Bei Angststörungen
ist das Bedrohungssystem oft überempfindlich:
Der Körper springt schnell in Alarm, das Denken
bewertet Signale eher als gefährlich, und
Vermeidung verhindert, dass das Gehirn
Sicherheit neu lernt.
Antidepressiva (z. B.
SSRI/SNRI) wirken nicht wie ein
Sofort-Beruhigungsmittel, sondern sie senken im
Hintergrund die Alarmbereitschaft und
erleichtern, dass das Gehirn neue Erfahrungen
auch wirklich abspeichert – vor allem
Sicherheitslernen und Gewöhnung.
Das ist wichtig, weil
die nachhaltige Besserung meist daraus entsteht,
dass man wieder in Situationen geht, die bisher
gemieden wurden, und dabei erlebt:
‘Unangenehm ja – aber
nicht gefährlich, und ich kann es aushalten.’
Medikamente schaffen dafür oft erst die nötige
Stabilität und den Lernspielraum.“
„Das Medikament nimmt
Druck vom System – die Therapie nutzt den
Spielraum, um neue Sicherheitserfahrungen zu
verankern.“„Angst
ist wie ein Rauchmelder, der zu empfindlich
eingestellt ist. Er geht nicht nur bei Feuer
los, sondern schon bei Kochdampf. Antidepressiva
stellen den Rauchmelder nicht ab – sie helfen,
dass er wieder passender reagiert und
schneller zur Ruhe kommt.
Und dann kommt der
zweite Teil: Wir üben gemeinsam, dass Ihr Gehirn
neue Erfahrungen sammelt –
‘Ich kann bleiben,
atmen, durchhalten; es passiert nichts
Gefährliches’.
Wenn der Alarm etwas leiser ist, kann das Gehirn
diese neuen Erfahrungen besser lernen. Darum ist
die Kombination aus Medikament und Üben oft
besonders wirksam.“
Zusammenfassung: „Bei Angst ist das Alarmsystem
überaktiv. Antidepressiva senken die
Grund-Alarmstufe und öffnen ein Lernfenster.
Dadurch werden Exposition/Übungen wirksamer,
weil das Gehirn Sicherheit leichter abspeichert.
Es wirkt nicht sofort, sondern über Wochen.“
Typische Einwände von
medikamentenkritischen Patienten und gute,
vielleicht überzeugende Antworten für Ärzte zur
Einnahme von Antidepressiva
1) „Macht das abhängig?“
„Im Sinne von Sucht
wie bei Beruhigungsmitteln (Benzodiazepinen) in
der Regel nein. Man entwickelt normalerweise
keinen Suchtdruck. Was es aber geben kann, sind
Absetzsymptome, wenn man zu rasch
stoppt. Darum wird langsam ausgeschlichen und
mit dem verschreibenden Arzt abgestimmt.“
„Abhängigkeit =
Verlangen und Dosissteigerung; Absetzsymptome =
der Körper muss sich umstellen. Das ist ein
Unterschied.“
2) „Verändert das meine Persönlichkeit?
Ich will nicht ‘zombie’ sein.“
„Ziel ist nicht, Sie
zu verändern, sondern die Angst so zu senken,
dass Sie wieder freier handeln können. Manche
spüren anfangs oder bei zu hoher Dosis eine Art
emotionale Abflachung. Dann ist das ein Signal:
Dosis anpassen oder Präparat wechseln – das wird
individuell justiert.“
3) „Warum dauert das so lange, bis es
wirkt?“
„Weil es nicht nur um
einen schnellen Effekt im Blut geht, sondern um
Umstellung im Nervensystem und
Lernprozesse. Man kann sich das wie ein Training
vorstellen: Das Gehirn muss neue
‘Sicherheits-Spuren’ aufbauen. Das braucht eher
Wochen als Tage.“
4) „Am Anfang wird es schlimmer – dann
ist es nichts für mich!“
„Das kann
tatsächlich am Anfang vorkommen: mehr Unruhe,
Schlafstörung oder ‘Anschieben’. Das heißt nicht
automatisch, dass es nicht passt. Deshalb
startet man häufig niedrig und steigert langsam,
und wir kombinieren das mit konkreten Strategien
für die ersten Tage. Wenn es stark wird oder
sich gefährlich anfühlt, melden Sie sich sofort
beim Arzt/Notdienst.“
5) „Ich will lieber nur Therapie –
reicht das nicht?“
„Bei vielen reicht
Therapie allein sehr gut, besonders mit
Exposition. Medikamente sind keine Pflicht.
Manchmal sind sie aber ein hilfreiches Geländer,
wenn die Angst so hoch ist, dass Üben kaum
möglich ist oder wenn es Rückfälle/Komorbidität
gibt. Wir entscheiden das gemeinsam mit dem Arzt
– und die Therapie bleibt der aktive Teil.“
6) „Was ist
mit Nebenwirkungen (Sexualität, Gewicht,
Schlaf)?“
„Die gibt es bei
manchen – und genau deshalb beobachten wir
systematisch: Was verbessert sich, was
verschlechtert sich? Sexual-Nebenwirkungen sind
möglich, Schlaf kann sich je nach Präparat
verbessern oder anfangs verschlechtern, Gewicht
ist individuell. Wenn etwas belastend ist, ist
das kein Scheitern, sondern ein Grund zum
Anpassen oder Wechseln.“
Mini-Baustein für die Expositionslogik
„Wenn wir vermeiden,
lernt das Gehirn:
‘Vermeidung =
Sicherheit’
und die Angst bleibt groß. Wenn wir dosiert
hingehen und bleiben, lernt es:
‘Ich kann das’
und die Angst wird kleiner. Medikamente können
helfen, dass dieses Lernen überhaupt möglich
wird.“
Vor meiner umfangreichen Zusammenfassung
aller möglichen Informationen über Antidepressiva empfehle ich Ihnen im
Folgenden zahlreiche YouTube-Videos und Texte von Fachleuten sowie aus den
Medien. Sachinformationen und kritische Stellungnahmen zu Antidepressiva
sollen allen Interessierten eine fundierte Meinungsbildung ermöglichen.
Literatur zum Einsatz
von Antidepressiva bei Angststörungen und Depressionen
Leitlinien Behandlung von unipolaren Depressionen - Langfassung
Leitlinien Behandlung von unipolaren Depressionen - Kurzfassung
Patientenleitlinien
unipolare Depression
Leitlinien
Behandlung von Angststörungen - Langfassung
Leitlinien Angststörungen - Kurzfassung
Patientenleitlinien Angststörungen
Empfehlungen österreichischer Experten bei GAS
Arznei-News: Liste der
Psychopharmaka
Beltz: Die wichtigsten Psychopharmaka
Springer: Psychopharmaka-Übersicht
Gesundheit.de: Antidepressiva
Spektrum.de: Die Mär vom Glückshormon
A.
Erfurt & G. Sachs: Fachartikel "Wie wirken Anidepressiva?" - Neue
Sichtweisen über die Serotonin-Hypothese hinausgehend
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erhöhen die Neuroplastizität des Gehirns
Buch "Praxishandbuch Depression" (guter Überblick über biologische
und psychologische Ursachen und Behandlungsstrategien)
Buch "Antidepressiva: Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen
sollte"
Buch "Psychopharmaka: Ratgeber für Patienten und Angehörige"
Buch "Psychopharmaka: Leitfaden für Psychologen und Psychotherapeuten"
Buch "Antidepressiva absetzen"
Buch "Psychopharmaka reduzieren und absetzen: Praxiskonzepte für Profis,
Betroffene, Angehörige"
Buch
"Unglück auf Rezept. Die Antidepressiva-Lüge
und ihre Folgen"
Buch "Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leiden"
Buch "Neue Antidepressiva. Atypische Neuroleptika"
Buch "Placebo 2.0: Die Macht der Erwartung"
Buch "Psychiatric Drugs": empfehlenswertes allgemein verständliches englisches Buch
über Psychopharmaka von Joanna Moncrieff
Buch "Chemically Imballanced: The Making und Unmaking of the Serotinin Myth"
von Joanna Moncrieff " (bestes und
aktuellstes englisches Buch)
Psychiaterin J. Moncrieff: kritischer englischer Artikel über Antidepressiva
Psychiaterin J.
Moncrieff: englische Kritik der Serotonin-Hypothese der Depression
Englische
Kritik vieler Expert*innen an der Antidepressiva-Kritik von J. Moncrieff
Buch "The Emperor's New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth" von Prof.
Dr. Irving
Kirsch
Artikel von
Prof. Kirsch zum Placeboeffekt bei Antidepressiva
Buch "Psychiatric Drugs Explained von D. Healy"
Psychotherapeutenjournal: Dipl.-Psych. Thorsten Padberg: kritischer Artikel über
Antidepressiva
Depression - heute: Psychotherapie bei schweren Depressionen gleich gut wie
Antidepressiva
Bei Unwirksamkeit von Antidepressiva rascher Wechsel laut Mainzer Studie
BR24: Bei Depressionen helfen Antidepressiva oft nicht
Warum Antidepressiva oft nicht wirken
Ärztezeitung: Deutscher Fachkongress im Jahr 2016: Kritisch hinterfagt: Was
bringen Psychoparhmaka?
Deutschlandfunk-Bericht
- 2.4.2017: Die Krise de Psychopharmakatherapie
Deutschlandfunkkultur - 2.2.2019:
Antidepressiva ähnlich wirksam wie Placebos
Artikel in spektrum.de: Zweifelhafte
Stimmungsaufheller
Zeit Online: Wenn Antidepressiva abhängig machen
ipg-magazin: Interview
mit Prof. Dr. Tom Bschor
magazin-forum.de:
Der Serotonin-Mythos
depression-heute: über Serotonin
quarks.de: Sind Antidepressiva wirklich wirksam?
Warum Antidepressiva oft nicht wirken
Studien ohne Wirksamkeitsnachweis oft nicht veröffentlicht
Selektive Publikation von Antidepressiva-Studien erweckt den Eindruck der
erhöhten Wirksamkeit
Metaanalyse der FDA in der USA zur mangelnden Wirksamkeit von Antidepressiva
Kritischer englischer Artikel von Prof. Gøtzsche
Weitere empfehlenswerte Videos über
Depressionen, Placeboeffekte, Antidepressiva und andere Psychopharmaka
Depression
entschlüsselt–Antidepressiva, Psychedelika & Lebensstil: Was hilft wirklich?
Fokus
Depression (Prof. Dr. Ulrich Hegerl)
Raus aus der
Depression (Prof. Dr. Ulrich Hegerl)
Depression -
mehr als ein Stimmungstief
Depressionen
bei Männern
Depression
Aktuelle Diagnostik und Behandlung (Prof. Dr. Christoph Nissen)
Depression,
Burnout, Angstzustände (Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek)
Bipolare
Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Bipolar
affektive Störungen (Prof. Dr. Peter Brieger)
Clipmedia:
Depression und Suizidgedanken (Prof. Dr. Martin Ohlmeier)
Suizid (Prof.
Dr. Herald Hopf)
Antidepressiva -
Pharmakologie
Antipsychotika -
Pharmakologie
Tabletten gegen Depressionen | WDR Doku
Sucht und Depression
Antidepressiva:
Vorsicht beim Absetzen
Video: Interview mit
Prof. Irving Kirsch
Video: Vortrag
von Prof. Irving Kirsch
Podcast Prof.
Dr. Tom Bschor: Wirbel um Seroton-Hypothese
Mythos
Serotoninmangel Prof. Dr. Thomas Hillemacher
Medikamentöse
Behandlung der Depression - aktueller Stand und neue Entwicklungen (Prof.
Andreas Reif)
Nordic
Cochrane Studie von Dr. Munkholm u.a. - SRF-Doku
Antidepressiva - einnehmen oder absetzen (Prof. Dr. Tilo Kircher)
Depressionen: Sport und Bewegung gleich effizien wie Antidepressiva
Neues zu nicht-medikamentösen Therapien bei Depressionen
Neue Hoffnung
für andere Behandlungsstrategien - ARTE-Doku
Antidepressiva kaum besser als Placebo? - Video des Dipl-Psych. E. Burck
3SAT:
Tod auf Rezept
NDR Gesundheitsmagazin
Visite: Abhängigkeit von Antidepressiva
NDR: Antidepressiva: Wirkungen und Nebenwirkungen
WDR-5-Doku:
Zur Krise der Psychopharmakologie
Kritik an
Antidepressiv (Interview mit
Prof. Dr. Müller-Oerlinghausen zu SSRI und Suiziden)
PSSD -
negative Langzeitfolgen von Antidepressiva für das sexuelle Erleben
Depressionen
überwinden lernen - Prof. Dr. Winfried Rief
ifas-tv: Sind Depressionen endlich besser heilbar?
Placebo-Effekt: Wie Pillen ohne Wirkstoffe wirken (SRF)
Placebo - Die
Macht von Erwartungen und Implikationen für die Praxis (Prof. Dr. Christiane
Hermann)
Wie können
Behandlungserwartungen meine Therapie beeinflussen? Placebo / Nocebo-Effekte
(Frau Prof. Dr. Bingel)
Dr. Mark
Horowitz: The Myth of Low-Serotonin & Antidepressants (kritische englische
Präsentation)
Rapid-acting
Antidepressants
Dr. Dr. Tobias Weigl: Videos über Depressionen,
Antidepressiva, andere Psychopharmaka, Schmerzen und Neurobotenstoffe
Glücksgefühle
steigern: Pushen Sie diese Glückshormone? Bessere Laune, weniger Stess,
Resilienz
Diese 5 Hormone
beeinflussen Ihren Alltag: Stimmung, Libido, Gewicht und Stoffwechsel
Hammerhormon Dopamin: Unser Körper hungert nach mehr Essen, Spaß und Sex
Volkskrankheit Depression: Lassen sich starke Stimmungsschwankungen
vorbeugen?
Anzeichen
für Depressionen: Diese Warnsignale sind leicht zu übersehen
Schlechte Stimmung oder gar depressiv? Anzeichen einer Depression
Antidepressiva: Rebound Effekt und mögliche Gefahr der Sucht und Abhängigkeit
Antidepressiva: Welche Risiken und Langzeitfolgen sind zu beachten?
Johanniskraut versus Antidepressiva
Das Glückshormon
Serotonin & Trypophan: Was ist das und wie den Serotoninspiegel natürlich
steigern?
Serotonin-Syndrom:
Macht viel Serotonin krank? Gefahr durch Antidepressiva und Pflanzliche
Medikamente
Macht Schokolade
wirklich glücklich oder nur dick?
Benzodiazepine
Benzodiazepine:
Nutzen und Gefahren
Benzodiazepine: Droge oder Medikament?
Schlafmedikamente: Z-Medikamente
Ketamin
Wieder depressiv?
Tipps für Ihre Ernährung. Wie die richtigen Nährstoffe die Stimmung
beeinflussen
Macht Schokolade
wirklich glücklich oder nur dick? Das passiert mit Körper, Gehirn und
Stoffwechsel
Antidepressiva zur
Schmerztherapie - um Migräne, Fibromyalgie und Nervenschmerzen zu lindern
Langzeitdepression und
Schmerzen
Unser Schmerzhemmendes
System - Einfluss der endogenen Schmerzhemmung auf chronische Schmerzen
Was ist chronischer
Schmerz? Schmerzgedächtnis
Chronischer
Scherz, Schmerzgedächtnis
Chronisches
Erschöpfungssyndrom - Warum bin ich immer müde und erschöpft? Chronic
Fatigue Syndrome
Myalgische
Enzephalomyelitis
Weniger Stress - Mehr
Gesundheit: Meine top 6 Tipps für einen gesunden Umgang mit Stress
Zusammenhänge zwischen
Burnout, schlechte Laune, Depression und chronische Schmerzen - Dr. Weigl
Interview
Psychologe Dr. Michael Hengartner: Texte und
Videos
Rund 90 %
der Antidepressiva nicht besser als Placebo
Antidepressiva – nicht besser als Placebos?
scilogs-spektrum-de: Interview mit Dr. Hengartner
Inside brains:
Stress mit Depressionen Teil 1 - Michael Hengartner
Inside brains: Stress
mit Depressionen Teil 2 - Michael Hengartner
Kritischer englischer Artikel
Prophylactic effects or withdrawal reaktions?
Evidence-biased Antidepressant Description
Prof. Dr. Gerhard Gründer, Mannheim: Videos über Antidepressiva
und Psychopharmakotherapie
Über die Grundlagen
von Psychiatrie und Psychopharmakotherapie
Antidepressiva nehmen
und absetzen - Teil 1: Wie wirksam sind Antidepressiva?
Antidepressiva nehmen und absetzen - Teil 2: Wann ist es sinnvoll,
Antidepressiva einzunehmen?
Antidepressiva nehmen und absetzen - Teil 3: Es ist gut Antidepressiva über
viele Jahre einzunehmen?
Antidepressiva nehmen und absetzen - Teil 4: Was sind negative Folgen einer
Langzeittherapie?
Antidepressiva nehmen und absetzen - Teil 5: Wann sollte man eine Therapie
mit Antidepressiva beenden?
Über Psychopharmakaforschung
Zur Krise der Psychopharmakotherapie
Psychedelika in der Psychiatrie: Aktueller Stand
Psychedelika in der Psychiatrie - Wohin geht die Reise?
Ketamin
in der Psychiatrie - Aktueller Stand und Perspektiven
Prof. Dr. Gerhard Gründer, Mannheim:
Video-Präsentationen für Medizin-Student*innen
Neurobiologie
affektiver Störungen - Wintersemester 2016/17
Neurobiologische Grundlagen psychischer Störungen
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 1 (Pharmakokinetik und
-genetik)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 2 (Grundlagen
Antidepressiva)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 3 (Antidepressiva:
Wirksamkeit)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 4 (Antidepressiva:
Therapieresistenz)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 5 (Antidepressiva:
Fallbeispiele)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 6 (Tranquilizer und
Hypnotika)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 7 (Antipsychotika:
Wirkmechanismen)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 8 (Antipsychotika:
Substanzunterschiede)
Psychopharmakologie Sommersemester 2020 - Modul 9 (Antipsychotika:
Langzeittherapie)
Videos auf Psychcast: Psychiater Dr. Jan
Dreher über viele
Psychopharmaka
Top 10 Fehler
in der Psychiatrie und Psychotherapie
Drei Typen von
Psychiater
Sex und Psychopharmaka
Ehrliche Aufklärung über
Antidepressiva
Es müssen nicht immer
Antidepressiva sein
Antidepressiva: Die
überschätzte Pille
Wirken
Antidepressiva oder Was sind eigentlich "aktive Placebos"?
Absetzen von Antidepressiva
Welches Antidepressivum gebe
ich wem?
Behandlung der
bipolaren Erkrankung
Antidepressiva
Äquvalenzdosierungen
Escitalopram und Citalopram
Duloxetin
Velafaxin
Desvenlafaxin
Mirtazapin
Bupropion/Elontril/Wellbutrin
Pregabalin
Lithium
Johanniskraut
Schlafmittel
Benzodiazepine niedrig
dosiert
Aufklärung über Neuroleptika
Welche Neuroleptika gebe ich
wem?
Abilify/Aripiprazol
Risperidon
Seroquel/Quetiapin
Ketamin bei
depressiven Krisen: Hype oder Retter in der Not?
Medikamentenwechselwirkungen
Schmerzen
Der Schmerz
und seine Komplizen
Audio: Besuch
in der Substitutionsambulanz
Medikamentenspiegel in der Psychiatrie
Vertragen sich
meine Psychopharmaka mit Alkohol?
Psychopharmaka
und Schwangerschaft
Grundprinzipien des therapeutischen Handelns in psychiatrischen Notfällen
Mit der Atmung
das Stressniveau senken und weitere Psych-Tools
Geschichten
aus der Psychiatrie
PSSD -
Sexuelle Nebenwirkungen bei Psychopharmaka-Einnahme
Psychcast Nr.
6 (u.a. Serotoninmangel ist nicht die Ursache der Depression)
Psychcast News
Nr. 8 (u.a. Studie über Entzugssymptome bei Antidepressiva)
Psychcast News Nr. 9 (u.a.
Studie Emotionale Abstumpfung unter Antidepressiva)
Medikamente bei
Generalisierter Angststörung
Chronische
Schmerzen
Prof. Dr. Stefan Frank: Pharmakologie (viele Videos unter "Der
Pharmakologieathlet")
Der "Serotonin-Mythos": Antidepressiva - eine differenzierte
und kritische Betrachtung - Teil 1
Der "Serotonin-Mythos": Antidepressiva - eine differenzierte
und kritische Betrachtung - Teil 2
Der "Serotonin-Mythos": Antidepressiva - eine differenzierte
und kritische Betrachtung - Teil 3
Benzodiazepine - Teil 1
Benzodiazepine - Teil 2
Neuroleptika -
Teil 1
Neuroleptika - Teil 2
Das autonome
Nervensystem: Sympathikus - Teil 1
Das autonome
Nervensystem: Sympathikus - Teil 2
Das autonome
Nervensystem: Sympathikus - Teil 3
Das autonome
Nervensystem: Sympathikus - Teil 4
Das autonome
Nervensystem: Sympathikus - Teil 5
Das autonome
Nervensystem: Parasympathikus - Teil 1
Das
autonome Nervensystem: Parasympathikus - Teil 2
Das
autonome Nervensystem: Parasympathikus - Teil 3
Stresshormon
Cortisol - Teil 1
Stresshormon
Cortisol - Teil 2
Antwort des Psychiaters Prof. Dr. Gerhard Gründer zur Frage:
"Gibt es
Neuentwicklungen in der medikamentösen Therapie?"
"Hier muss man leider kritisch sagen, dass wir seit etwa der Jahrtausendwende
einen Mangel an neuen Medikamenten haben. Wir sprechen von der Krise der
Psychopharmakologie.
Die neueren Antidepressiva, die selektive Serotonin-Rückaufnahmehemmer, die
selektiven Serotonin-Noradrenalin-Rückaufnahmehemmer sind Ende der 80er, Anfang
der 90er Jahre auf den Markt gekommen.
Die sogenannten atypischen Antipsychotika sind in den 90er Jahren ganz
überwiegend auf den Markt gekommen und nach dem Jahr 2000 hat es wenig wirkliche
Innovationen gegeben.
Man kann von schrittweisen, kleinen Verbesserungen sprechen, von der Erweiterung
des Arzneimittelschatzes, aber dass wir wirklich innovative Wirkmechanismen neu
entdeckt hätten, das ist leider nicht der Fall.
Wir stehen im Moment vor der Situation, dass wir einen Mangel an neuen
Arzneimitteln haben und darunter leiden nicht nur Therapeuten, sondern auch
Patienten, denn vielen unserer Patienten können wir nach wie vor nicht in dem
Ausmaß helfen, weder durch psychotherapeutische noch durch pharmakologische
Maßnahmen, wie wir uns das wünschen."
Mein Kommentar dazu, der durch das
Video von Prof. Gründer ausführlich begründet wird:
Die großen Pharmafirmen haben es in den letzten zwei Jahrzehnten aufgegeben,
Unsummen von Geld in die Entwicklung völlig neuer Medikamente zur Behandlung von
Menschen mit psychischen Störungen zu stecken, und zwar aus drei Gründen:
-
Bei der Entwicklung von
Medikamenten zur Behandlung von Menschen mit körperlichen Krankheiten wie
Krebserkrankungen ist viel mehr Profit zu
erwarten als bei Psychopharmaka.
-
Es ist bislang nicht gelungen, Psychopharmaka zu entwickeln, die besser
wirken als jene vor 40 Jahren. Neuere Antidepressiva, die ohnehin schon seit
Jahrzehnten auf dem Markt sind wie die SSRI, sind laut einer großen
neuen Studie nicht besser, sondern bloß nur nebenwirkungsärmer.
-
Es ist bislang nicht gelungen, neue beeinflussbare Faktoren im Gehirn zu
finden, wodurch Depressionen erfolgreich behandeln werden könnten.
Im Bereich der Onkologie werden viel mehr Mittel entwickelt und dann auch zu
einem höheren Preis zugelassen als in den Bereichen Psychiatrie und Neurologie.
Das ist die
Wahrheit trotz der intensiven Werbung der Pharmafirmen: Es ist bislang nicht
gelungen, wesentlich bessere Psychopharmaka zur Behandlung von Angststörungen
und Depressionen zu entwickeln als in der Vergangenheit.
Es ist einfach nicht wahr, dass so komplexe psychische Erkrankungen wie
Angststörungen und Depressionen auf einem reinen Mangel an Serotonin bzw.
Noradrenalin beruhen.
Daher wirken die vorhandenen Mittel bei vielen psychisch kranken Menschen
entweder überhaupt nicht oder nur unzureichend. Die sogenannte
Serotonin-Hypothese bei Angststörungen und
Depressionen hat sich als falsch herausgestellt, was
von
Dr. Ansarin allgemeinverständlich zusammengefasst wird.
In zahlreichen Medikamentenstudien wirkte das Placebo-Mittel nur geringfügig
besser als das neue Mittel, oft zeigte sich in der Placebo-Gruppe mindestens bei
der Hälfte der Betroffenen eine ähnliche Wirkung wie beim neuen Antidepressivum.
Einer der größten Kritiker der unkritischen Anwendung von Antidepressiva ist der
amerikanische Psychologie-Professor
Irving Kirsch,
der seine Thesen durch mehrere Studien belegt hat. Antipressiva seien nur bei
schweren, nicht anders behandelbaren Depressionen zumindest etwas hilfreich, bei
leichter und mittelgradiger depressiver Episode seien Placebos und andere
Methoden genauso wirksam.
Dazu kommt die kostensparende Strategie der
Gesundheitsbehörden in Deutschland
(entscheidendes Nutzenbewertungsdossier beim Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA),
die es für Pharmafirmen uninteressant macht, neue Präparate zur Behandlung von
Angststörungen und Depressionen auf den Markt zu bringen, solange diese wiederum
nichts anderes sind als nur Mittel, die einen ganz bestimmten Botenstoff im
Gehirn beeinflussen sollen, der angeblich die monokausale Ursache einer
bestimmten psychischen Störung sei.
Die Pharmafirmen werden vor der Markteinführung eines Mittels gezwungen
nachzuweisen, dass das neue Mittel besser ist als frühere vergleichbare Mittel,
um einen höheren Preis rechtfertigen zu können, der die immensen
Forschungskosten im Laufe der Zeit wieder einspielen würde. Die Präparate müssen
entweder zumindest etwas oder sogar viel besser sein als bisher verordnete
Mittel. Das gilt übrigens auch für Präpate außerhalb der Psychiatrie.
Sobald nur eine Gleichwertigkeit nachweisbar ist, wird das Präparat nur zum
Preis von Generika zugelassen, was Pharmafirmen dazu veranlasst, das Präparat in
Deutschland gar nicht auf den Markt zu bringen, weil das Mittel dann bald auch
in anderen Ländern zu einem ähnlich niedrigen Preis verkauft werden müsste.
Erstaunlicherweise gilt laut einer neuen
Meta-Studie als wirksamstes Antidepressivum zur Behandlung von
Depression nach wie vor ein tryzyklisches, das heißt bereits sehr altes Mittel,
das bereits 1962 auf den Markt gekommen ist, nämlich die Substanz
Amitriptylin (Markenpräparate Saroten und
Tryptizol sowie verschiedene Generika).
Amitriptylin, das früher auch viele Menschen mit Angst- und Schlafstörungen
erhalten haben, wird nur wegen der größeren Nebenwirkungen nicht mehr so oft
verschrieben wie früher, und zwar zugunsten von Substanzen wie den SSRI, die zwar
nebenwirkungsärmer, aber grundsätzlich nicht besser sind.
Das hat die bereits erwähnte neue
Studie eindeutig bestätigt:
Neben Amitriptylin waren die Substanzen Agomelatin, Escitalopram, Mirtazapin,
Paroxetin, Venlafaxin und Vortioxetin in der Depressionbehandlung wirksamer als
Fluoxetin, Fluvoxamin, Reboxetin und Trazodon.
Die Substanz Fluoxetin ist übrigens bekannt
als das Markenpräparat Fluctin (in Österreich: Fluctine), das bereits in der
zweiten Hälfte der 1980er-Jahre als erstes SSRI in den USA unter dem Namen
Prozac auf den Markt gekommen ist. Es ist
kein Mittel, das bei Angststörungen als Mittel der ersten Wahl verschrieben
werden sollte.
Argomelatin (Markenpräparat Valdoxan) ist
kein Mittel zur Behandung von Angststörungen, sondern von Depressionen.
Vortioxetin (Markenpräparat Brintellix) wurde
bereits 2016 von der Herstellung wegen fehlendem Zusatznutzen laut deutschen
Gesundheitsbehörden wieder vom Markt genommen.
Der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
Paroxetin (Markenpräpart Seroxat) und der selektive
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
Venlafaxin (Markenpräparat Efectin) werden von vielen Menschen mit
Angststörungen wegen vermehrter Nebenwirkungen (vor allem anhaltende innere
Unruhe) nicht so gut vertragen wie Escitalopram.
Die erwähnte
Studie stellt einen Beleg dafür dar, dass bei Angststörungen als Mittel
der ersten Wahl die Substanz Escitalopram
(Markenpräparat) auch zukünftig immer häufiger verschrieben werden wird, bei der
seit über zwei Jahrzehnten ebenfalls der Patentschutz bereits ausgelaufen ist.
In der Krise der Psychopharmakotherapie liegen zukünftig die erhöhten Chancen der
Psychotherapie, die sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte viel innovativer
entwickelt hat als die Psychopharmakotherapie.
Menschen mit Angststörungen wurden in der Vergangenheit mit zwei Gruppen von
Medikamenten behandelt:
-
Tranquilizer zur
Kurzeitbehandlung und Bedarfsverordnung, vor allem bei Panikattacken
-
Antidepressiva zur
Langzeitbehandlung: mindestens sechs Monate regelmäßige Einnahme
Derzeit erfolgt weltweit eine intensive Suche nach
neuen Medikamenten zur Behandlung von Angststörungen und
Depressionen.
SSRI werden in Zukunft aufgrund des
Zusammenbruchs der Serotonin-Hypothese als Urache für Angststörungen und
Depressionen nicht mehr jene Bedeutung haben wie jetzt, weshalb andere
andere Psychopharmaka entwickelt werden müssen.
MEINE ZUSAMMENFASSUNG VON WISSENSCHAFTLICHEN ERKENNTNISSEN
Antidepressiva sind oft nicht besser als Placebos
Das erste (trizyklische) Antidepressivum kam bereits
1957 auf den Markt - sein chemischer Name:
Imipramin (Tofranil).
Im Jahr 1962 kam
mit
Amitripitylin (Saroten) das zweite trizyklische
Antidepressivum auf den Markt, das laut aktueller Meta-Studie von Cipriani
u.a. aus dem Jahr 2018 weiterhin als
das wirksamste (dämpfende) Antidepressivum gilt, allerdings mit erheblichen, medizinisch
oft inakzeptablen Nebenwirkungen. Es wird vor allem dann auch heute noch
eingesetzt, wenn die neueren Antidepressiva keine bzw. keine ausreichende
Wirkung zeigen.
Die ersten Antidepressiva fanden anfangs bei Ärzten,
Patienten und Medien keinen besonders positiven Anklang. Die meisten
psychisch Kranken erhielten jahrelang weiterhin Tranquilizer oder
Neuroleptika.
Der Siegeszug der Antidepressiva setzte in den USA im Jahr 1988 ein - mit dem ersten "modernen"
Antidepressivum, einem sogenannten selektiven
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Selective Serotonin-Reuptake-Inhibitor:
SSRI). Sein chemischer Name: Fluoxetin
(Fluctin in D, Fluctine in Ö, Prozac in den USA).
Mittlerweile befinden sich sechs weitere SSRI
auf dem Markt: Fluvoxamin
(Fevarin, Floxyfral),
Sertralin (Zoloft, Gladem, Tresleen),
Paroxetin (Seroxat),
Citalopram (Cipramil, Seropram) und
Escitalopram (Cipralex), in Österreich und
in der Schweiz zusätzlich noch das neuere
Vortioxetin (Brintellix), das in Deutschland von der Herstellerfirma
Lundbeck wieder vom Markt genommen wurde, weil es mangels besserer
Wirksamkeit als andere SSRI von den Krankenkassen nicht zum Preis eines
Markenpräparats, sondern nur zum Preis eines Generikums bezahlt würde, in Österreich aber für Selbstzahler erhältlich
ist.
Fluvoxamin wurde in der Schweiz bereits 1984 und in
Deutschland noch vor Fluoxetin zugelassen, erzielte in Europa aber keine
nennenswerte Wirkung.
Citalopram kam 1995 auf den Markt,
Sertralin und
Paroxetin stehen seit 1996 zur Verfügung.
Vor dem Auslaufen von Citalopram als
preisgeschütztes Mittel
brachte die Firma Lundbeck das Präparat Escitalopram auf den
Markt, dessen Patent seit vielen Jahren ebenfalls bereits ausgelaufen ist.
Kritiker werfen der Firma Lundbeck vor, Escitalopram sei keine
wesentlich andere Substanz als Citalopram.
Laut
Kritikern beruhen bis zu 75 Prozent oder gar bis zu 90 Prozent der
Wirksamkeit der Antidepressiva auf der
Placebo-Wirkung - auf dem Glauben an die Selbstheilungskraft des
Menschen und der positiv erlebten Interaktion mit einem verständnisvollen
Arzt.
Der zentrale Aspekt der
Arzt-Patient-Interaktion ist die Basis für den
Placeboeffekt:
-
Bei weltweiten Studien der WHO hat sich
herausgestellt, dass Antidepressiva in Entwicklungsländern viel besser
wirkten als in der westlichen Welt. Dies hängt mit dem Umstand zusammen,
dass die Betroffenen in Entwicklungsländern noch nie so enge Kontakte
mit Ärzten hatten wie im Rahmen der Studie.
-
Alle Ärzte wissen, dass Medikamente bei Studien
in Spezialkliniken besser wirken als in der klinischen Praxis, weil
dabei engere Kontakte bestehen, als in der ärztlichen
Routinekonsultation möglich sind, abgesehen vom Aspekt der häufigen
Mehrfacherkrankungen der Betroffenen unter Alltagsbedingungen.
Die Placebo-Wirkung von Medikamenten wird zunehmend erforscht, in
Deutschland vor allem von der Psychologie-Professorin
Prof. Dr. Bingel.
Die
Placebo-Rate steigt und sinkt mit der Art der Studienbedingungen und der
Art der eingesetzten Antidepressiva-Substanzen.
Bei neueren SSRI-Studien ist die Placebo-Rate oft schon allein deswegen geringer als bei älteren Studien
mit trizyklischen Antidepressiva, bei deren Einnahme die
Betroffenen aufgrund der vermehrten und stärkeren Nebenwirkungen, über
die sie vorher aufgeklärt worden waren, erraten konnten, ob sie ein
Antidepressivum oder ein Placebo erhielten.
Unglaublich, aber wahr:
Ein Placebo-Präparat wirkt auch dann, wenn die Patienten vorher
darüber informiert wurden, dass sie ein Placebo erhalten hatten.
Placebos wirken sogar bei Menschen mit starken bzw. chronischen
Schmerzen, weil sie die Selbstheilungskräfte in Form der Ausschüttung
körpereigener Opiate aktivieren.
Der Psychologie-Professor
Dr. Winfried Rief schreibt in der deutschen Angst-Zeitschrift
daz über die
geringe Wirksamkeit von Antidepressiva:
"Nicht nur unsere eigenen wissenschaftlichen
Analysen, sondern auch die von anderen Arbeitsgruppen bestätigen, dass
Patienten in der Placebo-Gruppe mindestens 65-70% der Erfolge erreichen wie
Patienten in der Medikamenten-Gruppe. Damit bleiben also zwar nicht so
beeindruckende, aber immer noch 30% Überlegenheit des Medikaments. Nun muss
aber einschränkend festgehalten werden, dass diese Zahlen nur aus den
veröffentlichten Studien stammen. Viele Studien mit negativen oder unklaren
Befunden werden nicht publiziert (sog. 'Publication Bias': unerwünschte
Studienergebnisse bleiben 'in der Schublade liegen').... Somit schmelzen
unsere oben aufgeführten 30% Vorteil für die Medikamente drastisch
zusammen und werden sich in einem Bereich von maximal 0-20% Vorteil
einpendeln."
Die weltweit aufsehenerregendsten
Wirksamkeitsstudien stammen vom amerikanischen Psychologie-Professor
Irving Kirsch, der aufgrund der Daten der amerikanischen
Gesundheitsbehörde FDA den geringen Nutzen aller Antidepressiva im Vergleich
zu Placebos eindrucksvoll belegte - entgegen seinen früheren Auffassungen.
Noch 1995 war er fest davon überzeugt, dass Antidepressiva besser seien als
Placebos.
Seine früher provokanten, nunmehr auch von
vielen Fachleuten bestätigten Thesen in deutscher Übersetzung in der Zeitschrift
"Verhaltenstherapie"
"Die vorherrschende Annahme zur Wirkung von
Antidepressiva ist, dass diese durch die Behebung eines chemischen
Ungleichgewichts, speziell eines Serotoninmangels im Gehirn, zustande kommt.
Auswertungen der publizierten und nicht publizierten, d.h. von
Pharmaunternehmen zurückgehaltenen Daten zeigen jedoch, dass der meiste
(wenn nicht gar komplette) Nutzen durch den Placeboeffekt bewirkt wird.
Einige Antidepressiva steigern die Serotoninspiegel, manche senken sie, und
andere haben überhaupt keine Auswirkung auf Serotonin. Dennoch zeigen sie
alle den gleichen therapeutischen Nutzen. Anstatt die Depression zu behandeln,
könnten gängige Antidepressiva eine biologische Vulnerabilität verursachen,
die das Risiko einer zukünftigen Depression erhöht. Andere Behandlungsarten
(z.B. Psychotherapie und körperliche Betätigung) erzeugen den gleichen
Kurzzeitnutzen wie Antidepressiva, zeigen bessere Langzeitwirkung und tun
dies ohne die Nebenwirkungen und Gesundheitsrisiken der Medikamente."
Kirsch verglich auch die Wirksamkeit der
unterschiedlichen Arten von Antidepressiva - mit folgendem Ergebnis:
"Es macht also keinen Unterschied, welches
Medikament verabreicht wird – es kann die Verfügbarkeit von Serotonin
erhöhen oder erniedrigen oder auch gar keinen Effekt auf Serotonin haben –
der antidepressive Effekt ist der gleiche. Wie aber nennt man
Interventionen, deren Effekt unabhängig von ihren chemischen Bestandteilen
ist? Ich nenne sie Placebos."
Die erste Studie von Kirsch aus dem Jahr 2002, in
der er seine jahrzehntelangen Forschungsbefunde zusammenfasste, kam zum
Ergebnis, dass 75 Prozent der Wirkung der Antidepressiva auf dem
Placeboeffekt beruhen. Kirsch war damals noch der Meinung, dass die
restlichen 25 Prozent auf dem chemischen Effekt der Mittel beruhen würden,
was er später aufgrund neuerer Erkenntnisse weit nach unten hin korrigierte.
Kirsch fand schon in seiner ersten Studie keinen
Unterschied zwischen älteren (trizyklischen) und neueren (SSRI)
Antidepressiva, was durch eine neue Studie anderer Forscher aus dem Jahr 2018 eindrucksvoll
bestätigt wurde.
In Reaktion auf die heftige Kritik seiner Studie
ersuchte er die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA erfolgreich um die Erlaubnis,
Einsicht in alle eingereichten Studien der Pharmafirmen nehmen zu dürfen.
Dabei stellte er entsetzt fest, dass die Pharmakonzerne fast die Hälfte der
Wirksamkeitsstudien wegen fehlender Unterschiede zwischen
Antidepressiva und Placebo nicht veröffentlicht hatten, weshalb ein zu positives Bild
über Psychopharmaka in der Öffentlichkeit und vor allem auch bei den
behandelnden Psychiatern entstanden war.
Kirsch fiel auf, dass die Wirksamkeit der
Antidepressiva bei auftretenden Nebenwirkungen größer war, was letztlich
bedeutet, dass die Patienten erraten konnten, ob sie ein Medikament oder ein
Placebo erhielten, obwohl dies von den Studienbedingungen her weder ihnen
selbst noch den behandelnden Ärzten bekannt war (ein derartiges
Studiendesign nennt man
"Doppelblindstudien"). Trotz dieses Umstands wirkten Placebos
in vielen Studien genau so gut wie Antidepressiva.
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte lag bei einer
weiteren Studie von Kirsch der Placeboeffekt an der Wirkung der Antidepressiva bei 82
Prozent - zwar noch immer statistisch signifikant, aber bereits ohne
ausreichende therapeutische Bedeutsamkeit.
Kirsch fand auch heraus, dass eine höhere
Antidepressiva-Dosis keinen besseren therapeutischen Effekt ergab.
Eine weitere große Studie von Kirsch, wiederum auf der Grundlagen der
FDA-Daten, aus dem Jahr 2008 ergab den Befund, dass Patienten mit leichten,
mittelgradigen und schweren Depressionen nicht von den Antidepressiva
profitieren würden. Nur bei den 10 Prozent der sehr schwer kranken
Depressiven zeigte sich eine Besserung. Bei ihnen nahm zwar der
Placeboeffekt ab, die sogenannte Effektstärke des eingenommenen
Antidepressivums jedoch nicht zu. Ohne starke Nebenwirkungen konnte man
dagegen erraten, dass man sich in der Placebogruppe befand, was die Erwartungshaltung der Betroffenen auf Gesundung
verminderte.
Der Placeboeffekt ist zwar bei
Medikamentenstudien unerwünscht und soll daher möglichst gering gehalten
werden, stellt jedoch ein fundamentales Selbstheilungsprinzip des Menschen
dar.
Der Placeboeffekt ist auch bei jeder
Psychotherapie wirksam. Zehn Prozent der Psychotherapie-Klienten erleben die
ersten Veränderungen bereits vor der ersten Sitzung - was auf dem Entschluss
beruht, dass sie etwas ändern und deswegen eine Psychotherapie machen
möchten.
Den hilfreichen Placebo-Effekt erlebe ich als
Psychotherapeut täglich in meiner Praxis. Viele Patientinnen und Patienten vertrauen auf
meine Fähigkeiten, auf meine 31-jährige klinische Erfahrung in der
Nervenklinik in Linz, auf mein Wissen durch die Veröffentlichung von 17
Büchern, auf Verhaltenstherapie als anerkannter Methode und vor allem auch
auf mich als Person, die sie durch meine Homepage bereits etwas
kennengelernt haben, auch wenn sie mich vorher noch nie persönlich gesehen
haben.
Antidepressiva sind laut Studien nur bei schweren
Depressionen indiziert, nicht jedoch bei leichten oder mittelgradigen, wo
neben Psychotherapie auch Sport und soziale Maßnahmen hilfreich sind.
Die größte und teuerste Studie zur Wirksamkeit von
Antidepressiva, die unter realistischen Alltagsbedingungen
durchgeführt wurde - die sogenannte
STAR-D-Studie - wurde von der amerikanischen Gesundheitsbehörde
in den 2000er-Jahren finanziert,
d.h. nicht mehr von Gewinn-interessierten Pharmafirmen.
Es wurden zehn unterschiedliche Wirkstoffe
verschiedener Hersteller untersucht und miteinander kombiniert. Das Ziel war
die Beurteilung des Behandlungserfolgs nach einem Jahr.
Das
Ergebnis nach 3 Monaten Behandlung mit Citalopram, das anfangs bei allen
Personen eingesetzt wurde (in späteren Behandlungsphasen konnte ein Wechsel
des Antidepressivums vorgenommen werden): In den Placebogruppen erreichten durchschnittlich 37 Prozent der
Patienten eine Besserung, in den Behandlungsgruppen dagegen nur 27 %. Wie
üblich, erfolgte die Beurteilung auf der Basis der
Hamilton-Depressionsskala.
Um die Werte zu verbessern, wurde eine zusätzliche
Beurteilungsskala eingesetzt, wodurch sich zumindest bei einem Drittel (33
%) eine Besserung ergab:
"Bei etwa 1/3 der Patienten kann den Ergebnissen zufolge während eines
ersten Behandlungsversuchs eine Remission erreicht werden; eine Remission
ist mit einer besseren Prognose im Langzeitverlauf assoziiert. Mit
zunehmender Anzahl der zum Erreichen einer Remission oder ausreichenden
Besserung notwendigen, medikamentösen Therapieversuche sinkt den Ergebnissen
nach während eines Behandlungsversuchs die Wahrscheinlichkeit des Erreichens
einer akuten Remission und steigt – unabhängig davon, ob letztendlich eine
Remission erreicht wird – das Risiko eines Rückfalls, so dass auch nach
Erreichen einer Remission eine engmaschige Betreuung erfolgen sollte.
Differentialtherapeutische Hinweise dazu, welche Behandlungsstrategie zu
welchem Zeitpunkt der Behandlung einer depressiven Episode
erfolgversprechender ist, ergeben sich aus den Studienergebnissen nicht. Ob
einzelne Behandlungsoptionen zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt der
sequentiellen Therapie andere Ergebnisse gezeigt hätten, bleibt offen. Die
Identifikation individueller Prädiktoren für ein Ansprechen auf ein
bestimmtes antidepressives Therapieverfahren stellt ein weiteres zukünftiges
Ziel der STAR*D- Studie dar."
Nach 12 Monaten waren von den 1475 Personen, die im
ersten Schritt eine Besserung erlebt hatten, nur noch 108 stabil gebessert,
d.h. lediglich 7%, alle anderen erlitten Rückfälle.
Zusammen mit den Therapieabbrechern und den nicht
erfolgreich behandelten Personen (diese Personengruppen werden zwecks
Verschönerung der Befunde leider oft ausgelassen!) konnten 97 % der
depressiven Patienten nicht von der Antidepressiva-Erstbehandlung mit
Citalopram profitieren. Mit jeder weiteren Behandlungsstufe sank im Verlauf
des einjährigen Beobachtungszeitraums der Anteil jener Personen, die eine
Symptomfreiheit erreichten.
Die STAR-D-Studie hat somit herausgefunden, dass
selbst der Wechsel des Antidepressivums oder ein zusätzliches
Antidepressivum im Laufe der Zeit zu keiner Besserung der depressiven
Symptomatik führt.
Die STAR-D-Studie stützt die Behauptung vieler
Antidepressiva-Kritiker: Je öfter und je länger depressive Patienten
verschiedene Antidepressiva erhalten, desto geringer ist ihre Wirksamkeit im
Laufe der Zeit, desto chronischer krank werden sie.
Die Studie hat auch - im
Gegensatz zu ihrem ursprünglichen Anspruch - keine Hinweise darauf gefunden,
welche Art von Antidepressivum bei einer bestimmten Symptomatik hilfreicher
ist.
In den
therapeutischen Leitlinien Unipolare Depressionen wird zur Wirksamkeit der Antidepressiva offen eingestanden:
"Detaillierte Untersuchungen haben gezeigt, dass die
Unterschiede zwischen den verschiedenen Substanzklassen sowie zwischen den
verschiedenen Substanzen und Placebo bezüglich des zeitlichen Verlaufs der
Besserung marginal sind, also Antidepressiva nicht zu einer schnelleren
Besserung als Placebo führen... Antidepressiva stoßen jedoch den
Heilungsprozess bei wesentlich mehr Patienten an als Placebo (zusätzliche
10-30 % bei mittelschweren bis schweren Depressionen)."
Aufgrund des "ungünstigen
Nutzen-Risiko-Verhältnisses" werden in den Leitlinien Antidepressiva daher
in der Erstbehandlung von leichten depressiven Episoden generell nicht
empfohlen. Diese stellen jedoch den Großteil der depressiven Erkrankungen
dar, sodass demnach in der klinischen Praxis eine viel zu häufige Verordnung
von Antidepressiva erfolgt. Die zu großzügige Antidepressiva-Verschreibung
ist wegen der oft möglichen späteren Probleme beim Absetzen sehr kritisch zu
betrachten. Die Häufigkeit und das Ausmaß von länger anhaltenden Absetzsymptomen
wurde früher oft stark unterschätzt.
In den deutschen
Leitlinien Unipolare Depressionen wird bezüglich der Wirkmechanismen von
Antidepressiva Folgendes festgehalten:
"Wirkmechanismen. Über die
Mechanismen, durch welche die Wirkung der Antidepressiva zustande kommt,
besteht weiterhin Unklarheit. Daher ist es bis heute nicht möglich,
verlässlich vorauszusagen, ob und wann ein bestimmter Patient auf ein
bestimmtes Antidepressivum ansprechen wird. Es ist also nicht möglich, die
Antidepressivabehandlung auf solche Patienten zu beschränken, die auch
„tatsächlich“ von der Behandlung profitieren. Insbesondere scheinen
Antidepressiva in einer Untergruppe von Patienten einen Heilungsprozess
anzustoßen, der ohne Medikamente nicht zustande kommen würde. Ca. zwei
Drittel der mit Antidepressiva behandelten Patienten respondieren.
Allerdings zeigt sich bei ungefähr der Hälfte dieser Responder nur eine
Partialresponse und keine wirkliche Remission."
Neuere Antidepressiva (SSRI, SNRI) sind nicht wirksamer als ältere
(trizyklische) Antidepressiva
Erstaunlicherweise gilt laut einer neueren, im Jahr 2018 veröffentlichten,
sehr aufwändigen
Meta-Studie von 21 untersuchten Substanzen als wirksamstes Antidepressivum zur Behandlung von
Depressionen nach wie vor ein tryzyklisches
Antidepressivum, das heißt eine bereits sehr alte Substanz, die bereits
1962 auf den Markt gekommen ist, nämlich
Amitriptylin
(Saroten, Tryptizol). Diese Studie, erstellt von einem
internationales Konsortium unter Leitung von
Dr. Andrea Cipriani,
University of Oxford, gilt als die umfangreichste jemals vorgenommene
Beurteilung der Wirksamkeit von 21 Antidepressiva.
Amitriptylin, das früher auch viele Menschen mit Angst- und Schlafstörungen
erhalten haben, wird nur wegen der größeren Nebenwirkungen nicht mehr so oft
verschrieben wie früher, und zwar zugunsten von Substanzen, die zwar
nebenwirkungsärmer, aber nicht grundsätzlich besser sind.
Das hat die erwähnte neue
Studie
in Bezug auf Depressionen
ergeben:
Nach Amitriptylin waren die Substanzen Mirtazapin, Duloxetin,
Venlafaxin, Paroxetin, Fluvoxamin, Escitalopram und Paroxetin geringfügig wirksamer als Fluoxetin,
Citalopram, Trazodon und Reboxetin.
Die relevanten Tabellen der Studie können im englischen
Originaltext in der Fachzeitschrift
The Lancet nachgelesen werden (manche der angeführten Antidepressiva
sind im deutschen Sprachraum nicht auf dem Markt).
Amitriptrylin, Mirtazapin, Duloxetin, Venlafaxin, Paroxetin
und Milnacipran
erwiesen sich
in der Behandlng von Depressionen als die wirksamsten Präparate.
Reboxetin (Edronax) - ein
selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI) - war am wenigsten
wirksam, was verschiedene Kritiker bestätigt, die dem Präparat bereits
früher keine
bessere Wirksamkeit als Placebo zugestanden hatten. Mittlerweile ist
bekannt, dass zahlreiche Sudien, die eine Unwirksamkeit aufgezeigt hatten,
von der Herstellerfirma verschwiegen worden waren. Das Mittel wird daher von
den deutschen gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr bezahlt.
Fluoxetin (Fluctin in D,
Fluctine in Ö) - das erste SSRI-Präparat, das 1988 in den USA unter dem Namen
Prozac auf
den Markt gekommen ist - ist kein Mittel, das bei Angststörungen als
Mittel der ersten Wahl verschrieben werden sollte.
Agomelatin
(Valdoxan) ist ein neueres Antidepressivum, das den Botenstoff Melatonin
erhöht, wobei die Wirkung unklar ist, denn reines Melatonin wirkt nicht
antidepressiv. Es handelt sich dabei grundsätzlich um
kein Mittel zur Behandlung von Angststörungen, sondern von Depressionen,
doch selbst in diesem Bereich wurden die anfänglich hohen Erwartungen als
Alternative zu SSRI und SNRI enttäuscht.
Es wird am ehesten bei leichten bis mittleren Depressionen mit ausgeprägten
Schlafstörungen eingesetzt und kann auch mit SSRI kombiniert werden.
Vortioxetin
(Brintellix), ein SSRI-Präparat mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, das erst 2013 auf den Markt
gekommen war, wurde bereits 2016 von der Herstellerfirma Lundbeck wegen
fehlendem Zusatznutzen laut deutschen Gesundheitsbehörden wieder vom Markt
genommen, weil deswegen nur ein niedrigerer Preis zugestanden worden war. Es
befindet sich jedoch in Österreich und anderen Ländern weiterhin auf dem
Markt.
Nefazodon (Nefadar) - ein
dualserotonerges Antidepressivum (DSA) - wurde 2003 wegen tödlichem
Leberversagen in einigen Fällen wieder vom Markt genommen.
Bupropion (Elontril in D und Wellbutrin in
Ö) - ein Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (NARI) - zählt ebenfalls
zum unteren Drittel der wirksamen Antidepressiva und wird bei Angststörungen
nicht eingesetzt.
Fluvoxamin (Fevarin in D und Floxyfral in Ö) gilt laut Meta-Studie als relativ gut
wirksam, wird aber in der Praxis wegen häufiger Übelkeit nicht oft verschrieben.
Sertralin (Zoloft in D und
Tresleen und Gladem in Ö), das neben den Substanzen
Escitalopram und Citalopram bei
Angststörungen sehr oft verschrieben wird, liegt interessanterweise nur im Mittelfeld
bei der Reihung nach der Wirksamkeit der Antidepressiva bei depressiven
Personen.
Trazodon (Thombran in D und Trittico in Ö)
gilt auch unter Fachleuten als weniger stark antidepressiv wirkend als
andere Mittel und wird wegen der dämpfenden Wirkung vor allem zur Beruhigung
und zur Behandlung von Ein- und Durchschlafstörungen eingesetzt.
Mirtazapin (Remergil in D
und Remeron in Ö) - ein NaaSSA - wird
bei teilweise ähnlichen Indikationen wie Trazodon eingesetzt, hat jedoch eine stärker
antidepressive und auch stärker angstlösende Wirkung.
Die geringste Abbruchrate hatten
Agomelatin und
Fluoxetin. Lediglich bei diesen beiden
Sustanzen
war die Abbruchrate signifikant geringer als
unter einem Placebo, insgesamt waren es jedoch nur gerigfügig weniger
Personen als unter einem Placebo.
Personen, die eines der 19 anderen Präparate
erhalten hatten, brachen die Behandlung genauso häufig ab wie Personen unter
einer Placebobehandlung.
Fazit: Viele Patienten haben mithilfe des
eingenommenen Antidepressivums keine Besserung verspürt, vielleicht sogar
unerträgliche Nebenwirkungen - ein enttäuschendes Ergebnis!
Die stärkste Abbruchrate wegen der
größeren Nebenwirkungen hatte Clomipramin
(Anafranil), auch auch unter Trazodon, Fluvoxamin und Reboxetin erfolgten
oft Behandlungsabbrüche.
Der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
Paroxetin
(Seroxat) und die selektiven
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
(SNRI) Venlafaxin
(Trevilor in D und Efectin in Ö) und Duloxetin
(Cymbalta) - das teuerste Antidepressivum! - werden von vielen Menschen mit Angststörungen
wegen vermehrter Nebenwirkungen (vor allem anhaltende innere Unruhe) nicht
so gut vertragen wie von vielen depressiven Personen.
Die erwähnte
Studie stellt einen Beleg dafür dar, dass bei Angststörungen als Mittel der
ersten Wahl zukünftig die Substanz
Escitalopram
(Cipralex) bei relativ guter Wirksamkeit mit vergleichsweise
geringerer Nebenwirkungsrate noch häufiger verschrieben werden
wird, als dies bereits derzeit der Fall ist.
Die Studienautoren fanden insgesamt nur eine
Effektstärke von 0,3 - was als relativ gering gilt, d.h.
Antidepressiva sind zwar wirksam, aber nur geringfügig besser als Placebo.
Die Autoren empfehlen bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Wirkung
und Nebenwirkungen die Substanzen Escitalopram und
Sertralin.
Bei
Escitalopram ist seit vielen Jahren ebenfalls der Patentschutz
ausgelaufen, sodass zunehmend das Genericon Escitalopram anstelle des
Markenpräparats Cipralex verordnet wird. Escitalopram
ist das Nachfolgepräparat von
Citalopram (Cipramil in D
und Seropram in Ö).
Bei Psychopharmaka erlischt der Patentschutz nach 10 Jahren, weshalb alle
SSRI außer Vortioxetin, das in Deutschland aufgrund der Entscheidung der
Herstellerfirma nicht mehr erhältlich ist, bereits mit zahlreichen Generika auf dem Markt sind.
Viele
Betroffene wissen ohne genaue Kenntnis
dieser Umstände
oft gar nicht, welche Substanz sie eigentlich
einnnehmen.
Neubewertung der Meta-Studie von Cipriani u.a. durch die berühmte
Cochrane Collaboration
Wissenschaftler der Cochrane Collaboration in Kopenhagen haben in einer
Überprüfung der Meta-Studie von Cipriani u.a. belegt,
dass viele Wirksamkeitsstudien
erhebliche Mängel aufwiesen, was in der ursprünglichen Arbeit nicht
ausreichend berücksichtigt worden sei.
Bei einer kritischeren Betrachtung aller 552
Studien ergebe sich laut den Studienautoren (Dr. Munkhom u.a.) kein
Nachweis, dass Antidepressiva wirksamer seien als Placebos.
Die durchschnittliche
Effektstärke
beträgt laut der Meta-Studie von Cipriani und Kollegen nur 0,3 – was nur
einen schwacher Effekt darstellt.
Nach den Aussagen von Cipriani seien alle 21 Präparate bei Erwachsenen mit
schwerer depressiver Störung wirksamer als Placebo, sodass der Nutzen die
aufgetretenen Nebenwirkungen aufwiege - was in der psychiatrischen Fachwelt
vorschnell zu einer Euphorie geführt habe.
Laut Neuüberprüfung aller Daten durch die Cochrane Collaboration sei das
Kriterium der
Doppelverblindung
(weder Arzt noch Patient wissen, ob ein Antidepressivum oder ein Placebo
verabreicht wird) nicht ausreichend berücksichtigt worden.
Die Cipriani-Studie habe Studien mit fehlender oder nur geringer Wirksamkeit
der eingesetzten Antidepressiva weiters nicht ausreichend berücksichtigt,
vor allem auch nicht den Umstand, das StudienteilnehmerInnen von den
auftretenden Nebenwirkungen schließen konnten, dass sie ein Antidepressivum
und kein Placebo erhalten haben.
Zentrale Aussagen der Studienautoren:
"Der Review ist keine
Grundlage für eine endgültige Schlussfolgerung zur Wirksamkeit von
Antidepressiva, auch nicht, ob sie wirksamer sind als ein Placebo."
"Es gibt schlichtweg keinen Beweis dafür, dass Depressionen durch ein
Ungleichgewicht von Neurotransmittern verursacht wird."
"Es gibt weltweit keinen einzigen Test, der objektiv messen kann, ob
Patienten mit Depressionen tatsächlich irgendeine Störung der
Neurotransmitter haben."
"Es herrscht der weitverbreitete Glaube, dass Antidepressiva gegen
Depressionen helfen. Denn das wurde uns seit Jahrzehnten eingebläut."
"Um wirklich zuverlässige Aussagen zum Nutzen und Schaden von Antidepressiva
zu bekommen, brauchen wir große, unabhängige, langfristige und besser
verblindete Studien mit Teilnehmern, die nicht zuvor schon einmal
Antidepressiva erhalten haben, und mit Outcomes, die für Patienten wirklich
relevant sind."
Völlig neue Situation auf dem Psychopharmamarkt in der Gegenwart
Mittlerweile ergibt sich auf dem Psychopharmakamarkt eine völlig neue
Situation gegenüber früheren Zeiten:
-
Noch vor einigen Jahren warf man den
Pharmafirmen vor, sie würden mit Psychiatern zusammen Diagnosekriterien
für psychische Störungen entwickeln, die dazu geeignet seien, möglichst
rasch bestimmte Psychopharmaka zu verschreiben, um den Profit der Firmen
durch neue Markenpräparate zu steigern.
-
In den letzten Jahren hat sich das Blatt völlig
gewendet: In der Psychiatrie gibt es - zumindest in Deutschland seit
2011 - mithilfe von neuen Präparaten, die
substanziell nicht besser sind als die alten, aus der Sicht der
Pharmakonzerne nicht viel zu verdienen, verglichen mit früher, vor allem
auch seit die meisten Markenpräparate nach Auslaufen des Patentschutzes durch billigere Generika ersetzbar
sind.
-
Alle
großen Pharmafirmen haben sich wegen Aussichtslosigkeit von der Entwicklung
grundsätzlich neuer Substanzen, die völlig anders wirken als durch die
Beeinflussung des Serotonin-, Noradrenalin- und Dopaminspiegels, zurückgezogen und investieren
ihr Geld lieber in die
Entwicklung von Medikamenten für körperliche Erkrankungen, weil
dort der größte Gewinn zu erwarten ist.
Der
Vorstandschef einer großen Pharmafirma spricht die Gründe dafür
offen aus:
"Es ist überaus schwierig, zu beweisen, dass ein
Depressionsmedikament wirkt, da die Besserungen der Patienten mit
subjektiven Einschätzungsfragebögen gemessen werden und nicht mit
eindeutigen Bluttests oder anderen biologischen Messwerten, wie bei anderen
Krankheiten."
Das ist ein Eingeständnis des Umstands, dass aus der
Höhe des Serotonin- und Noradrenalinspiegels im Gehirn nichts ausgesagt
werden kann über das Ausmaß einer Depression und deren Besserung durch
Antidepressiva. Noch dazu kann man den Serotoninspiegel im Hirn gar nicht
messen, sondern nur den im Blut, der nichts aussagt über die Menge im Gehirn.
Sonst hätten sich gerade Pharmafirmen schon längst für
objektivere Beurteilungskriterien entschlossen als für die subjektive
Beurteilung der Wirksamkeit von Antidepressiva anhand einer
Fremdbeurteilungsskala durch Psychiater - üblicherweise die
Hamilton-Depressions-Skala mit 17 Fragen mit Punktwerten von 0 bis 4;
insgesamt mögliche Punkte: 0-52; leichte Depression: 9-16 Punkte,
mittelschwere Depression: 17-24
Punkte, schwere Depression: ab 25 Punkten.
Hamilton-Depressionsskala:
|
|
Symptom
|
Mögliche
Punkte
|
|
1.
|
Depressive Stimmung
|
0-4
|
|
2.
|
Schuldgefühle
|
0-4
|
|
3.
|
Lebensüberdruss und Suizidgedanken
|
0-4
|
|
4.
|
Einschlafstörungen
|
0-2
|
|
5.
|
Durchschlafstörungen
|
0-2
|
|
6.
|
Früherwachen am Morgen
|
0-2
|
|
7.
|
Antrieb/Arbeitsfähigkeit
|
0-4
|
|
8.
|
Konzentrationsschwierigkeiten und Verlangsamung des Denkens
|
0-4
|
|
9.
|
Unruhe und Erregung
|
0-4
|
|
10.
|
Innerliche Angst
|
0-4
|
|
11.
|
Körperliche Angstzeichen
|
0-4
|
|
12.
|
Appetitlosigkeit
|
0-2
|
|
13.
|
Schwere- und Schwächegefühl des Körpers
|
0-2
|
|
14.
|
Sexuelle Störungen
|
0-2
|
|
15.
|
Krankheitssorgen
|
0-4
|
|
16.
|
Gewichtsverlust
|
0-2
|
|
17.
|
Krankheitseinsicht (Nicht-Erkennen, dass die Beschwerden auf eine
Depression zurückgehen)
|
0-2
|
|
|
Summe der Punkte
|
|
Ein häufiger Kritikpunkt am weltweiten Einsatz
dieser Skala, die traurigerweise nicht einmal durch eine bessere ersetzbar
ist: Bei einer großen Zahl an Studienteilnehmern besteht aus statistischen
Gründen bereits ab 2 Punkten in der Hamilton-Depressionsskala ein
signifikanter Unterschied zwischen Antidepressiva- und Placebo-Gruppe,
woraus von den Studienautoren und den die Studien finanzierenden
Pharmafirmen gefolgert wird, dass das verabreichte Medikament einem Placebo
überlegen sei. Tatsächlich besteht jedoch erst bei etwa 8 Punkten
Unterschied in der Skala ein echter, klinisch relevanter Unterschied, der
sich tatsächlich in einer deutlichen Aufhellung der Depression aus
der Sicht der Betroffenen und deren Angehörigen zeigt.
Prof. Florian Holsboer,
ehemaliger Direktor des Max-Plack-Instituts in München, bezweifelte bereits
in den 1980er-Jahren die Neurotransmitter-Mangelhypothese bei Depressionen. Er sah
Depressionen in einem erhöhten Cortisolspiegel begründet, der durch einen
mangels unzureichendem Feedback-Mechanismus überaktiven Hypothalamus
ausgelöst werde, was die Fachwelt und auch mich selbst als medizinischen
Laien vor Jahren sehr beeindruckt hatte - und auch heute noch recht
plausibel wirkt.
Mittlerweile musste Holsboer jedoch zugeben, dass
nicht alle Depressiven einen erhöhten Cortisolspiegel aufweisen. Darüber
hinaus musste er akzeptieren, dass eine Pharmafirma, mit der er
zusammenarbeitete, wegen Aussichtslosigkeit nicht bereit war, ein bestimmtes
Medikament zur Behandlung einer derart verursachten Depression
weiterzuentwickeln.
Auch
Holsboer stellte, ähnlich wie die Pharmafirmen, fest:
"Diagnosen in der Psychiatrie sind beliebig, weil
sie keine objektiven Laborergebnisse enthalten. Man hat kein Röntgenbild,
keine Blutwerte, es sind auf verbaler Kommunikation basierende
Einschätzungen. Diagnosekriterien ändern sich alle zehn Jahre."
Noch vor der neuesten
Antidepressiva-Vergleichsstudie aus dem Jahr 2018 stellte
Holsboer bereits 10 Jahre früher im Jahr 2008 fest:
"Trotz jahrzehntelanger Bemühungen ist es weder der
akademischen noch der industriellen Forschung gelungen, Medikamente zu
entwickeln, die sich von den in den 1950er Jahren entwickelten trizyklischen
Antidepressiv (TZA) vom Imipramin-Typ grundsätzlich unterscheiden... Das
klinische Profil der neuen Substanzen hat sich nicht entscheidend geändert.
Wie bei den Substanzen der ersten Generation der Antidepressiva ist deren
Wirklatenz zu lange und die Remissionsrate, d.h. der Anteil der Erkrankten,
die unter Therapie nahezu frei von depressiven Symptomen werden, zu gering."
Bei damals sogenannten "endogen Depressiven" fand
man bereits im Jahr 1996 in München keine signifikante Erniedrigung des
Serotoninspiegels im Liquor (Gehirnflüssigkeit). Die Serotoninkonzentration im Gehirn kann man
bereits seit vier Jahrzehnten im Liquor messen.
Mithilfe von Lumbalpunktion wurde auch anderenorts die
Zusammensetzung des Liquors bei Gesunden und Depressiven verglichen - ohne
bedeutsame Unterschiede, auch nicht durch die Verabreichung von
Antidepressiva.
Antidepressiva können den Serotoninspiegel erhöhen,
vermindern oder konstant halten - wiederum ohne Auswirkungen auf das Ausmaß
der Depression. Verschiedene Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen dem
Serotoninspiegel im Gehirn und der klinischen Besserung einer Depression.
Später kam man auf die Idee, bei stark depressiven
Personen bestehe ein Mangel an Noradrenalin im
Gehirn, was das Wesen der Noradrenalin-Hypothese der Depression
ausmacht.
Doch auch diese ließ sich nicht bestätigen.
Das ist das Grundproblem bei der Überprüfung der
Wirksamkeit von Antidepressiva: Antidepressiva wirken bei Depressionen und
Angststörungen nicht wie bestimmte Medikamente bei körperlichen
Erkrankungen.
Bei der Gabe von Insulin an Patienten mit Diabetes
mellitus Typ I
sinkt bei allen Betroffenen sofort dosisabhängig in gleichem Ausmaß der
Blutzuckerspiegel, ohne dass ein Placeboeffekt vorhanden ist.
Genau diese Wirkungsweise ist bei Antidepressiva
nicht gegeben: Den einen hilft ein bestimmtes Antidepressivum, den anderen
dagegen überhaupt nicht. Bei den einen wirkt eine so geringe Dosis, dass
dies rein pharmakologisch kaum erklärbar ist; die anderen brauchen zur erlebten Wirksamkeit eine Dosis, die für
körperlich sehr sensibel reagierende Personen wegen der starken Nebenwirkungen völlig unaushaltbar ist.
Das Fehlen biologischer Tests ist ein unumstrittenes
Faktum unter Experten: Alle Versuche, mithilfe von Laborwerten oder
bildgebender Diagnostik (Untersuchungen des Gehirns mit den besten Methoden)
das Bestehen oder Verschwinden einer Depression nachzuweisen, sind
gescheitert!
Man kann für psychiatrische Diagnosen wie
Angststörungen und Depressionen weder eine bestimmte Medikamentendosis als
für alle Betroffenen wirksam festlegen noch klar angeben, welches
Antidepressivum bei welcher Art der Störung besser oder schlechter ist.
In den deutschen
Leitlinien Unipolare Depressionen heißt es zusammenfassend zu
Antidepressiva-Vergleichsstudien:
"Zum Vergleich neuerer Antidepressiva miteinander
liegen zwei sehr große, systematische Metaanalysen vor. Cipriani et al. ...
kommen zu dem Ergebnis, dass Mirtazapin, Escitalopram, Venlafaxin und
Sertralin besonders wirksam sind, Mirtazapin und Venlafaxin aber Nachteile
bei der Verträglichkeit haben, so dass die Autoren eine vorsichtige
Empfehlung für Escitalopram und Sertralin aussprechen, sofern nicht
patientenbezogene Gründe für andere Substanzen sprechen. Gartlehner et al.
... hingegen kommen zu dem Ergebnis, das keine klinisch relevanten
Unterschiede zwischen den untersuchten neueren Antidepressiva bestehen und
daher kein spezifisches Antidepressivum empfohlen werden kann. Aufgrund
dieser Uneinheitlichkeit der Datenlage und Interpretation verzichtet auch
diese Leitlinie auf die generelle Empfehlung eines oder weniger spezifischer
Antidepressiva, stellt aber im Folgenden weitere wichtige Erkenntnisse aus
systematischen Vergleichsuntersuchungen dar. In einer weiteren Metaanalyse
wird die Wirksamkeit der SSRI mit anderen Antidepressiva (vornehmlich
trizyklische Antidepressiva) im ambulanten Bereich verglichen.
Eingeschlossen waren 98 randomisiertkontrollierte Studien mit insgesamt 9
554 Patienten (5 044 unter SSRI und 4 510 unter anderen Antidepressiva).
Dabei zeigte sich kein klinisch signifikanter Unterschied hinsichtlich der
Wirksamkeit. Dies deckt sich mit den Ergebnissen der systematischen Analysen
der NICE-Leitlinie... In einer anderen großen Metaanalyse wurden 102 Studien
mit insgesamt 10 706 Patienten eingeschlossen, in denen die antidepressive
Wirksamkeit von SSRI und TZA verglichen wurde. Auch hier ergab sich für die
Gesamtgruppe kein Wirksamkeitsunterschied, jedoch zeigte sich, dass TZA bei
der Subgruppe der stationär behandelten depressiven Patienten signifikant
wirksamer waren..."
Die Krise der Psychopharmakotherapie
Darin zeigt sich die
Krise der Psychopharmakotherapie: In den letzten 20 Jahren wurden
zur Behandlung von Angststörungen und Depressionen letztlich keine besseren
Antidepressiva entwickelt als die seit den 1960er-Jahren vorhandenen,
älteren trizyklischen Präparate, die allerdings mehr Nebenwirkungen
aufweisen, sodass derzeit vorwiegend die neueren Mittel vom Typ der SSRI
wegen deren verminderter Nebenwirkungen verschrieben werden.
Bei laut Studien nur gleicher Wirksamkeit wie ältere
Antidepressiva erhalten neue Antidepressiva aufgrund kostensparender
Maßnahmen der Gesundheitsbehörden in Deutschland nicht die Zulassung als
Markenpräparat zu einem höheren Preis, sondern nur zum Preis von Generika,
sodass die Herstellerfirmen das neue Mittel in Deutschland oft gar nicht auf den
Markt bringen, weil dies negative Auswirkungen auf den Preis in anderen
Ländern der EU hätte.
Dieser Umstand kann dazu führen, und zwar in allen
Bereichen der Medizin, dass neuere Medikamente von deutschen Pharmafirmen in
Deutschland gar nicht erhältlich sind, wohl aber in Österreich und
anderswo.
Einer der ersten und schärfsten Kritiker der modernen Antidepressiva in Form von
Büchern und Artikeln ist der irische Psychiater
David Healy. Er bezeichnete die Serotonin-Hyothese der Depression als blanke
Marketingerfindung der pharmazeutischen Industrie. Er deckte deren schlimme
Methoden auf und entfachte auch eine breite Diskussion über die geringen
Wirkungen und schädlichen Auswirkungen der SSRI.
Die Krise der Psychopharmakotherapie zeigt sich vor allem auch in dem Umstand, dass
Menschen mit Angststörungen und Depressionen, die mit Tranquilizern und Antidepressiva nicht
ausreichend behandelbar sind, zunehmend Präparate aus vier anderen
Medikamentengruppen erhalten, die primär für Menschen mit anderen Krankheiten
entwickelt wurden:
-
Atypische Neuroleptika.
In hoher Dosis für Menschen mit Schizophrenie entwickelt, werden immer
häufiger sogenannte atypische Neuroleptika, d.h. Neuropletika der
zweiten Generation, in niedriger Dosis bei Menschen mit Depressionen, Angst- und
Zwangsstörungen eingesetzt. Am häufigsten verordnet wird die Substanz
Quetiapin (Seroquel, Quetialan), aber auch Olanzapin (Zyprexa),
Aripiprazol (Abilify) und Risperidon (Risperdal).
-
Antiepilektika. Für
Menschen mit Epilepsie entwickelt, werden Antikonvulsiva aufgrund ihrer emotional
stabilisierenden Wirkung vor allem bei Menschen mit Generalisierter
Angststörung eingesetzt, insbesondere Pregabalin (Lyrica), das bei
Langzeiteinnahme, wie dies bei einer Generalisierten Angststörung der
Fall ist, zu immer häufiger berichteten Abhängigkeitseffekten führen
kann.
-
Antihistaminika. Die Substanz Hydroxyzin
(Atarax), seit 1956 auf dem Markt, ist ein
antiallergischer Wirkstoff aus der Gruppe der 1. Generation mit
beruhigenden Eigenschaften. Sie wird zur Behandlung von Juckreiz und
bestimmten Hautkrankheiten eingesetzt, seit den 1950er-Jahren vor allem
auch wegen der dämpfenden Wirkung zur Absenkung der emotionalen Erregung
und des Angstniveaus als Alternative zu langfristig abhängig machenden
Tranquilizern. Trotz des oft unbedenklichen Einsatzes, abgesehen von der doch deutlich
höheren unerwünschten Dämpfung als bei einem Tranquilizer, erfolgt hier für
bestimmte Fällen eine wichtige
Sicherheitswarnung. Demnach sollte nur die niedrigstmögliche Dosis
eingesetzt werden, nämlich 25 mg, zu Beginn zur Austestung vorerst nur eine
halbe Tablette, d.h. 12,5 mg. Anstelle von abhängig machenden Tranquilizern
(was übrigens von den Pharmafirmen erst zwei Jahrzehnte nach deren
Zulassung zugegeben wurde, als man in der klinischen Praxis schrittweise
auf die viel teureren, für die Pharmafirmen viel lukrativeren SSRI
umgestiegen war), wird also weiterhin ein Mittel verschrieben, das noch
vor den trizyklischen Antidepressiva auf den Markt gekommen war! Es gibt
nämlich trotz intensiver Forschung nach wie vor keine nicht abhängig
machenden Tranquilizer.
-
Beta-Blocker. Zur Beeinflussung einer
starken vegetativen Symptomatik (Herzrasen oder -stolpern, Zittern u.a.)
werden manchmal Beta-Blocker eingesetzt. Sie zeigen jedoch
keine Wirkung bei Angst oder
Panik. Eine längere, organmedizinisch nicht indizierte Einnahme kann den
Blutdruck senken, bei Langzeiteinnahme, wie dies manchmal bei Menschen
mit Panikstörung oder Sozialer Angststörung vorkommt, besteht auch die Gefahr
depressiver Folgezustände.
Entsprechende medikamentöse Verordnungen dieser vier
Gruppen von Medikamenten erfolgen mit der
Begründung, dass diese aufgrund der klinischen Erfahrung oder gar
untermauert durch Forschungsbefunde auch Menschen mit depressiven und
Angststörungen helfen können. Sollten diese Mittel tatsächlich wirksam sein,
wird einmal mehr deutlich, dass Angststörungen und Antidepressiva nicht
durch einen Mangel an Serotonin und Noradrenalin erklärbar sind.
Als Psychotherapeut mit Ausbildung in
Verhaltenstherapie und Systemischer Familientherapie sehe ich in der Krise
der Psychopharmakotherapie eine
große Chance, Menschen mit psychischen Problemen, vor allem mit
Angststörungen und Depressionen, helfen zu können, denen die traditionell eingesetzten
Psychopharmaka nicht bzw. nicht ausreichend helfen können - oder die diese
oft gar nicht brauchen! Immerhin erleben mehr als 17 % aller Menschen im
Laufe ihres Lebens mindestens einmal eine depressive Episode.
Prof. Gartlehner von der Donau-Universität Krems veröffentlichte im Jahr
2015 gemeinsam mit amerikanischen Kollegen eine Metastudie, die 45 Studien
analysierte. Demnach ist bei schweren Depressionen eine Kognitive
Verhaltenstherape genauso wirksam wie Antidepressiva.
Der forcierte Schwimmtest bei Mäusen - Wie
die meisten Antidepressiva bei Untersuchungen an Mäusen entwickelt wurden
Eine Maus beginnt mit Schwimmbewegungen, um ihrer
misslichen Lage zu entkommen, wenn sie in ein mit Wasser vehalbgefülltes
Glasbecken
gebracht wird, und gibt ihre Bemühungen nach einiger Zeit auf und lässt sich
im Wasser treiben, wenn sie die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen erkannt
hat. Sie reagiert resignativ - eben "depressiv". Der Wechsel vom aktiven
Schwimmen zum Sich-Treiben-Lassen stellt den Übergang zur "Depressivität"
dar.
Verabreicht man der Maus nun ein Antidepressivum,
bleibt sie länger aktiv, d.h. schwimmt sie länger um ihr Leben. Ein
Antidepressivum wird demnach umso wirksamer eingeschätzt und daher weiter
erforscht, je länger die Maus aktive Schwimmbewegungen ausübt. Doch reicht
dieses Tiermodell zur Erklärung einer menschlichen Depression aus?
Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult.
Florian Holsboer, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für
Psychiatrie in München, erklärte dazu: "Mit der Depression als
Krankheitsmodell hat dies nichts zu tun."
Und weiter schreibt er dazu:
"Die wichtigste Lehre hieraus ist: Tiermodelle dürfen nicht überstrapaziert
werden. Das Signal für die Forschung muss aus der Klinik kommen, und die
Hypothesen aus der Forschung sollen auf schnellstem Wege am Menschen geprüft
werden. Hierzu müssen auf hochspezialisierten klinischen Forschungsstationen
Ärzte verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten."
Wenn schon, dann Antidepressiva richtig
einnehmen!
Antidepressiva sind bei der Behandlung von Angststörungen
die bedeutsamste medikamentöse Alternative zu Benzodiazepinen.
Sie
haben einen
Angst und Anspannung lösenden Effekt
und machen nach herkömmlicher Auffassung nicht abhängig - was allerdings aufgrund neuerer
Erkenntnisse zunehmend bestritten wird.
Antidepressiva können in geringeren oder höheren Dosen 3-12
Monate oder länger als Dauermedikation verwendet werden. Sie sind nicht
sporadisch oder punktuell, sondern kontinuierlich einzunehmen über einen
Zeitraum von mindestens sechs Monaten.
Antidepressiva wirken erst nach einigen Wochen regelmäßiger Einnahme angstlösend, stimmungsaufhellend bzw. dämpfend. Im stationären Bereich können
Infusionen den Wirkungseintritt mitunter beschleunigen.
Während der ersten Wochen treten bei mindestens 25-30% der Patienten
Nebenwirkungen auf, die insbesondere
Panikpatienten an ihre gefürchteten Symptome erinnern, weshalb die
Medikamente nicht selten abgesetzt werden: Übelkeit, Kopfschmerzen,
Schwindel, Schlafstörungen, Zittern, Herzrasen, Angstgefühle, Unruhe,
Nervosität u.a.
Nebenwirkungen treten bei empfindlichen Personen, zu denen viele
Panikpatienten gehören, insbesondere auch dann auf, wenn die angestrebte
Wirkdosis nicht langsam steigend eingenommen wird.
Eine
„einschleichende Medikation“ mit
anfangs einer halben Tablette ist
unbedingt zu empfehlen, z.B. alle 3-4 Tage Steigerung in Schritten von 5, 10
bzw. 25 mg (je nach SSRI-Medikament). Im weiteren
Behandlungsverlauf können
medikamentenspezifische Nebenwirkungen
auftreten.
Die Nebenwirkungen sind am stärksten bei den trizyklischen
Antidepressiva (TZA) und am geringsten bei selektiven
Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI).
Zur Verminderung der möglichen
Nebenwirkungen (z.B. übermäßige Sedierung) sollten trizyklische
Antidepressiva wie Saroten zur Angstbehandlung am besten täglich nur einmal, und zwar
abends, eingenommen werden, da sie wegen der relativ langen Halbwertszeit
auch am nächsten Tag noch voll wirksam sind.
SSRI, die zwar
angstlösend, aber nicht dämpfend wirken, sollten dagegen zur Vermeidung
einer gewissen Unruhe und vor allem auch von Einschlafstörungen unbedingt morgens und
keinesfalls abends eingenommen werden.
Das spätere
Absetzen
der Antidepressiva muss langsam-stufenweise erfolgen („ausschleichend“ über
mehrere Wochen), um panikähnliche Nebenwirkungen zu vermeiden.
Es gibt immer mehr Berichte, dass zahlreiche Betroffene monatelang zum
Absetzen benötigen oder dies gar nicht schaffen.
Machen Antidepressiva bei Langzeiteinnahme
abhängig?
Antidepressiva machen zumindest nach früheren Sichweisen nicht abhängig, daher treten nach traditioneller
Auffassung, die zunehmend
umstritten ist, keine
länger anhaltenden Entzugserscheinungen, sondern angeblich nur Absetzeffekte auf.
Bei plötzlichem Absetzen (z.B. wegen
vermeintlicher Unwirksamkeit oder wegen des Beginns einer Psychotherapie)
ist mit folgenden
sehr unangenehmen Absetzerscheinungen
zu rechnen: innere Unruhe und Anspannung, Reizbarkeit, Missgestimmtheit,
Angstzustände, vegetative Symptome (z.B. Übelkeit, Magen-Darm-Störungen,
Schwindel, Bewegungsstörungen, Schlafstörung).
Paradoxerweise erhöht die mehrjährige Einnahme von
Antidepressiva die Rückfallsgefahr, statt diese zu vermindern, wie immer
behauptet wird - ein Faktum, auf das Prof. Dr. Winfried
Rief
in der Angst-Zeitschrift daz hingewiesen hat:
"Auch wenn es nur wenige Studien sind, so sind die
Ergebnisse doch extrem beeindruckend: Gerade nach mehrmonatiger oder
mehrjähriger Therapie mit Antidepressiva steigt die Rückfallsgefahr beim
Absetzen auf z.T. über 80%. Bei Menschen, die eine indizierte
psychotherapeutische Behandlung mitgemacht haben, findet sich nach deren
Beendigung in der Regel ein geringeres oder gar kein Rückfallrisiko."
Rief weist als Folge der frustrierenden Befunde
bezüglich der Wirksamkeit von Antidepressiva auf ein geändertes Verhalten
der Pharmaindustrie hin:
"Die Pharma-Industrie hat sich aus der Entwicklung
von Psychopharmaka fast vollständig zurückgezogen; (nur) sie kennen aber die
wahren Daten der publizierten UND der unpublizierten Studien. Trotzdem: Die
Zahl der Verordnungen in der Praxis steigt und steigt ..."
Und weiter schreibt Rief:
"Im Tierversuch gibt es eine Reihe von Studien, die
zeigen, dass z.B. Affen oder auch Nager, die vor oder während der Pubertät
Psychopharmaka bekommen, als ausgewachsene Tiere nicht weniger, sondern mehr
Angst aufweisen, leichter erschreckbar sind, weniger mutig neue Bereiche
explorieren, sondern sich stark zurückziehen. In anderen Worten: Die
Psychopharmaka haben zwar kurzfristig geholfen, Ängste und depressive
Symptome zu unterdrücken, langfristig sind die Tiere jedoch Angst-sensibler
geworden."
Ähnliches ist auch bekannt von der Langzeiteinnahme
opiathältiger Schmerzmittel: Sie machen langfristig schmerzsensibler!
Es ist also eine Tatsache, die erst seit einigen
Jahren bekannt ist: Menschen, die jahrelang durchgehend
Antidepressiva eingenommen haben, können diese oft viel schwerer absetzen als
jene Personen, die nur eine kürzere Einnahme erlebt haben, und leiden oft
auch unter zahlreichen anderen Langzeitfolgen.
Verschiedene Psychiater schlagen bereits vor, dass man beim
nicht erfolgreichen Absetzen von Antidepressiva nicht von einem
Absetzsyndrom, sondern von einem
Entzugssyndrom
sprechen sollte. Psychiater wie Prof.
Voderholzer geben mittlerweile zu, dass Antidepressiva abhängig machen
können.
Diese Frage muss berechtigt sein: Zeigen sich
aufgrund der langen, oft jahrzehntelangen Einnahme der gängigen
Antidepressiva bei bestimmten Personen erst jetzt zunehmend jene
Langzeitfolgen, die früher auch bei der Langzeiteinnahme von Tranquilizern
festgestellt wurden, deren Abhängigkeitspotenzial früher ebenfalls verharmlost wurde
und die seinerzeit als durchaus probate Mittel bei Angststörungen und auch
Depressionen verschrieben worden waren?
Prof. Dr. Bruno
Müller-Oerlinghausen, der ehemalige langjährige Vorsitzende der
Arneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und frühere Leiter der
Forschungsgruppe Klinische Psychopharmakologie an der Psychiatrischen Klinik
der Freien Universität Berlin, schreibt im Vorwort zum Buch
"Unglück auf Rezept. Die Anti-Depressiva-Lüge und ihre Folgen", die
pharmazeutische Industrie habe den Psychiatern und den Patienten eingeredet,
"die Depression sei eine Serotoninmangelkrankeit" und stellt bezüglich der
Wirksamkeit und der Auswirkungen von Antidepressiva Folgendes fest:
"Auch die quälenden Symptome beim Absetzen
eines längere Zeit eingenommenen Antidepressivums scheinen viele Kollegen
nicht geläufig zu sein ... Es werden zu viele Antidepressiva verordnet, und
die Verordnung geschieht vermutlich oft nicht nach einer adäquaten
Aufklärung des Patienten... Antidepressiva sind keine besonders wirksamen
Medikamente, in vielen Fällen sind sie gar nicht indiziert. Da wo sie
vielleicht helfen könnten, sollten sie dann aber auch mit der notwendigen
Kritik und fachlichen Kompetenz angewandt werden. Antidepressiva sind keine
Lollipos."
Der sehr kritische und streitbare dänische Forscher
Prof. Dr. Peter Gøtzsche fand bei einer Auswertung der Daten der
Sozialversicherungsbehörden in Finnland heraus, dass fünf Jahre später noch
immer mehr als die Hälfte derer, die ein SSRI-Antidepressivum eingenommen
hatten, von diesem Mittel nicht losgekommen war - aufgrund von Abhängigkeit
durch Langzeitgebrauch.
Das britische Arneimittelbewertungsinstitut NICE rät
mittlerweile dringend davon ab, bei leichten und mittelschweren Depressionen
Antidepressiva zu verordnen.
In Deutschland wird in einer Leitlinie für Ärzte
empfohlen, bei einer leichten depressiven Episode kein Antidepressivum zu
verschreiben.
Symptome des Absetzsyndroms bei den modernen Antidepressiva
Die negativen Absetzeffekte bei Antidepressiva vom
Typ der SSRI gelten mittlerweile bereits als Diagnose nach dem ICD-10 und
dem amerikanischen DSM-5.
Folgende Symptome
sind typisch: Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, stromschlagartige Empfindungen
im Körper bzw. Gehirn, grippeartige Schmerzen, Fieber, Schweißausbrüche,
Schüttelfrost, Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle,
Ratlosigkeit und Hyperaktivität, erhöhte Reizbarkeit, Verwirrung,
Aggressivität und erhöhte Gewaltneigung (im Extremfall), Panikattacken,
dauerhafte Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, selbstverletzendes
Verhalten, Selbstmordgedanken, Selbstmordversuche.
Gerade die Thematik von versuchten oder gar
gelungenen Selbsttötungen wird von Pharmafirmen immer wieder zu vertuschen
versucht. In den USA und in England wurden im Laufe der Jahre Pharmafirmen
bereits zu hohen Geldstrafen verurteilt, was bei uns kaum bekannt ist.
Antidepressiva und andere Substanzen bei
Angststörungen
Die Zulassung bestimmter Antidepressiva zur
Behandlung bestimmter psychischer Störungen hängt von zwei Faktoren ab:
Nachweis von deren Wirksamkeit sowie entsprechender Antrag vonseiten der
Herstellerfirma.
Große Pharmafirmen haben mehr Geld und bessere
Möglichkeiten zur Entwicklung und Wirksamkeitsüberprüfung von
Psychopharmaka.
Generalisierte Angststörung (GAS)
Zur Behandlung einer
Generalisierten Angststörung sind in Deutschland die Antidepressiva
Paroxetin
(Seroxat),
Escitalopram
(Cipralex),
Venlafaxin
(Trevilor, Efectin) und
Duloxetin
(Cymbalta) sowie
Pregabalin (Lyrica),
Opipramol
(Insidon) und
Buspiron
(Buspar) zugelassen, wenngleich auch andere Mittel verschrieben werden, wie
etwa Sertralin oder Citalopram.
Pregabalin ist
ein Antiepileptikum, das auch zur Behandlung von chronischen
Schmerzstörungen zugelassen ist.
Opipramol
ist
ebenfalls kein Antidepressivum, sondern bindet im Gehirn an sogenannten
Sigma-1-Rezeptoren, der vollständige Wirkmechanismus ist jedoch nicht
geklärt; es ist auch zur Behandlung von Somatoformen Störngen zugelassen.
Buspiron wirkt
vermutlich als
partieller
Agonist
an
5-HT1A-Rezeptoren
und als Antagonist
an D2-Rezeptoren,
wurde bereits 1986 erstmals zur Behandlung einer GAS zugelassen und wird
aufgrund von neueren Alternativen immer seltener eingesetzt.
Hydroxyzin (Atarax) als Antihistiminikum
der ersten Generation wird ohne
spezielle GAS-Indikation, jedoch empfohlen bei allgemeinen Zuständen von
Angst, innerer Unruhe und Schlafstörungen oft auch bei GAS als Alternative
zu Tanquilizern verschrieben.
Panikstörung
Zur Behandlung einer
Panikstörung sind in Deutschland die Substanzen Citalopram,
Escitalopram, Paroxetin, Sertralin, Venlafaxin und Clomipramin zugelassen.
Zur Akutbehandlung von Panikattacken werden vor
allem die rasch (innerhalb einer halben Stunde) wirksamen Tranquilizer
Alprazolam (Tafil in D, Xanor in Ö),
Lorazepam (Tavor in D, Temesta in Ö) und
Diazepam (Valium) in rasch wirksamer
Tropfenform verschrieben, die bei mehrmonatiger regelmäßiger Einnahme gerade
wegen der raschen Wirksamkeit schnell abhängig machen. Angst- und
Panikstörungen werden durch Tranquilizer nicht geheilt, es werden lediglich
die typischen Symptome vorübergehend unterdrückt.
Tranquilizer werden wegen der Gefahr der
Abhängigkeit und anderer möglicher Folgen bei Langzeiteinnahme
(Demenzerscheinungen) zugunsten von Antidepressiva und niedrig dosierten
Neuroleptika im Vergleich zu früher zunehmend seltener verschrieben. 2007
war Lorazepam das zweitmeistverordnete Psychopharmakon in Deuschland.
Soziale Angstgstörung
Zur Behandlung einer
Sozialen Angststörung sind in Deutschland die Antidepressiva
Escitalopram, Paroxetin, Sertralin, Venlafaxin und Moclobemid zugelassen.
Buch
"Antidepressiva. Wie man sie richtig anwendet und wer sie nicht nehmen
sollte" von Psychiatrie-Professor Dr.
Tom Bschor - unbedingt kaufen und lesen!!
Im Folgenden werden in eigenen Worten zentrale Aussagen des ausgezeichneten,
für Betroffene geschriebenen Buches von Prof. Bschor aus Berlin
(unter zusätzlicher Berücksichtigung von Artikeln gemeinsam mit
Mitarbeitern) zusammenfassend dargestellt, der auch maßgeblicher Mitautor der
therapeutischen Leitlinien bei Depressionen ist:
-
Antidepressiva seien nach Prof. Bschor "keine
besonders effektiven Medikamente"; er habe täglich mit Patienten zu tun,
die jahrelang Anidepressiva ohne Besserung einnehmen, diese nach
langjähriger Einnahme ohne Rückfälle nicht absetzen könnten, er erlebe
im Behandlungsalltag aber auch regelmäßig klare Erfolge damit. Aus
wissenschaftlicher Sicht müsse man zugeben, dass man "bezüglich der
Entstehung von Depressionen noch ziemlich im Dunkeln" tappe. Die meisten
psychischen Störungen wie auch die Depressionen seien multifaktoriell
bedingt (biologisch, psychologisch, sozial). Depressionen lassen sich am
besten nach dem "Vulnerabilitäts-Stress-Modell" erklären.
-
Die Einnahme von Antidepressiva sollte aufgrund
der hohen Praceboeffekte von durchschnittlich 50 % auf der bewussten
Entscheidung der Betroffenen beruhen. Bei Bedrängung durch andere
Personen wie Ärzte, Verwandte oder Bekannte wird der Placeboeffekt nur
gering sein oder sogar negativ im Sinne eines sogenannten Noceboeffekts.
Mit jeder gescheiterten Behandlung sinkt die Hoffnung auf eine Besserung
durch Antidepressiva und damit auch die Placebowirkung.
-
Alle Antidepressiva
– die älteren und auch die neueren – erhöhen (von wenigen Ausnahmen
abgesehen) – die Konzentration der Nervenbotenstoffe Serotonin und
Noradrenalin im synaptischen Spalt, allerdings auf unterschiedliche
Weise. Das hat Auswirkungen auf die Verordnungspraxis: Wirkt das
erste Antidepressivum nicht, wird aufgrund der letztlich gleichen
Wirkungsweise auch das zweite Antidepressivum vorhersehbar nicht besser
wirken als das erste, was durch systematische Analysen herausgefunden
wurde, sodass ein Wechsel nicht erfolgversprechend ist, sondern die
weitere Einnahme des ersten MIttels empfohlen wird.
-
In jeder zweiten Studie war das Antidepressivum
nicht besser wirksam als das Placebo, wenn man veröffentlichte und nicht
veröffentlichte Studien zusammennimmt. Bei den veröffentlichten Studien
schnitten dagegen in 94 Prozent aller Studien die Antidepressiva besser
ab. Zwei Drittel jener Studien, die von den Zulassungsbehörden negativ
beurteilt worden waren, wurden nie in Fachzeitschriften veröffentlicht.
Selbst negativ beurteilte Studien wurden im Falle einer Veröffentlichung
so dargestellt, als wäre das Antidepressivum besser gewesen als das
Placebo. Dahinter steht das große Interesse der Pharmafirmen und der an
der Studie teilnehmenden Ärzte am Erfolg des Antidepressivums im
Vergleich zum Placebopräparat. Mit diesem Ziel vor Augen erfolgt bereits
das jeweilige Studiendesign.
-
Nur die Hälfte der
Depressiven spricht überhaupt auf ein als erfolgreich ausgewiesenes Antidepressivum an. Dabei ist zu bedenken:
Nur 25 bis 32 Prozent der Besserung unter Einnahme eines
Antidepressivums gehen tatsächlich auf die chemisch-pharmakologische
Wirkung des Medikaments zurück. Selbst dieser Wert ist noch zu hoch,
weil nur jene Studien veröffentlicht wurden, bei denen die untersuchten
Antidepressiva erfolgreich waren. Studien mit negativen Ergebnissen
werden nicht publiziert, weil dies weder im Interesse der Pharmafirmen
als Geldgeber noch im Interesse der Karriere-interessierten Ärzte ist.
Weiters werden in die Studien nur Menschen mit Depressionen, ohne
zusätzliche psychische und körperliche Erkrankungen aufgenommen, obwohl
in der Praxis dann auch diesen Personen ungeprüft die jeweiligen
Antidepressiva als gleich wirksam wie bei Menschen mit
Mehrfacherkrankung angekündigt werden. Der Behandlungseffekt durch
Antidepressiva wird vor allem auch durch den Umstand reduziert, dass
sowohl die Studienteilnehmer als auch deren behandelnde Ärzte im Laufe
der mehrmonatigen Behandlungszeit erkennen, wer ein Antidepressivum und
wer ein Placebo erhalten hat, was sich auf die Beurteilung der jeweils
erlebten Behandlung auswirkt. In früherer Zeit, als noch keine derart
strengen ethischen Maßstäbe bestanden wie heutzutage, wurden sogenannte
"aktive Placebos" eingesetzt, d.h. Mittel wie Atropin (aus der
Tollkirsche), die tatsächlich Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit
produzierten - mit dem Ergebnis, dass nur in einer von sechs Studien das
trizyklische Antidepressivum dem Placebo überlegen war.
-
Die Erfolgsbeurteilung hängt stark von der
verwendeten Depressionsskala ab. Die Hamilton-Depressionsskala ergibt dann einen
besseren Behandlungseffekt, wenn im Rahmen der Depression auch eine
erhebliche Schlafstörung besteht, weil bei dieser Skala den
depressionsbedingten Schlafstörungen eine höhere Bedeutung zugemessen
wird als bei einer anderen Skala. Doch selbst ein statistisch signifikanter Unterschied
im erreichten Depressionswert am Ende der Studie bedeutet nicht
unbedingt bereits eine bessere Wirksamkeit des Antidepressivums
gegenüber dem Placebopräparat, weil dies noch keine wesentliche Änderung
des Gesamtzustands der Betroffenen im Lebensalltag bedeuten muss. Der Punktwerte-Unterschied kann so gering
sein, dass sich die Einnahme eines Antidepressivums gar nicht gelohnt
haben muss. Der Unterschied sollte vielmehr so groß sein, die Einnahme
des Antidepressivums tatsächlich einen echten Vorteil darstellt.
-
Prof. Bschor anerkennt - wie Prof. Kirsch - den
hohen Anteil von Placebowirkungen. Die durchschnittlichen Placeboraten
liegen im Bereich von 35-40 %. In neueren Studien sind SSRI oft nicht
besser als Placebo. Es ist bezeichnend, dass das Trizyklikum
Amitriptylin (Saroten) trotz der erhöhten Nebenwirkungen eine bessere
Wirksamkeit erreichte als die SSRI und SNRI. Die Placeboeffekte haben in
den neueren Studien aus verschiedenen Gründen erheblich zugenommen. Der
Placebo-Effekt ist in den Medikamenten- und Placebo-Gruppen in den
letzten Jahren auch deshalb deutlich angestiegen, weil aufgrund des zunehmenden
Aufwands der Studien alle Studienteilnehmer ein höheres Maß an
Aufmerksamkeit und Zuwendung erfahren als früher, weil die Studien viel
länger dauern und an viel mehr Studienorten erfolgen als früher und weil
weiters in den Studien vermehrt Patienten mit leichter oder fraglicher
depressiver Episode aufgenommen werden, bedingt durch den Umstand, dass
aufgrund der neueren Diagnoseschemata ICD-10, DSM-IV und DSM-5 viele
Menschen mit psychischem Unwohlsein im Gegensatz zu früher leichter eine
behandlungsbedürftige Störung zuerkannt erhalten, was ebenfalls die Rate
an Placebo- und Spontanheilungen erhöht.
-
Nicht die eingenommene Substanz, sondern die
Überzeugung, was die unwissenden Studienteilnehmer glaubten, tatsächlich
eingenommen zu haben, entscheidet über die Wirksamkeit. In einer 2011
veröffentlichten Therapievergleichsstudie fand man keinen
Wirksamkeitsunterschied zwischen Sertralin, Johanniskraut und Placebo.
Es bestand allerdings ein Unterschied, je nach dem, was die nicht
informierten Patienten tatsächlich glaubten eingenommen zu haben.
Patienten mit der Annahme, Johanniskraut erhalten zu haben, erzielten
den besten Behandlungseffekt, danach jene Personen, die glaubten
Sertalin erhalten zu haben. Der geringste antidepressive Effekt zeigte
sich bei jenen Versuchspersonen, die glaubten, ein Placebo erhalten zu
haben.
-
Die bisherigen
Erklärungsmodelle von Depressionen als Mangel an Serotonin und
Noradrenalin im Gehirn sind nach Prof. Bschor eindeutig falsch. Die Hypothese vom
Serotonin- und Noradrenalin-Mangel als Ursache von Depressionen, der
durch Antidepressiva angeblich ausgeglichen werde, wird von Prof. Dr.
Bschor als „Märchen“ bezeichnet – auch wenn dies von Herstellerfirmen,
psychiatrischen Lehrbüchern, Ärzten und Patientenbroschüren nach wie vor
so verkündet wird. Das Vorhandensein einer Depression lässt sich nicht
durch eine Laboruntersuchung zum Ausmaß des Serotoninspiegels
feststellen. Bei depressiven Personen wurde noch nie ein
Serotonin-Mangel nachgewiesen - weder im Vergleich zu gesunden Menschen
noch im Vergleich zu depressionsfreien Zeiten. "Der weitgehende Stopp
der psychopharmakologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte", der
mittlerweile eingetreten sei, sollte durch Antidepressiva auf der Basis
völlig neuer Wirkansätze beendet werden.
-
Die Wirkungsweise
von Antidepressiva ist völlig ungeklärt. Wenn die Ursache ein
Serotoninmangel wäre, dann könnte nicht ein Mittel, das primär den
Noradrenalin-Spiegel im Gehirn erhöht, oder ein Mittel, das den
Serotoninspiegel senkt, eine Besserung von Depressionen bewirken.
-
Im synaptischen
Spalt nimmt der Serotoninspiegel bereits kurz nach der Einnahme der
ersten Tablette zu. Der antidepressive Effekt tritt jedoch erst drei bis
vier Wochen später auf, was medizinisch ungeklärt ist. Auch aus diesem
Grund ist die Serotonin-Mangel-Hypothese der Depression nicht plausibel.
Andere, bislang noch nicht ausreichend erforschte Effekte von
Antidepressiva dürften für die positive Wirkung bei den Betroffenen
verantwortlich sein.
-
Mehr Serotonin macht
nicht automatisch psychisch gesünder. Ein deutliches Übermaß kann sogar
zum sogenannten Serotonin-Syndrom führen, das bei
falscher Einnahme (z.B. zwei SSRI gleichzeitig) ein lebensbedrohliches
Ausmaß annehmen kann, jedenfalls mit Fieber, Verwirrung, Muskelzuckungen
und Herzrhythmusstörungen.
-
Antidepressiva
wirken eher unspezifisch und nicht ausschließlich spezifisch auf
Serotonin- und Noradrenalin-Rezeptoren. Sonst könnten sie nicht auch bei
zahlreichen anderen psychischen Störungen hilfreich sein, wie etwa bei
Angst- und Panikstörungen, Hypochondrie, Zwangsstörungen,
posttraumatischen Belastungsstörungen, Bulimie, Substanzabhängigkeit oder
Schmerzstörungen.
-
Bis zu einem Drittel
der Patienten erleben nach mehrjähriger Antidepressiva-Einnahme
Entzugssymptome, d.h. schlimmere und länger dauernde Zustände als nur
einige Tage dauernde Absetzeffekte, was bisher bestritten wurde. Dennoch
besteht keine Abhängigkeit wie bei legalen und illegalen Drogen.
-
Viele Antidepressiva-Konsumenten können die
Antidepressiva nach langer Einnahmezeit nicht absetzen, weil sie dann
nicht nur Entzugssymptome bekommen, sondern eine Wiederkehr der
Depression. Das ist kein Beweis dafür, dass man so depressiv ist, um das
Antidepressivum viele Jahre oder gar ein Leben lang einnehmen zu müssen,
wie viele Ärzte oft behaupten. Es handelt sich dabei vielmehr um das
sogenannte Rebound-Phänomen, um einen Rückprall-Effekt. Dabei
kommt es nicht zur Rückkehr der früheren Depression, sondern zu einem
erhöhten Wiedererkrankungsrisiko als Folge der
Antidepressiva-Langzeiteinnahme. Bei langer Einnahme von SSRI und SNRI
wird die Konzentration von Serotonin und Noradrenalin im synaptischen
Spalt zwar erhöht, der Körper möchte jedoch sein früheres Gleichgewicht
durch eine Gegenregulation wiederherstellen und reduziert daher die
Anzahl der Serotonin- und Noradrenalin-Rezeptoren. In der Folge davon
kann die erhöhte Menge an Serotonin und Noradrenalin nicht mehr voll
wirksam werden, weil nicht mehr genügend Rezeptoren vorhanden sind. Bei
raschem Absetzen des Antidepressivums wird aufgrund der verringerten
Rezeptorenzahl die normale Serotonin-/Noradrenalin-Wirkung nicht mehr
erreicht, was in der Folge davon zu einem erhöhten Depressionsrisiko
führen kann, genannt „Rebound“.
-
Die individuelle,
gesundheitsökonomische und gesellschaftliche Konsequenz des
Rebound-Effekts: Die Besserung der aktuellen Depression wird erkauft
durch das spätere Wiederauftreten einer womöglich noch stärkeren
Depression. Alternative: Das Antidepressivum muss auf unabsehbare Zeit
eingenommen werden. Es ist in vielen Fällen daher zu überlegen, ob man
angesichts eines derartigen Risikos überhaupt ein Antidepressivum
einnehmen soll, zumindest dann, wenn man „nur“ eine leichte oder
mittelgradige depressive Episode erlebt. Prof. Bschor sieht im
Rebound-Phänomen bei Langzeiteinnahme von Antidepressiva eine mögliche
(mangels entsprechender Studien jedoch nicht bewiesene) Erklärung für
den starken Anstieg der Frühberentungen. Antidepressiva müssten dann
zukünftig viel seltener verschrieben werden, wenn sie das Problem, das
sie ursprünglich kurzfristig durchaus erfolgreich behandeln konnten,
langfristig verschlimmern würden. Jedenfalls werden Antidepressiva laut
Prof. Bschor viel zu selten wieder abgesetzt, weder bei Unwirksamkeit
noch bei längst erreichter Wirkung.
-
Der Rebound-Effekt
kann nicht nur zu ständig wiederkehrenden Depressionen führen, sondern
auch zu häufigeren und längeren Krankenständen wegen Depressionen, sogar
bis hin zu Frühberentungen. Diese Aussagen von Prof. Bschor sind von
großer gesundheitspolitischer Relevanz: Zahlreiche depressive Personen
werden gerade durch langjährige Antidepressiva-Behandlungen nicht
anhaltend arbeitsfähig, sondern dauerhaft arbeitsunfähig!
-
Die Bezeichnung
"Antidepressivum" verspricht mehr, als die jeweiligen Mittel tatsächlich
halten können. Antidepressiva sind in den letzten 25 Jahren nicht besser
wirksam, sondern in Bezug auf die möglichen Nebenwirkungen nur
verträglicher geworden. Trotz der nur
mäßigen Wirkung, des großen Placeboeffekts, der Unwirksamkeit bei vielen
depressiven Personen, der mehrwöchigen Dauer bis zum Wirkungseintritt,
dem fehlenden suizidverhindernden Effekt, dem unklaren Wirkmechanismus
und dem möglichen Rebound-Effekt sind Antidepressiva nach detaillierter
Darstellung von Prof. Bschor mehr denn je ein Verkaufsschlager, mit
weiterhin stark ansteigender Einnahmerate, zumal die Preise der
Antidepressiva stark gefallen sind, seit fast alle als relativ billige
Generika erhältlich sind.
-
Das Ausprobieren immer ständig anderer bzw. neuerer Antidepressiva
ist dann keine empfehlenswerte Behandlungsstrategie, wenn die früher
eingenommenen Antidepressiva nicht wirklich hilfreich waren. Man sollte
einfach akzeptieren, dass man bei Depressionen eben nicht auf
Antidepressiva anspricht und spätestens dann an Psychotherapie und
lebensverändernde Maßnahmen denken.
-
Die Einnahme von Antidepressiva wird viel zu
selten beendet, und zwar weder dann, wenn sie nach längerer Einnahme gar
nicht wirksam sind, noch dann, wenn die depressive Episode längst
überwunden ist.
-
Bei mangelnder Wirksamkeit eines SSRI kann
durch die gleichzeitige Einnahme eines weiteren SSRI ein schweres
Serotonin-Syndrom auftreten, weil dadurch die serotonergen
Nebenwirkungen verstärkt werden. Als zweites Antidepressivum dürfen
keine SSRI oder gar SNRI eingenommen werden, sondern nur anders wirkende
Antidepressiva wie Mirtazapin und Trazodon, was durchaus oft hilfreich
sein kann.
-
Angststörungen sollten laut Prof. Bschor in der Regel
psychotherapeutisch behandelt werden. Angsterkrankungen werden durch
Tranquilizer nicht geheilt, es werden lediglich die Symptome
vorübergehend unterdrückt.
-
Prof. Bschor weist als renommierter Psychiater darauf hin, dass
eine Kognitive Verhaltenstherapie in vielen Fällen akut und langfristig
wirksamer ist als die Einnahme von Antidepressiva. Er betont, dass
in den deutschen Leitlinien zur Behandlung von Unipolaren Depressionen
aufgrund der Studienbefunde von Kirsch und Kollegen bei leichten
depressiven Episoden nicht generell zur Erstbehandlung Antidepressiva
empfohlen werden, sondern nur in begründeten Ausnahmefällen, unter
kritischer Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses. Nicht einmal bei
mittelgradigen depressiven Episoden erfolgt eine klare Empfehlung für
Antidepressiva, sondern entweder Psychotherapie oder Antidepressiva. Es
kommt entscheidend auf die Wünsche der Patienten an sowie auf die
Verfügbarkeit von Psychotherapie. Nur bei schweren depressiven Episoden
erfolgt eine eindeutige Empfehlung zur
Antidepressiva-Verordnung/-Einnahme, jedoch auch hier optimal in
Verbindung mit einer Psychotherapie.
Buch
"Antidepressiva absetzen. Anleitung zum
personalisierten Begleiten von Absetzproblemen" von
Psychiatrie-Professor Giovanna A. Fava - sehr empfehlenswert!
Der renommierte italienische Psychiatrie-Professor
Giovanni Andrea Fava veröffentlichte 2021 das weltweit erste Buch über
Abhängigkeitssymptome von Antidepressiva, das 2023 auf Deutsch erschienen
ist und auch für Nicht-Fachleute relativ gut verständlich ist.
2022 veröffentlichte
der renommierte deutsche Psychiatrie-Professor Gerhard Gründer ein
ähnliches, primär an Fachleute gerichtetes, sehr fundiertes und
detailliertes Buch:
"Psychopharmaka absetzen? Warum, wann und wie?" Diese Erkenntnisse sind
den meisten in der klinischen Praxis tätigen Psychiater*innen noch
immer völlig unbekannt - oder sie werden, wie in der Vergangenheit üblich, entweder
überhaupt geleugnet oder als vorübergehende "Absetzsymptome" verharmlost.
Fava entwickelte spezielle diagnostische Kriterien
für ein Entzugssyndrom sowie für eine anhaltende Entzugsstörung nach dem
Absetzen eines Antidepressiums.
Diagnostische
Kriterien für das Entzugssyndrom bei antidepressiven Medikamenten
(SSRI und SNRI) (S. 26):
Bei der Reduzierung der Dosis, dem Absetzen oder
dem Wechsel eines Antidepressiums tritt ein Entzugssyndrom mit folgenden
Kriterien auf:
-
Es treten mindestens zwei neue Entzugssymptome
auf, d.h. Symptome, die vor Beginn oder während der Behandlung nicht
aufgetreten sind.
-
Die Symptome treten innerhalb von 1-10 Tagen
nach der Reduzierung, dem Absetzen oder der Umstellung eines
Antidepressums auf (je nach der Wirkdauer des jeweiligen Medikaments)
und dauern bis zu sechs Wochen an (je nach der Eliminationshalbwertszeit
des Medikaments).
-
Die Symptome bewirken einen klinisch
signifikanten Leidensdruck.
-
Die Symptome sind nicht durch einen allgemeinen
medizinischen Zustand bedingt und lassen sich auch nicht besser durch
einen andere psychische Störung einen einen Substanzkonsum erklären.
Diagnostische
Kriterien für eine anhaltende Entzugsstörung nach dem Absetzen eines
Antidepressivums (SSRI
und SNRI) (S. 27)
Nach dem Absetzen oder Wechsel eines
Antidepressivums tritt eine anhaltende Entzugsstörung mit folgenden
Kriterien auf:
-
Es bestehen mindestens zwei neue
Entzugssymptome, die vor dem Beginn oder während der Behandlung nicht
aufgetreten sind. Die Dauer der Symptome beträgt mehr als 6 Wochen
und/oder das Wiederauftreten der ursprünglichen Symptome erfolgt in
größerer Intensität und/oder es treten neue Symptome/Störungen auf, die
vorher nicht vorhanden waren.
-
Die Symptome verursachen einen klinisch
bedeutsamen Leidensdruck.
-
Die Symptome sind nicht durch einen allgemeinen
medizinischen Zustand bedingt und lassen sich nicht besser durch eine
andere psychische Störung oder einen Substanzkonsum erklären.
Die Liste der neuen Entzugssymptome nach der
Reduzierung oder dem Absetzen von SSRI oder SNRI ist lang (S. 23):
Allgemein: Schwitzen,
grippeähnliche Symptome, Kopfschmerzen, Hitzewallung mit Hautrötung (Flush),
Schüttelfrost, Müdigkeit, Schwäche, Schmerzen, Unwohlsein, Müdigkeit,
Lethargie
Kardiovaskulär:
Tachykardie, Schwindel, Benommenheit, Brustschmerzen, Hypertonie,
orthostatische Hypotonie, Synkope (Ohnmacht), Dyspnoe (Atemprobleme)
Gastrointestinal:
Übelkeit, Erbrechen, Anorexie, Appetitlosigkeit, Durchfall,
Bauchschmerzen/Krämpfe/Aufblähung, weicher Stuhl, Ösophagitis
(Speiseröhrenentzündung), vermehrter
Stuhlgang
Sensorisch:
"Elektroschocks" im ganzen Körper, Tinnitus, verschwommenes Sehen, Sehveränderungen, "Brain
Zaps" (Missempfindungen/Gefühl elektrischer Schocks im Kopf), Hyperästhesie
(Überempfindlichkeit auf Reize), veränderter Geschmack, Juckreiz, stehende
Empfindungen, brummendes Geräusch im Kopf
Neuromuskulär:
Parästhesien (Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder "Ameisenlaufen"), Myoklonus
(kurze, blitzartige Kontraktionen eines Muskels oder einer Muskelgruppe), Tremor (Zittern), Koordinationsprobleme, Taubheit,
Steifheit, Myalgie (Muskelschmerzen), Ataxie (Störung der
Bewegungskoordination), Muskelkrämpfe, Neuralgien
(Nervenschmerzen),
Ruckartigkeit, Arthralgien (Gelenksschmerzen), Krämpfe, Hemiplegie
(Halbseitenlähmung)
Sexuell: vorzeitige
Ejakulation, genitale Überempfindlichkeit
Neurologisch:
Krampfanfälle, schlaganfallähnliche Symptome
Kognitiv: Verwirrung,
Amnesie, verminderte Konzentration, Desorientierung Lethargie,
Schläfrigkeit, Aufmerksamkeitsstörungen, undeutliche Sprache
Affektiv: Angst,
Unruhe, Depression, Reizbarkeit, Panik, Derealisation, Depersonalisation,
Dysphorie, Stimmungschwankungen, Selbstmordgedanken, Hypomanie, Euphorie,
Nervosität, Anspannung
Verhalten: Unruhe,
aggressives Verhalten, Impulsivität, Weinkrampfe, Wutausbrüche
Schlaf:
Schlaflosigkeit, Albträume, Schlafprobleme, lebhafte Träume, Hypersomnie
("Schlafsucht", Tageschläfrigkeit)
Psychotik: visuelle
oder auditive Halluzinationen, Delirium, Katatonie (völlige Körperstarre)
Fava beschreibt die
klinische Manifestation des Entzugs folgendermaßen:
-
Entzugserschgeinungen treten bei allen SSRI und
SNRI auf, am stärksten jedoch bei Paroxetin und Velafaxin.
-
Ein allmähliches Auslaufen der Behandlung kann
das Risiko von Enzugssymptomen nicht ausschließen.
-
Die Entzugssymptome weisen ein breites Spektrum
an klinischen Erscheinungen auf.
-
SSRI und SNRI sollten in die Liste der
Arzeimittel aufgenommen werden, die potenziell zu Abhängigkeit und
Entzugserscheinungen führen können.
-
Der Begriff "Absetzsyndrom" verharmlost die
durch SSRI und SNRI bewirkten Auffälligkeiten oder sollte durch
"Entzugssyndrom" ersetzt werden.
2022 erschien eine umfangreiche
Studie, die Entzugssyndrome bei 28 Antidepressiva detailliert
belegte.
Fava beschreibt seine Erfahrungen im Umgang mit
hartnäckigen Entzugssymptomen beim Absetzen von Antidepressiva und gelangt
zu folgenden bedeutsamen Erkenntnissen, die in der klinischen Praxis derzeit
meist unbekannt sind bzw. völlig vernachlässigt werden:
-
Selbst das ganz langsame Absetzen von
Antidpressiva, das laut den üblichen psychiatrischen Auffassungen viel
leichter möglich sei als bei Benzodiazepin-Abhängigen, gelingt bei
vielen Betroffenen trotz bester Bemühungen nicht.
-
Auch der übliche Wechsel auf das angeblich
leichter absetzbare Antidepressivum Fluoxetin
(Fluctin) mit seiner langen Halbwertszeit (und damit längeren Wirkdauer)
scheint nicht zu gelingen.
-
Das langsame Absetzen gelingt nicht allein
durch die sukzessive Reduktion des Antidepressivums, sondern nur durch den
Einsatz eines weiteren Medikaments, nämlich eines
Antikonvulsivums, wie dies etwa auch
bei Menschen mit schwerer Alkoholabhängigkeit während der
Entzugsbehandlung und längere Zeit nach dem Entzug zur Vorbeugung von
epileptischen Anfällen verabreicht wird, insbesondere von
Gabapentin (Neurontin) und
Lamotrigin Lamictal).
-
Aufgrund des Umstands, dasss die Mehrzahl
seiner Patient*innen mit Absetzproblemen unter einer Angststörung leidet,
setzt Fava sehr erfolgreich auch das Benzodiazepin
Clonazepam (Rivotril) ein, dessen
antikonvulsive Wirkung allgemein bekannt ist.
-
Die Art des Ausschleichens des Antidepressivums
erfolgt individuell sehr unterschiedlich, in Abhängigkeit von der Dauer
der Einnahme (bei langjähriger Einnahme viel langsamer als sonst), von
bisherigen erfolglosen bzw. sehr belastenden Entzugsversuchen, von der
Art des Antidepressivums (bei Paroxetin, Venlafaxin u.a. langsamer), von
der Art der medizinischen und psychiatrischen Nebenwirkungen, vor allem
aber auch vom Wunsch der Betroffenen nach schnellem oder langsamem
Ausschleichen. Wichtig ist Umstand, dass anfänglich höhere Dosierungen
schneller reduziert werden können, während bei später niedrigeren
Dosierungen viel langsamer ausgeschlichen werden muss, um eine
langfristig erfolgreiche Entzugsbehandlung zu erreichen.
-
Fava lehnt in der Phase des Ausschleichens bei
starken Entzugserscheinungen die traditionell übliche Rückkehr zum zuvor
verwendeten Antidepressivum ebenso ab wie den in der klinischen Praxis
oft vorgenommenen Wechsel auf ein anderes Antidepressivum wie Fluoxetin,
weil durch ein derartiges Vorgehen die Abhängigkeitsbehandlung nur
aufgeschoben wird oder die Symptome dadurch langfristig sogar erschlimmert werden. Er vermeidet also in der Phase des Ausschleichens
bei auftretenden Entzugssymptomen den Einsatz von Antidepressiva aller
Art, im seltenen Bedarfsfall setzt er ein trizyklisches Antidepressivum
wie Clomipramin (Anafranil) in niedriger Dosierung ein. Wichtig ist auch
die Beachtung von Wechselwirkungen des eingenommenen Antidepressivums
mit Medikamenten bei körperlichen Erkrankungen.
-
Fava hält bereits während und nach der Zeit des
Entzugs eine Kurzzeitpsychotherapie zur Stabilisierung und Verhinderung von
Rückfällen für entscheidend, und zwar eine Kombination von Kognitiver
Verhaltenstherapie und der von ihm selbst entwickelten Well-Beeing-Therapie.
-
Fava achtet auf den richtigen Zeitpunkt zum
langsamen Absetzen des Antidepressivums. Der Entzug soll zur Vorgeugung
von Rückfällen nicht in Phasen von großen körperlichen und
psychosozialen Belastungen erfolgen. Weiters soll eine gewisse
Stimmungsstabilität garantiert sein.
-
Bei Personen mit Angststörungen,
Zwangsstörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen ohne bisherige
evidenzbasierte Psychotherapie sollte vor dem Ausschleichen unbedingt
eine symptombezogene Psychotherapie erfolgen, weil die
Wahrscheinlichkeit eines frühen Rückfalls nach einem Jahr sonst sehr
hoch ist.
-
Ein halbes Jahr nach dem Absetzen des
Antidepressivums und der Psychotherapie ist eine weitere vollständige
Untersuchung unerlässlich, um das mögliche Auftreten einer anhaltenden
Postentzugsstörung und eines Rückfalls zu beurteilen.
Fava betont
die Notwendigkeit von Studien zum bestmöglichen Vorgehen im Rahmen des
Ausschleichens eines lange Zeit eingenommenen Antidepressivums.
Fachleuten wird das bereits erwähnte
hervorragende Buch zum Absetzen von Antidepressiva und vor allem auch von
anderen Psychopharmaka des Psychiaters
Prof. Gründer empfohlen.
Die verschiedenen Arten von Antidepressiva
Verschiedene Fachleute nehmen im Gehirn mehr als 100 Neurotransmitter
an, die mehrheitlich noch gar nicht bekannt und daher auch nicht erforscht
sind.
Antidepressiva erhöhen primär die
Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, manche auch Dopamin.
Neuroleptika senken zur Behandlung von Schizophrenie
den Botenstoff Dopamin im Gehirn.
Tranquilizer wirken zur Beruhigung auf die Gammaaminobuttersäure
(GABA) ein.
Daneben sind noch folgende Neurotransmitter bekannt und bereits
näher erforscht: Azetylcholin, Histamin, Glyzin, Glutamant, Beta Endorphine,
Substanz P und Stickstoffmonoxid.
In Deutschland sind rund 30 verschiedene
Wirkstoffe als Antidepressiva zugelassen, die in
verschiedene Substanzklassen unterteilt sind.
-
Trizyklische Antidepressiva:
Amitriptylin
(Saroten,
Tryptizol),
Imipramin
(Tofranil),
Clomipramin
(Anafranil), Doxepin (Aponal in D,
Sinequan in Ö), Opipramol (Insidon)
-
MAO-Hemmer: Reversible Monoaminoxidase-A-Hemmer
(RIMA):
Moclobemid
(Aurorix)
-
SSRI
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer:
Fluoxetin
(Fluctin in D, Fluctine in Ö), Fluvoxamin
(Fevarin in D, Floxyfral in Ö), Paroxetin
(Seroxat), Sertralin (Zoloft in D,
Gladem und Tresleen in Ö),
Citalopram (Cipramil in D, Seropram in Ö),
Escitalopram
(Cipralex)
-
SNRI
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer: Venlafaxin
(Trevilor in D, Efectin in Ö), Duloxetin
(Cymbalta), Milnacipran (Milnaneurax,
in D, Ixel in Ö)
-
Autorezeptor-Blocker:
Mirtazapin
(Remergil
in D, Remeron in Ö)
-
NARI
Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer: Reboxetin (Edronax)
-
SRE
Serotonin-Wiederaufnahmeverstärker: Tianeptin
(Stablon)
-
Serotonin-Modulatoren:
Trazodon (Thombran in D, Trittico in
Ö)
-
Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer
(NDRI): Bupropion (Elontril in D,
Wellbutrin in Ö)
Die verschiedenen Substanzen werden im Folgenden
näher beschrieben.
Trizyklische
Antidepressiva
Bis zu 90% aller depressiven Patienten leiden unter
Angstzuständen. Zu ihrer Behandlung wurden früher dämpfende trizyklische
Antidepressiva wie Amitriptylin eingesetzt, in den letzten Jahren haben sich jedoch die
nebenwirkungsärmeren Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) durchgesetzt,
sodass der Einsatz der Trizyklika gegenwärtig immer mehr auf Spezialfälle
(z.B. Therapieresistenz unter SSRI) beschränkt ist.
Die Bezeichnung
„trizyklisch“
weist auf die drei Kohlenwasserstoff-Ringe in der Struktur dieser Antidepressiva hin.
Alle
trizyklischen Antidepressiva erhöhen die Konzentration von Serotonin und
Noradrenalin im synpatischen Spalt, indem sie die sogenannte
Wiederaufnahmepumpe hemmen, die diese Neurotransmitter in die
präsynaptischen Nervenendigungen wiederaufnehmen, sodass mehr Serotonin und
Noradrenalin im synaptischen Spalt zur Weiterleitung von Informationen an
die nächste Nervenzelle zur Verfügung steht.
Darüber hinaus blockieren Trizyklika - im Gegensatz zu den SSRI, bei denen
dies der Fall sein soll - die Rezeptoren anderer Nervenbotenstoffe, was
einerseits zu durchaus erwünschten Wirkungen wie Müdigkeit und Dämpfung
einer hohen Erregung führt, andererseits jedoch zu erheblichen unerwünschten
Wirkungen. Durch die Auswirkunbgen auf die postsynaptischen Rezeptoren wie die Histamin-H1-Rezeptoren,
die adrenergen (alpha1)-Rezeptoren
und die cholinergen Rezeptoren kommt es zu relativ starken, in bestimmten
Fällen nicht ungefährlichen Nebenwirkungen.
Trizyklika hemmen im Vergleich zu den SSRI relativ stark die Noradrenalin-Wiederaufnahme in den
präsynaptischen Rezeptor.
Die
Noradrenalinerhöhung
in den Synapsen bewirkt eine Stimmungs- und Antriebssteigerung, aber auch
eine
Verstärkung der blutdruckerhöhenden Noradrenalineffekte sowie
Nebenwirkungen wie Herzrasen, Erektions- und Ejakulationsstörungen, Zittern und
Vigilanzveränderungen.
Wegen der Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmung können
in den ersten zwei Wochen Unruhe, Erregung und panikähnliche Zustände
auftreten.
Unter den Trizyklika hat
Clomipramin (Anafranil)
die stärkste Serotonin-Wiederaufnahmehemmung. Die neueren Antidepressiva
(SSRI) wirken selektiver und führen zu einer stärkeren Hemmung der
Serotonin-Wiederaufnahme.
Von allen trizyklischen Antidepressiva haben die Substanzen
Amitriptylin und
Doxepin
den stärksten sedierenden Effekt, weshalb sie oft zur dämpfenden Behandlung
bei Ängsten, Erregtheit und Unruhe eingesetzt werden. Die frühere Annahme,
stärker sedierende Substanzen hätten eine bessere angstlösende Wirkung, hat
sich nicht bestätigt.
Je nach Art der Angststörung bzw. der Depression werden unterschiedliche
Trizyklika verordnet:
-
Clomipramin (Anafranil).
Unter den trizyklischen Antidepressiva hat sich Clomipramin seit Jahrzehnten
in der Behandlung von Panik- und Zwangsstörungen bewährt, insbesondere wegen
der im Vergleich zu den anderen Trizyklika deutlich höheren
Serotonin-Wiederaufnahmehemmung. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt 16-60
Stunden, der maximale Plasmaspiegel wird nach 3-4 Stunden erreicht
(Retard-Präparat: 5-8 Stunden). Die Tagesdosis beträgt 100-150 mg (zu Beginn
25-75 mg), bei Zwangsstörungen bis zu 300 mg.
-
Imipramin
(Tofranil).
Der amerikanische Psychiater Donald Klein erkannte 1962 die Wirksamkeit von
Imipramin in der Behandlung von Panikattacken. Es besteht eine etwa gleich
starke Wiederaufnahmehemmung von Serotonin und Noradrenalin. Der
antipanische Effekt setzt nach etwa 3-5 Wochen, der antiphobische Effekt
nach ca. 2-3 Monaten ein. Laut Studien sollte bei Panikstörungen Imipramin
der Vorzug gegenüber Clomipramin gegeben werden. In Vergleichsstudien
erreichte Imipramin nach einigen Wochen die gleiche Wirksamkeit wie der
Tranquilizer
Alprazolam
(D:
Tafil,
Ö: Xanor,
die Nebenwirkungsrate war jedoch höher. Es bestehen dieselben Nebenwirkungen
wie bei anderen Trizyklika. Daher empfiehlt sich zu Behandlungsbeginn eine
Tagesdosis von 10 oder 25 mg und eine langsame Steigerung (täglich um 10 mg
oder alle 2-4 Tage um 25 mg). Die Tagesdosis ist 100-150 mg (bei Zwängen bis
300 mg). In einer Studie bewirkte Imipramin 150 mg/Tag nach 8 Wochen bei Panikpatienten eine Erhöhung
der Herzfrequenz und des Blutdrucks, was bei sensiblen Patienten zu beachten
ist. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt 11-25 Stunden, der maximale
Plasmaspiegel wird nach 2,2 Stunden erreicht.
-
Amitriptylin (D: Saroten,
Amineurin,
Syneudon,
Ö: Saroten,
Tryptizol).
Die Substanz wirkt bei Agitiertheit und Unruhe und wird auch bei
Generalisierten Angststörungen verschrieben. Die Eliminationshalbwertszeit
beträgt 10-28 Stunden, der maximale Plasmaspiegel wird nach 1-5 Stunden
erreicht. Die anxiolytisch-sedierende Wirkung tritt daher oft schon nach 1-2
Stunden ein, spätestens nach einer Woche. Wenn dies – wie bei vielen
Patienten – nicht der Fall ist, ist auch später keine Wirkung zu erwarten.
Die Tagesdosis beträgt je nach Bedarf 50-150 mg (anfangs 3-mal 10 bzw. 25 mg
pro Tag), bei höherer Dosis treten meist die typischen Nebenwirkungen der
trizyklischen Antidepressiva auf.
-
Doxepin
(D: Sinquan,
Mareen,
Aponal,
Doneurin,
Ö: Sinequan).
Chemisch dem Amitriptylin
ähnlich, wird bei 50-150 mg/Tag eine angstlösende Wirkung erwartet. Nach
Vergleichsstudien besteht eine Gleichwertigkeit mit Benzodiazepinen.
-
Opipramol (Insidon).
Das Mittel wirkt
beruhigend,
stimmungshebend
sowie
angst- und spannungslösend.
Niedrig dosierte Trizyklika (vor allem Amitriptylin und Doxepin) werden
öfter bei Generalisierter Angststörung
eingesetzt.
Bei Panikstörungen wurde aus der Gruppe der Trizyklika vor allem
die Wirkung von Imipramin (Tofranil)
belegt.
Bei Spezifischen und Sozialen Phobien ohne Begleitdepression sind
trizyklische Antidepressiva nicht indiziert, es liegen daher kaum Studien
vor.
Trizyklika müssen mindestens 4-8 Wochen lang eingenommen werden, bevor
ihre Wirkung verlässlich beurteilt werden kann.
Laut Studien besteht ohne
gleichzeitige Verhaltenstherapie bei Absetzen des Mittels – ähnlich wie bei
SSRI – eine hohe Rückfallsgefahr.
Alle trizyklischen Antidepressiva binden mehr oder weniger stark an
serotonerge, histaminerge, adrenerge und cholinerge Rezeptoren und weisen
dadurch typische Nebenwirkungen auf.
In Abhängigkeit von der jeweiligen
Rezeptorblockade finden sich folgende typische
Nebenwirkungen:
-
Antiserotonerge Nebenwirkungen. Die
Blockade der Serotonin-Wiederaufnahme
in die präsynaptischen Nervenendigungen bewirkt vermehrte Angst- und
Unruhezustände, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Durchfall, Verstopfung,
Völlegefühl, Schlafstörungen, Gewichtszunahme und Sexualstörungen.
-
Antinoradrenerge Nebenwirkungen. Die
Blockade der
Noradrenalin-Wiederaufnahme in die
präsynaptischen Nervenendigungen kann zu Sedierung, Zittern, Unruhe,
niedrigem Blutdruck, Herzrasen, Erektions- oder Ejakulationsstörungen
führen.
-
Antiadrenerge Nebenwirkungen. Die
Blockade von alpha1-adrenergen
Rezeptoren verstärkt die
Wirkung von Antihypertonika (blutdrucksenkenden Medikamenten) und bewirkt
oft Schwindel, orthostatische Hypotonie und Reflex-Tachykardie.
-
Antihistaminerge Nebenwirkungen. Die
Blockade von Histamin-H1-Rezeptoren
verstärkt die Wirkung zentralnervös dämpfender Wirkstoffe und führt zu
Benommenheit, Sedierung (Dämpfung therapeutisch oft erwünscht),
Gewichtszunahme und Hypotonie. Die dämpfenden trizyklischen Antidepressiva
(z.B. Amitriptylin, Doxepin, Mianserin) sind starke Antagonisten der
Histamin-H1-Rezeptoren.
Wegen der Blockade der Rezeptoren des Nervenbotenstoffs Histamin und der
damit verbundenen Dämpfung sollten trizyklische Antidepressiva - im
Gegensazu den SSRI - vorzugsweise am Abend eingenommen werden. Die
Blockade der histaminergen Rezeptoren hat oft zwei erwünschte
Auswirkungen. Mittel wie Amitriptylin (Saroten) sind oft wirksam bei
Schlafstörungen, aber auch schmerzlindernd bei chronischen Schmerzen
(bei Verträglichkeit als Alternative zu Schmerzmitteln).
-
Anticholinerge Nebenwirkungen. Die
Blockade von Acetylcholinrezeptoren
(Muskarinrezeptoren)
hat
Nebenwirkungen auf das
periphere Nervensystem:
Mundtrockenheit (Durstgefühl), Austrocknung der Schleimhäute, Schwitzen,
Schwindel (insbesondere am Morgen nach dem Aufstehen), Sehstörungen
(Verschwommensehen, Probleme beim Nahsehen, z.B. die Augen auf das Lesen
einzustellen), Erhöhung des Augeninnendrucks, Appetit- und
Gewichtszunahme, Verstopfung, Harnverhalten, besonders gefährlich ist jedoch
die Dämpfung der Herztätigkeit in Verbindung mit einer Blutdrucksenkung
(kann bei ohnehin niedrigem Blutdruck Panikattacken begünstigen),
Verlangsamung der Überleitung im Herzen (Herzrhythmusstörungen als Folge der
verlangsamten Erregungsüberleitung) und Herzrasen (Sinustachykardie).
Bedenklich sind die anticholinergen Nebenwirkungen auf das
Zentralnervensystem, die sich in Form von kognitiven Störungen äußern können
(Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit, der Konzentration und des
Gedächtnisses, bis hin zur Verwirrung, besonders problematisch im Verkehr und Beruf sowie bei
älteren Personen, die oft ohnehin bereits leichte Merkfähigkeitsstörungen
aufweisen), aber auch in Form von Müdigkeit, Unruhe, feinschlägigem
Fingerzittern und verwaschener Sprache.
-
Antidopaminerge Nebenwirkungen. Die
Blockade von Dopamin-D2-Rezeptoren
bewirkt möglicherweise Parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen (Zittern),
endokrine Veränderungen und bei Männern sexuelle Funktionsstörungen.
Trizyklische Antidepressiva können zur
Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit, der Reaktionsgeschwindigkeit und des
Gedächtnisses führen. Dies hängt einerseits mit den anticholinergen Effekten
und andererseits mit dem sedierenden Effekt bestimmter Substanzen wie
Amitriptylin und Doxepin zusammen.
Trizyklika können auch das Blutbild
ungünstig verändern, sodass regelmäßige Blutbildkontrollen angezeigt sind;
sie können allergische Ausschläge, Juckreiz und Ödeme verursachen, haben
nicht selten potenziell gefährliche Wechselwirkungen mit anderen
Medikamenten und verstärken die Alkoholwirkung. Trizyklische Antidepressiva
haben folgende Vor- und Nachteile:
„Ein Vorteil
der Trizyklika gegenüber Benzodiazepinen und Neuroleptika besteht darin,
dass sie nicht zu Abhängigkeitsentwicklungen und Spätdyskinesien führen.
Gleichwohl müssen mögliche andere unerwünschte Wirkungen bedacht werden. Zu
erwähnen sind vor allem Blutzellschädigungen, Leber- und
Nierenfunktionsstörungen sowie vor allem vielfältige zentrale und periphere
vegetative Begleitwirkungen. Die bisweilen kritiklose Anwendung von
Benzodiazepinen und Neuroleptika darf daher nicht durch eine kritiklose
Anwendung von Trizyklika bei generalisierten Angststörungen ersetzt werden.“
Autoren wie Laux warnen ebenfalls davor, eine
problematische Langzeitbehandlung mit Benzodiazepinen unkritisch durch eine
solche mit Antidepressiva oder Neuroleptika zu ersetzen, da auch diese oft
unerwünschte Effekte haben können.
Wegen der anticholinergen Nebenwirkungen und der möglicherweise gefährlichen
Folgen für das Herz-Kreislauf-System (vor allem bei älteren Menschen, bei Überdosierung und
gezielten Selbstmordversuchen, die wegen der kardialen Nebenwirkungen oft
tödlich ausgehen können) werden die trizyklischen Antidepressiva bei der
Behandlung von Angststörungen zunehmend durch die selektiven
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) ersetzt.
Sie behalten jedoch in
speziellen Fällen weiterhin ihre Bedeutung, z.B. bei erwünschter stärkerer
Dämpfung im stationären Rahmen sowie als Einschlafhilfe, da die
Serotonin-Wieder-aufnahmehemmer keinen ausreichend sedierenden Effekt haben.
Namentlich handelt es sich dabei um die Substanzen Amitriptylin (Saroten)
und Doxepin (D: Sinquan,
Ö: Sinequan),
die jedoch zunehmend durch andere, neuere dämpfende Antidepressiva ersetzt
wurden, vor allem Trazodon (D: Thombran,
Ö: Trittico)
und Mirtazapin (D: Remergil,
Ö: Remeron).
Im Gegensatz zu SSRI kann man bei Trizyklika
anhand der überprüfbaren Konzentration im Blut (bestimmter Blutspiegel bzw.
Dosissteigerung) eine gute bzw. bessere Wirksamkeit nachweisen, falls die
Verträglichkeit gegeben ist.
Bei den meisten Präparaten besteht eine Standarddosis von 150 mg pro
Tag, eine tägliche Dosis von 100 mg ist jedoch für viele Betroffene
verträglicher. Zur Abschwächung von unangenehmen Nebenwirkungen ist eine
Startdosis von 25 mg am Tag sinnvoll, die im schrittweise erhöht wird.
MAO-Hemmer
(Monoaminooxydase-Hemmer)
Monoaminooxidase (MAO) ist ein Enzym, das u.a.
Noradrenalin, Serotonin und Dopamin abbaut.
Monoaminooxydase-Hemmer hemmen das
Enzym
Monoaminooxydase (MAO), insbesondere den Typ MAO-A, der die Neurotransmitter
Noradrenalin, Dopamin und Serotonin metabolisiert (verstoffwechselt); sie
steigern dadurch die Mengen dieser Transmitter in den präsynaptischen
Nervenendigungen. Infolgedessen können mehr Transmittermoleküle in den
synaptischen Spalt freigesetzt werden, wenn die Nerven stimuliert werden.
MAO-Hemmer werden wegen der damit verbundenen
Probleme und Gefahren, aber wegen unzureichender Wirksamkeit nur mehr selten
eingesetzt, und zwar am ehesten in Kliniken und vor allem dann, wenn SSRI
nicht ausreichend wirken.
Man unterscheidet zwei Typen von MAO-Hemmern:
1. Irreversible, nicht-selektive MAO-Hemmer
(MAO-Hemmer der 1. Generation) mit der Substanz Tranylcypromin (D: Jatrosom;
in Ö nicht mehr im Handel).
2. Reversible, selektive MAO-A-Hemmer
(MAO-Hemmer der 2. Generation, RIMA) mit der Substanz Moclobemid (Aurorix).
Irreversible, nicht-selektive MAO-Hemmer
Irreversible,
nicht-selektive Hemmer der Monoaminoxidase A und B wie
Tranylcypromin
(D: Jatrosom N
, Ö: nicht mehr auf dem Markt) sind heutzutage praktisch bedeutungslos, weil
aufgrund verschiedener Einschränkungen nur ein enggesteckter klinischer
Einsatzbereich möglich ist: strenge Diätvorschriften (keine Tyramin-hältigen
Nahrungsmittel und Getränke, d.h. Verbot von gereiftem Käse, fermentierten
Würsten, getrockneten Früchten, Schokolade, Alkohol), keine Zusatzmedikation
wegen möglicher Wechselwirkungen (z.B. bei Sympathomimetika), Einhaltung von
Umstellungszeiten nach anderen Medikamenten.
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
dürfen wegen der potenziell tödlichen Interaktion keinesfalls gleichzeitig
oder unmittelbar davor eingenommen werden. Die Nichtbeachtung dieser
Umstände führt zu einem lebensbedrohlichen Blutdruckanstieg (hypertensive
Krise).
Die ambulante Tagesdosis beträgt 20-40 mg (verteilt
auf 1-3 Einnahmezeitpunkte), stationär bis 60 mg. Empfohlen wird am Anfang
eine einschleichende und am Ende eine ausschleichende Dosierung. Die
Eliminationshalbwertszeit beträgt 1,5-3 Stunden, der maximale Plasmaspiegel
wird nach 0,5-3 Stunden erreicht.
Reversible, selektive MAO-A-Hemmer
Reversible,
selektive MAO-A-Hemmer (RIMA: Reversible
Inhibitoren der Monoaminooxidase A) sind derzeit nur in Form der Substanz
Moclobemid (D/Ö: Aurorix)
auf dem Markt. Moclobemid hemmt hochselektiv und in reversibler Weise die
MAO-A und macht Diätvorschriften wegen der normalen
Tyramin-Verstoffwechselung überflüssig (außer dem Verzicht auf ein Übermaß
an gereiftem Käse und der empfohlenen Einnahme am Ende der Mahlzeiten). Es
bestehen auch nur mehr wenige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.
In
der Praxis ist Folgendes wichtig: MAO-Hemmer dürfen nicht in Kombination mit
SSRI, die den Serotoninspiegel steigern, verschrieben werden, weil dadurch
Komplikationen auftreten können (z.B. Hyperthermie, Konfusion,
Hyperreflexie, Myoclonus). SSRI und auch Clomipramin müssen vorher
ausgeschlichen sein, beim Umstieg auf SSRI muss das Mittel zwei Wochen
vorher abgesetzt werden.
Moclobemid
hemmt den präsynaptischen Abbau von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin und
erhöht damit die Verfügbarkeit dieser Neurotransmitter im synaptischen
Spalt.
Die oft bereits nach einer Woche einsetzende Verbesserung der
Stimmung und der psychomotorischen Aktivität führt zur Reduktion von
Symptomen wie Dysphorie, Erschöpfung, Antriebsmangel und
Konzentrationsschwierigkeiten. Obwohl ein sedierender Effekt fehlt, kommt es
auch zu einer Besserung der Schlafqualität.
Die selektive Hemmung der MAO-A
gilt als ein
wichtiger Faktor zur Behandlung von Depressionen und Angststörungen, weil
Noradrenalin und Serotonin bei Menschen fast ausschließlich durch MAO-A
katabolisiert werden und Störungen der noradrenergen und serotonergen
Neurotransmission als Angst und Depression erzeugend angesehen werden. Das
Mittel wirkt häufig dort, wo Trizyklika und SSRI nicht ansprechen.
Die Substanz ist zugelassen zur Behandlung von
Depressionen und Sozialphobien. In einer umfangreichen Studie wurde die
Wirksamkeit bei der Sozialen Phobie nachgewiesen. Insgesamt haben sich
jedoch in weiteren Studien die erhofften positiven Wirkungen bei der
Sozialphobie nicht erfüllt, sodass mittlerweile die SSRI die Mittel der
ersten Wahl auch bei Sozialen Phobien sind.
Wegen der aktivierenden,
antriebssteigernden Eigenschaften liegt der Hauptanwendungsbereich der RIMA
bei ängstlich-gehemmten depressiven Zuständen. Eine dämpfende Wirkung ist
nicht gegeben.
Die Wirkung bei Panikstörungen ist unzureichend
nachgewiesen, wenngleich sie durch Effizienzstudien mit irreversiblen,
selektiven MAO-Hemmern indirekt belegt ist. Es gibt auch keine
kontrollierten Behandlungsergebnisse für Generalisierte Angststörungen. Die
Substanz ist somit in ihrer Wirksamkeit für Angststörungen, ausgenommen die
Sozialphobie, noch nicht bestätigt (entsprechend den üblichen
Forschungskriterien).
Die Eliminationshalbwertszeit beträgt 2-7 Stunden,
die Dauer der MAO-Hemmung 14-24 Stunden.
Die Tagesdosis beträgt anfangs 300
mg (sofortige Dosierung ohne Einschleichen), nach einer Woche kann eine
Steigerung auf 600 mg erfolgen. 600 mg sind laut einer Studie wirksamer als
300 mg. Bei einer Sozialphobie wird eine Zieldosis von 600 mg/Tag empfohlen.
Es treten eher wenige Nebenwirkungen auf, vor allem deutlich weniger
vegetative bzw. anticholinerge Symptome. Es erfolgt keine zentrale Dämpfung
und somit keine kognitive Beeinträchtigung.
Mögliche
Nebenwirkungen sind: Herzrasen,
Schwindel, Schlafstörung, Agitiertheit, Erregung, Reizbarkeit, innere
Unruhe, Nervosität, verstärktes Angstgefühl, Zittern, Mundtrockenheit,
Hautreaktionen (Jucken), Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Magenbrennen,
Kopfschmerzen, Schwächegefühl, Parästhesien.
Selektive
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
Ein
Mangel an Serotonin und Noradrenalin
in den Synapsen bzw. ein neurochemisches Ungleichgewicht zwischen Serotonin,
Noradrenalin und Dopamin werden nach den gängigen biologischen Theorien als
mögliche Ursachen bestimmter Depressionen und auch Angststörungen angesehen. Eine
Serotonin-Dopamin-Balance-Störung wird traditionellerweise auch bei Zwängen angenommen.
Die
Wirksamkeit der SSRI ist war mittlerweile bereits – je nach Substanz
unterschiedlich gut – für alle wichtigen Angststörungen belegt, doch weist
dies bei Angststörungen noch weniger als bei Depressionen darauf hin, dass
diese durch einen Serotininmangel bedingt sind.
Das war die bisher
gängige Botschaft der Pharmaindustrie: Die selektiven
Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
(SSRI: Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) Fluoxetin, Fluvoxamin,
Paroxetin, Sertralin, Citalopram und Escitalopram reagieren selektiv auf die
Serotonintransporter und hemmen ausschließlich die normalerweise
rasch erfolgende Wiederaufnahme des Neurotransmitters
Serotonin in den
präsynaptischen Teil der Synapse serotonerger Neurone, wodurch im synaptischen Spalt,
d.h. in der Lücke zwischen dem einen und dem anderen, nachfolgenden Nerv, mehr
Serotonin zur Verfügung steht.
SSRI bewirken einerseits eine Vermehrung von
Serotonin im synaptischen Spalt durch die Hemmung der Wiederaufnahme in die
Präsynapse und stimulieren andererseits laut gängiger Theorie gleichzeitig drei postsynaptische
Serotoninrezeptoren. Die Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin sollen dagegen
nicht beeinflusst werden, auch keine anderen Neurotransmitter, weshalb die
SSRI weniger unangenehme Nebenwirkungen haben als die Trizyklika.
Das war die Botschaft in der Vergangenheit: SSRI haben wegen der fehlenden anticholinergen,
antihistaminergen und antiadrenergen Nebenwirkungen ein vergleichsweise
günstiges Nebenwirkungsprofil. SSRI sind wegen der geringeren
Nebenwirkungen, der geringeren Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten,
der relativen Risikoarmut bei Überdosierung (im Falle eines
Selbstmordversuchs keine kardiotoxische Wirkung) und der fehlenden
Verstärkung von Alkohol zwar sowohl den Tranquilizern als auch den anticholinerg
wirkenden trizyklischen Antidepressiva vorzuziehen, sie sind aber in
bestimmten Fällen dennoch nicht ungefährlich. Auch wenn es die Pharmafirmen
bestreiten: Unter SSRI traten bereits bei den Studien zur
Wirksamkeitsüberprüfungen Selbstmordversuche und Suizide auf - sogar mit
entsprechenden Verurteilungen der betroffenen Firmen.
Die Serotoninerhöhung im synaptischen Spalt führt zu
folgenden typischen Nebenwirkungen: innere Unruge, Schwitzen, Zunahme von
Angst und Schlafstörungen, sexuelle Nebenwirkungen (Orgasmusprobleme bei
Frauen und Männern, bei Männern somit verzögerte Ejakulation, mitunter
entstehen auch Libidoprobleme).
Die gefährlichsten
Nebenwirkungen der SSRI bestehen in einem leicht erhöhten Risiko für
Blutungen, z.B. im Magen oder Kopf, im Falle überhöhter Dosierung (z.B. drei
Tabletten pro Tag) kann es zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen kommen, bei
gleichzeitiger Einnahme anderer Medikamente können bestimmte SSRI, vor allem
Fluoxetin, Fluvoxamin und Paroxetin, zur Wirkungsverstärkung der anderen
Medikamente führen.
Am wenigsten selektiv wirkt die Substanz
Paroxetin (Seroxat), die u.a. wie die
Trizyklika die Acetylcholinrezeptoren
blockiert, mit entsprechenden möglichen Nebenwirkungen, zumindest bei
höherer Dosierung, wie etwa Mundtrockenheit, Verstopfung, Hemmung beim
Wasserlassen, Akkommodationsprobleme der Augen, kognitive Störungen
(Gedächtnisprobleme, Verwirrung),
Dämpfung der Herztätigkeit in Verbindung mit einer Blutdrucksenkung (was
Panikattacken auslösen kann), Verlangsamung der Überleitung im Herzen
(Herzrhythmusstörungen als Folge der verlangsamten Erregungsüberleitung) und
Herzrasen (Sinustachykardie).
Im Falle einer Verminderung des Natriumgfehalts im
Blut kann es zu Kopfschmerzen, Übelkeit, Zittern, Müdigkeit oder Verwirrung
kommen,
SSRI wirken vom Anspruch her angstlösend und stimmungsstabilisierend, ohne dämpfend zu sein,
während das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin (Saroten,
Amineurin,
Tryptizol)
angstlösend und gleichzeitig recht dämpfend wirkt.
Bei akuter Verabreichung von SSRI setzt die Blockade
rasch ein. Bei regelmäßiger Einnahme kommt es zu adaptiven Veränderungen an
den prä- und postsynaptischen Serotoninrezeptoren, die der Grund dafür sind,
dass diese Substanzen bei Depressionen oft erst nach 2-4 Wochen, bei
Zwangsstörungen gar erst nach 8 bzw. 10-12 Wochen therapeutisch wirksam
sind.
Neuere Studien mit anfangs rascher Dosissteigerung haben ergeben, dass im Vergleich zur Placebobehandlung bereits nach einer
Behandlungswoche eine leichtere, aber signifikante Symptomreduktion
eintreten kann - falls nicht stärkere Nebenwirkungen auftreten!
Die Bezeichung "selektiv" sollte
ursprünglich zum Ausdruck bringen, dass die SSRI ausschließlich auf die
Serotonin-Tansportermoleküle wirken, im Gegensatz zu den trizyklischen
Antidepressiva, die auch den Noradrenalin- und Dopaminspiegel durch Hemmung
der Wiederaufnahme erhöhen, mit allen damit verbundenen Nebenwirkungen.
Mittlerweile ist erwiesen:
-
SSRI hemmen zumindest in geringem Ausmaß oft auch die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin.
-
SSRI wirken nicht nur auf Serotoninrezeptoren, sondern interagieren in
geringem Ausmaß auch mit
weiteren Rezeptoren wie cholinergen, adrenergen, glutaminergen,
Histamin-, Schmerz- und Stickstoff-Rezeptoren.
-
SSRI und SNRI erhöhen nachweislich bereits wenige Minuten nach der
Einnahme des Antidepressivums die Konzentration von Serotonin und
Noradrenalin im synaptischen Spalt. Es ist bislang nicht geklärt, warum
entsprechende Medikamente dann erst 2-3 Wochen später eine Depression
günstig beeinflussen sollen.
-
SSRI üben zwar eine Wirkung aus, stellen dadurch aber noch keine
kausale Behandlung von so komplexen psychischen Störungen wie
Angststörungen und Depressionen dar. Mittlerweile ist klar:
Angststörungen und Depressionen lassen sich nicht durch einen Mangel an
Serotonin und/oder Noradrenalin im synaptischen Spalt erklären. Dennoch
beruhen weiterhin alle Erklärungsmodelle auf der bereits in den
1960er-Jahren formulierten Theorie vom Mangel an den Neurotransmittern
Serotonin, Noradrenalin und Dopamin als Ursache von Depressionen, die
die Grundlage für die Verschreibung entsprechender Psychopharmaka
darstellt, um die behaupteten angeblichen Mangelzustände zu beseitigen.
-
Mittlerweile sind mindestens 14 unterschiedliche
Serotoninrezeptoren bekannt, sodass nicht einmal klar ist, auf welche
davon die SSRI eigentlich ganz genau wirken. Hinter dem
Rezeptoren-System sind noch weitere "second Messenger" wirksam, die auf
den Informationsfluss einwirken.
-
In Irland und Schweden haben die Gesundheitsbehörden aufgrund des
aktuellen Wissenstands den Pharmafirmen mittlerweile die Behauptung
verboten, ihre Psychopharmaka würden ein chemisches Ungleichgewicht im
Gehirn von psychisch kranken Menschen korrigieren.
SSRI sollten über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten regelmäßig eingenommen
werden, um einen hilfreichen Serotonin-Spiegel aufzubauen und zu erhalten, bei Zwangsstörungen viel länger.
Die
Serotoninerhöhung hat eine
antipanische, stimmungs- und antriebssteigernde Wirkung, hemmt
möglicherweise den Appetit (wirkt also im Vergleich zu anderen
Antidepressiva wenig appetitanregend), bewirkt am ehesten eine
vorübergehende Übelkeit und dämpft manchmal die Libido und die sexuelle
Funktionsfähigkeit (Orgasmusprobleme, Ejakulationsverzögerung).
Serotonerge Neurone sind im Zentralnervensystem besonders im limbischen
System lokalisiert, das mit der Steuerung emotioneller Reaktionen in
Verbindung steht. Die serotonergen Systeme haben Bahnen zum Locus coeruleus
(= noradrenerge Neurone) und auch zur Substantia nigra (dopaminerg), sodass
Serotonin als
Komodulator
von Noradrenalin und Dopamin angesehen wird.
Trotz der Gemeinsamkeiten zwischen den SSRI bestehen
auch Unterschiede, die noch kaum erforscht sind. Bei Unwirksamkeit einer
Substanz kann daher der Umstieg auf einen anderen SSRI durchaus zum
erwünschten Effekt führen.
SSRI waren aufgrund der
hohen Entwicklungskosten viel teurer als Tranquilizer und
trizyklische Antidepressiva. Mittlerweile ist der Preis durch die
zahlreichen Generika jedoch stark gefallen.
Wegen der
fehlenden Sedierung muss bei Bedarf ein Tranquilizer oder ein dämpfendes
Antidepressivum (Amitriptylin, Doxepin, Trazodon, Mianserin, Mirtazapin)
zusätzlich verabreicht werden (abends zur Vermeidung möglicher
Nebenwirkungen).
Am ehesten werden Trizyklika bei einer SSRI-Therapie zur
Schlafverbesserung verabreicht. In diesem Fall sollte ein SSRI gewählt
werden, der wenige Interaktionen aufweist, z.B. Sertralin.
Mögliche
Nebenwirkungen
der SSRI in den ersten 2-4 Wochen: Übelkeit, Brechreiz, Durchfall,
Appetitminderung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Schwitzen,
innere Unruhe (Agitiertheit), Angst- und Erregungszustände, Sexualstörungen
(Ejakulationsverzögerung bei Männern, Orgasmus- oder Libidoprobleme bei
Frauen). Sexuelle Nebenwirkungen kommen bei Fluvoxamin seltener vor. Es
kommt zu Nebenwirkungen durch die indirekte Stimulation der
Rezeptorsubtypen:
5-HT2A:
Ängstlichkeit, Agitiertheit, sexuelle Funktionsstörungen,
5-HT2C:
Appetitminderung, Reizbarkeit, sexuelle Funktionsstörungen,
5-HT3:
Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen.
Unter Fluoxetin und Paroxetin sind auch extrapyramidale Nebenwirkungen
möglich (Akathisie: Sitz-, Steh- und Bewegungsunruhe; Dyskinesien:
Bewegungsstörungen). Fluoxetin kann in höherer Dosis zu einer (oft
erwünschten) Gewichtsabnahme führen. Subjektiv kann anfangs vor allem das
„Jitteriness“-Syndrom (Zustand von
Ängstlichkeit und Nervosität) belastend sein. Die Nebenwirkungen können
durch eine einschleichende, langsam ansteigende Medikation verhindert oder
reduziert werden, d.h. in der ersten Woche wird am besten nur die halbe
Dosis (5, 10 bzw. 25 mg) eingenommen.
Als zentrales
„Serotonin-Syndrom“ bei SSRI und
Venlafaxin (auch bei serotonerg wirksamen trizyklischen Antidepressiva)
bezeichnet man die serotonerge Überaktivität in Form des gleichzeitigen
Auftretens von mindestens drei der folgenden Nebenwirkungen: Erregung,
Verwirrtheit, Hypomanie, Tremor, Myoklonien, Hyperreflexie, Rigor, Ataxie,
Hyperaktivität, Hypo- oder Hyperthermie, Tachykardie, Schüttelfrost,
Schweißausbrüche, Durchfall. Das Serotonin-Syndrom, das überwiegend
innerhalb der ersten
24
Stunden nach der Einnahme eines SSRI auftritt, kommt vorwiegend bei einer
Kombinationstherapie mit einen anderen Psychopharmakon vor.
Nach umfangreichen Erhebungen in den USA wurde (nach
Placebobereinigung) Nausea (Übelkeit) als die häufigste SSRI-Nebenwirkung
festgestellt, mit Häufigkeiten von 26,0% bei Fluvoxamin, 16,4% bei
Paroxetin, 14,3% bei Sertralin und 11,0% bei Fluoxetin. Durchfall (8,4%) und
Mundtrockenheit (7,0%) plagen vor allem Depressive mit Sertralin-Einnahme.
Ejakulationsstörungen ergaben sich am häufigsten bei Sertralin (13,3%) und
Paroxetin (12,9%). Die oft erwünschte Nebenwirkung Gewichtsverlust trat mit
6,4% der Fälle bei Fluoxetin am häufigsten auf. Libido- und
Ejakulationsstörungen kommen bei Sertralin rund 6-mal häufiger vor als bei
Fluoxetin. Extrapyramidal-motorische Störungen treten nur sehr selten auf,
am ehesten bei Paroxetin.
Bei allen SSRI kann plötzliches Absetzen 1-10 Tage (im Mittel 3 Tage) später
zu typischen
Absetzeffekten
führen, die durchschnittlich 7-14 Tage anhalten,
wie groß angelegte Erhebungen in England und Australien ergaben. Es handelt
sich dabei um keine Entzugssymptome wie bei Benzodiazepinen, da SSRI nicht
abhängig machen. Es zeigen sich nur jene Veränderungen, die auftreten, wenn
das Psychopharmakon durch das plötzliche Absetzen nicht mehr auf den
Rezeptor wirken kann. In Abgrenzung zu den Entzugssymptomen bei
Tranquilizern spricht man von Absetzeffekten oder einem Absetzsyndrom, weil
danach die ursprünglichen Symptome wieder auftreten.
Vorübergehend können auch Entzugssymptome im Sinne
bisher unbekannter Symptome auftreten, die durch neuerliche Einnahme des
SSRI bald wieder verschwinden. Diese Forschungsergebnisse haben dazu
geführt, dass viele Patienten eine große Angst vor einer Abhängigkeit von
SSRI entwickelt haben, was unbegründet ist.
Bei 45% der englischen Patienten traten
neurologische Symptome auf (Schwindel, Kopfschmerzen, Parästhesien). Bei 25%
ergaben sich gastrointestinale und andere somatische Beschwerden, z.B. bei
10% Übelkeit, bei manche Patienten Erbrechen oder Mundtrockenheit. Bei 23%
traten neuropsychiatrische Zustände und Verhaltensstörungen auf, z.B. bei 4%
Schwächegefühle, bei anderen Reizbarkeit oder Angstzustände, bei 5%
Schlafstörungen (Schlaflosigkeit, lebhafte Träume). Beachtliche 16%
bezeichneten die Ausprägung der Absetzsymptome als stark. Die Absetzeffekte
sind naturgemäß stärker bei jenen SSRI, die eine kürzere Halbwertszeit haben
(z.B. Paroxetin, Fluvoxamin) als bei jenen SSRI, die eine längere
Halbwertszeit aufweisen (Fluoxetin).
Bei
Paroxetin
wurden in England die mit 5,1% häufigsten Absetzeffekte festgestellt, was
u.a. mit der kurzen Halbwertszeit und dem fehlenden aktiven Metaboliten
zusammenhängen dürfte. Bei den anderen SSRI ergaben sich nur sehr geringe
Absetzeffekte (0,06-0,9%), die geringsten bei Fluoxetin wegen der langen
Halbwertszeit der Muttersubstanz und des aktiven Metaboliten Norfluoxetin
(6-9 Tage).
Eine australische Studie kam zu ähnlichen Befunden.
Demnach waren Schwindel, Übelkeit, Lethargie, Parästhesien
(Körpermissempfindungen), Albträume, Reizbarkeit und Stimmungsveränderungen
die häufigsten Absetzsymptome. Die geringen Absetzeffekte bei Fluoxetin und
Sertralin wurden durch die längere Eliminationshalbwertszeit beider
Substanzen erklärt.
Zusammenfassend gesehen können beim
Absetzen
von SSRI folgende Symptome auftreten: Schwindel, Kopfschmerzen, Parästhesien
(Körpermissempfindungen), Gleichgewichtsstörungen, Ataxie (Schwäche),
Zittern, Augenzucken, Tinnitus (Ohrgeräusche), Übelkeit, Erbrechen,
Müdigkeit, Muskelschmerzen, Schlafstörungen (Schlaflosigkeit, lebhafte
Träume), Angstzustände, Reizbarkeit, Aggressionen, Hyperaktivität.
Gelegentlich sind auch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie
Depressionen zu finden. Bei neuerlicher Einnahme eines SSRI-Antidepressivums
verschwinden die Absetzsymptome innerhalb von 1-2 Tagen. Beim Absetzen eines
SSRI ist daher auf ein langsames Ausschleichen zu achten.
Ungünstige Effekte
einer medikamentösen
Kombinationstherapie wurden bisher noch zu wenig beachtet. Für die
Behandlungspraxis bedeutsam ist der Umstand, dass SSRI (insbesondere
Fluoxetin, Fluvoxamin und Paroxetin) den Plasmaspiegel von gleichzeitig
eingenommenen trizyklischen Antidepressiva auf den vier- bis sechsfachen
Wert erhöhen und den serotonergen Effekt verstärken können, weshalb die
Kombination von SSRI und Trizyklika riskant ist.
SSRI blockieren je
nach Präparat in unterschiedlicher Weise das Enzym Cytochrom P450, über
dessen Wirksystem viele andere Medikamente abgebaut werden. Dieser Umstand
kann die Wirkung anderer Medikamente vervielfachen, sodass die Gefahr einer
toxischen Plasmakonzentration bei einem anderen eingenommenen
Psychopharmakon besteht, weshalb von einer unkontrollierten Einnahme
abzuraten ist.
Sertralin, Citalopram und Escitalopram weisen die geringsten
Interaktionen mit dem Cytochrom-P450-System auf, d.h. sie lassen sich besser
als andere SSRI mit anderen Psychopharmaka kombinieren und werden daher
häufig bei Kombinationstherapien eingesetzt. SSRI dürfen wegen der (an sich
seltenen) Gefahr eines Serotonin-Syndroms auch nicht mit MAO-Hemmern (z.B.
Moclobemid:
Aurorix)
kombiniert werden.
Im Folgenden werden die sechs verschiedenen SSRI näher
dargestellt.
Gleich vorweg: In Deutschland wird mit deutlichem
Abstanz am häufigsten Citalopram verordnet, gefolgt von Sertralin und
Escitalopram, danach erst folgen Fluoxetin und Paroxetin, am seltensten wird
Fluvoxamin verschrieben (das Mittel bewirkt oft eine anhaltende Übelkeit).
Citalopram, die Nachfolge-Substanz Escitalopram sowie Sertralin gelten unter
Berücksichtigung von Wirkung und Nebenwirkungen am vorteilhaftesten.
Fluoxetin hat die Zulassung für Depressionen,
Zwangsstörungen und Bulimia nervosa. Bei Panikstörungen und Posttraumatischen
Belastungsstörungen besteht ebenfalls Wirksamkeit. Eine Dosis von 20 mg/Tag ist
meist ausreichend, bei Zwangsstörungen ist eine langsame Steigerung auf 40-60
mg/Tag empfehlenswert. Wenn nach 10 Wochen keine Besserung der Zwänge einsetzt,
sollte ein Wechsel auf eine andere Substanz erwogen werden. Bei Panikpatienten
sollte mit einer Einschleichdosis von 10 mg begonnen werden. Fluoxetin wirkt
stimmungsaufhellend ohne Tagesmüdigkeit.
Die Eliminationshalbwertszeit der Muttersubstanz beträgt
4-6 Tage, des Metaboliten Norfluoxetin 4-16 Tage. Dies ist viel länger als bei
allen anderen SSRI und hat Vor- und Nachteile. Die sehr lange Wirkungsdauer
verhindert zwar Rückfälle bei unregelmäßiger Medikamenteneinnahme bzw. Symptome
beim plötzlichen Absetzen, erschwert jedoch den raschen Umstieg auf ein anderes
Mittel bei Wirkungslosigkeit der Substanz.
Fluoxetin hemmt das Cytochrom P450IID6 Isoenzym, sodass
die Wirkung aller Medikamente, die dadurch metabolisiert werden, erhöht wird
(Dosisreduktion des anderen Mittels ist zu überlegen). Fluoxetin beeinflusst die
Dopaminfunktion, was bei anderen SSRI nicht der Fall ist.
Die Substanz stellt
nicht das Mittel der ersten Wahl bei Angst- und Panikstörungen dar, weil die
Wirksamkeit im Vergleich zu anderen SSRI weniger gut belegt ist. Bei einer
placebokontrollierten Studie zeigte sich jedoch eine Verminderung der
Panikattacken und der damit verbundenen Angstsymptome.
Wegen verschiedener Interaktionsmöglichkeiten mit
anderen Psychopharmaka und anderen Medikamenten ist eine gewissenhafte
Verordnung und Überprüfung angezeigt.
Ein abruptes Absetzen sollte vermieden werden, weil
vorübergehend bestimmte Symptome auftreten können, vor allem Benommenheit,
sensorische Störungen, Schlafstörungen, Agitation, Ängstlichkeit, Übelkeit oder
Schwitzen. Absetzphänomene sind stärker als bei anderen SSRI. Bei Kombination
mit Trizyklika, Benzodiazepinen, Neuroleptika und Lithium kann ein vorher
stabiler Plasmaspiegel stark ansteigen.
Paroxetin kann anfangs erregend und stimulierend wirken,
z.B. in Form von Schlaflosigkeit, Nervosität und vermehrtem Antrieb. Bei
Patienten mit Selbstmordgedanken, Erregung und Schlafstörung sollte daher
anfangs zusätzlich ein beruhigendes bzw. schlafförderndes Mittel (ein dämpfendes
Antidepressivum oder ein Tranquilizer in fallender Dosierung) verordnet werden.
Paroxetin war lange Zeit neben Sertralin eines der
häufigsten Mittel zur Behandlung von Panikstörungen und wird immer mehr
zugunsten des wesentlich nebenwirkungsärmeren Escitalopram ersetzt. Die Substanz
wirkt im Vergleich zu Fluoxetin schneller, stärker angstlösend und weist höhere
Ansprechraten auf. Paroxetin zeigte im Vergleich mit Clomipramin einen deutlich
früheren Wirkungsbeginn und war nach 12 Wochen gleich wirksam bei weniger
Nebenwirkungen als das trizyklische Antidepressivum.
1995 wurde die erste SSRI-Studie bei Panikpatienten
(großteils mit Agoraphobie) vorgestellt, bei der Paroxetin und Placebo jeweils
in Kombination mit einer kognitiven Therapie eingesetzt wurden. Dabei war die
Kombination von Pharmakotherapie und kognitive Therapie der anderen
Behandlungsform überlegen. Eine Reduktion um mindestens 50% der Panikattacken
nach 3 Monaten war bei 82% der Paroxetin-Gruppe und bei 50% der Placebogruppe
festzustellen.
1997 wurde eine in 11
Ländern durchgeführte Placebo- und Clomipramin-kontrollierte Doppelblindstudie
veröffentlicht, die den Effekt von Paroxetin bei 367 Panikpatienten nach 3
Monaten erhob. Nach 3 Monaten hatten 50,9% der Paroxetin-Gruppe, 36,7% der
Clomipramin-Gruppe und 31,6% der Placebogruppe keine Panikattacken mehr. Das
Kriterium der Panikattackenreduktion um mindestens die Hälfte ergab in allen 3
Gruppen doppelt so hohe Erfolgswerte (76,1% vs. 64,5% vs. 60,0%). Paroxetin und
Clomipramin waren gleich wirksam, allerdings wirkte Paroxetin rascher und hatte
weniger Nebenwirkungen. Beachtlich ist der relativ hohe Placeboeffekt.
In einer weiteren Erfolgsüberprüfung nach einem Jahr
wurden die in der Studie verbliebenen 176 Panikpatienten untersucht. Es
handelt sich dabei um die erste längerfristige SSRI-Studie mit Placebokontrolle
bei Panikstörungen. Insgesamt ergab sich eine weitere Besserung mit denselben
bereits angeführten Effekten. Am Studienende hatten 85% der Paroxetin-Gruppe,
72% der Clomipramin-Gruppe und 59% der Placebogruppe keine Panikattacken mehr.
Die Prozentwerte für eine Reduktion der Panik-attacken auf die Hälfte betrugen
bei den 3 Gruppen 98%, 92% bzw. 88%. Paroxetin erwies sich auch nach einem Jahr
als wirksames, sicheres und gut verträgliches Mittel zur Behandlung von
Panikstörungen. Trotz des Ausfalls zahlreicher Placebo-Gruppenteilnehmer war bei
verschiedenen Patienten auch noch nach einem Jahr eine anhaltende Placebowirkung
feststellbar, obwohl Beratungsgespräche möglichst reduziert worden waren. Die
Teilnahme an einer Studie stellt nach Auffassung der Autoren an sich bereits
einen Placeboeffekt dar.
Drei placeobokontrollierte Studien mit insgesamt 566
Patienten mit Generalisierter Angststörung bestätigten die Wirksamkeit bei
Generalisierter Angststörung nach achtwöchiger Behandlungsdauer. Die Wirksamkeit
bei einer posttraumatischen Belastungsstörung ist empirisch ebenfalls als
erwiesen anzusehen. Paroxetin ist auch bei Zwangsstörungen mindestens so gut
wirksam wie die Referenzsubstanz Clomipramin. Nach 12 Wochen ergab sich bei über
50% der Zwangspatienten eine deutliche Reduktion der Zwangssymptomatik (nötige
Dosis: 40-60 mg). Nach einem Behandlungsjahr konnte die nach 12 Wochen erreichte
Besserung beibehalten bzw. gesteigert werden.
Sertralin hat im Vergleich zu Paroxetin, Fluoxetin und
Fluvoxamin auch ein geringeres Interaktionsrisiko mit anderen Medikamenten. Es
verträgt sich eher mit Trizyklika, Benzodiazepinen und Medikamenten für ältere
Menschen.
Sertralin hemmt nicht so stark wie andere SSRI den Abbau
des Enzymsystems Cytochrom P450 (Isoenzym 2D6, aber auch Isoenzyme 2C9 und
2C10), das für den Abbau vieler Arzneimittel (auch Lebensmittel) zuständig ist,
und verstärkt nicht in unkontrollierbarer Weise die Wirkung anderer gleichzeitig
eingenommener Medikamente.
Vergleichsstudien zwischen Sertralin und Fluoxetin
ergaben, dass die Angstsymptomatik durch Sertralin tendenziell besser
beeinflusst wurde als durch Fluoxetin. Bei einer deutschen 15-Wochen-Studie zum
Vergleich von Sertralin (50-150 mg) und Paroxetin (40-60 mg) ergab sich die
gleiche Wirksamkeit, jedoch eine bessere Verträglichkeit von Sertralin (keine
Verschlechterung während der Ausschleichphase; Paroxetin-Patienten erlebten beim
Absetzen mehr Panikattacken und generell eher eine Verschlechterung des
Zustandsbildes).
In den USA wurden mehrere multizentrische,
placebokontrollierte Doppelblindstudien mit einer Dosis von 50, 100 und 200 mg
Sertralin durchgeführt. Die Studien dauerten zumeist 10-12 Wochen.
Die folgende
Tabelle zeigt
die hohe Wirksamkeit von Sertralin, aber auch die hohen Placeboeffekte.
Eine Meta-Analyse von 4 placebokontrollierten
Doppelblindstudien bei Panikpatienten, die 407 Sertralin-Gruppenteilnehmer und
257 Placebo-Gruppenteilnehmer umfasste, ergab bei 69% der
Sertralin-Gruppenteilnehmer und bei 47 der Placebogruppen-teilnehmer eine
Reduktion der Panikattacken, aber auch der Erwartungsangst (67% vs. 50%). Die
Besserungen durch die Sertralin-Behandlung zeigten sich auch anhand der
Hamilton-Angst-Skala, anhand einer globalen Erfolgsbeurteilung u.a.
Bei einer Studie an 320 Panikpatienten führte Sertralin
im Vergleich zu Placebo zu weniger Panikattacken, weniger Erwartungsangst,
weniger phobischer Vermeidung, geringerer soziale Beeinträchtigung, besserer
sozialer, familiärer und beruflicher Funktionsfähigkeit, vermehrten
Freizeitaktivitäten, besserer Stimmung u.a.
Bei einer Studie mit fixen Dosierungen von 50, 100 und
200 mg/Tag waren 76% der Patienten nach 6 Wochen frei von Panikattacken. Dabei
bestand kein Zusammenhang zwischen der Höhe der Dosierung und dem Zurückgehen
der Panikattacken.
Zwei placebokontrollierte Studien dokumentierten die
Wirksamkeit von Sertralin in der Akutbehandlung der posttraumatischen
Belastungsstörung, im Rahmen einer späteren Verlaufsuntersuchung zeigte sich
eine stabile Besserung bei anhaltender Dauerbehandlung bis zur 36. Woche. Eine
kanadische 20-Wochen-Muticenterstudie erbrachte die Wirksamkeit bei Patienten
mit einer generalisierten Sozialphobie.
Eine große Sertralin-Studie zur Behandlung von
Zwangsstörungen in 11 amerikanischen Zentren bei insgesamt 324 Zwangspatienten
ergab in der Sertralin-Gruppe gegenüber der Placebogruppe in allen Bereichen
signifikante Verbesserungen bei verschiedenen Skalen. Nach einer
Globalbeurteilung zeigten sich 52,8% der Sertralin-Gruppe und 35% der
Placebogruppe „viel gebessert“ oder „sehr viel gebessert“.
Bei den meisten Angst- und Panikpatienten ist eine
Zieldosis von 20-30 mg/Tag ausreichend, bei Zwangspatienten wird bei
Verträglichkeit der Substanz eine Dosis bis zu 60 mg/Tag empfohlen.
Bei manchen
Panikpatienten treten anfangs verstärkte Angstsymptome auf. Diese paradoxe
Zunahme der Angst ist in der ersten Behandlungswoche am stärksten und lässt im
Laufe von zwei Wochen nach. Durch eine niedrige Anfangsdosis von 10 mg/Tag in
der ersten Woche kann dies oft verhindert werden.
Die Wirkung von Citalopram setzt schneller ein als die
von Fluoxetin (maximaler Plasmaspiegel nach 3 Stunden).
Der
Steady-state-Plasmaspiegel wird innerhalb von 1-2 Wochen erreicht. Die
Eliminationshalbwertszeit beträgt ca. 33 Stunden. Das Medikament sollte
ausschleichend abgesetzt werden (pro Woche 10 mg weniger).
In einer großen Untersuchung an 401 Zwangspatienten
wurde Citalopram auch als wirksames Mittel zur Behandlung der Zwangsstörung
nachgewiesen. Die Wirksamkeit der Substanz war im Wesentlichen unabhängig von
der Höhe der Dosierung (Tagesdosen von 20, 40 und 60 mg).
Nach zwei offenen Studien und einer Placebo- und
Clomipramin-kontrollierten Doppelblindstudie in 4 Ländern (Finnland, Schweden,
Niederlande und Großbritannien) bei 475 Panikpatienten mit und ohne Agoraphobie
besteht Wirksamkeit bei Panikstörungen.
Die Untersuchung des Dosiseffekts
ergab folgende Befunde: 10-15 mg Citalopram waren nicht wirksamer als Placebo,
während eine Dosis von 20-30 mg bzw. 40-60 mg der Placebobehandlung signifikant
überlegen war. Mit 20-30 mg wurden sogar bessere Ergebnisse erzielt als mit
einer höheren Dosis, d.h. die Standardbehandlung mit 20 mg ist meist
ausreichend.
Bei einer Vergleichsstudie an Panikpatienten war Citalopram nach 60
Tagen bei 86% wirksam und Paroxetin bei 84%.
Wegen der besseren Wirksamkeit bei relativ günstigem
Preis möchte die Herstellerfirma Escitalopram durch das früher bewährte
Citalopram sukzessive ersetzen.
Verschiedene Studien widersprechen der Behauptung der
Herstellerfirma Lundbeck, das Enantiomer Escitalopram wirke stärker und
schneller als das Recemat Citalopram.
Im Gegensatz zu Citalopram hat Escitalopram aufgrund von
verschiedenen Studien, finanziert von der Herstellerfirma, eine breite
Indikationszulassung erreicht, ähnlich wie Sertralin, das von der weltgrößten
Pharmafirma Pfizer auf den Markt gebracht wurde und daher ebenfalls viele
Wirksamkeitsstudien aufweisen kann.
Escitalopram ist anerkannt zur Behandlung von
Depressionen, Panikstörungen mit und ohne Agoraphobie, Zwangsstörungen,
Generalisierten und Sozialen Angststörungen.
SSRI wirken bei vielen Menschen mit starken Depressionen
nicht ausreichend, sodass in der Forschung wieder die Wirkprinzipien der
trizyklischen Antidepressiva im Mittelpunkt standen, mit dem Ziel, Substanzen zu
entwickeln, die weniger Nebenwirkungen als die Trizyklika enthalten sollten.
SNRI sind nach den SSRI die am zweithäufigsten
verschriebenen Antidepressiva.
Die Substanz wirkt stimmungsaufhellend und angstlösend.
Die Wirkung setzt in höherer Dosis im Vergleich zu SSRI schneller ein. Der angstlösende Effekt erfolgt schnell, die stimmungsaufhellende Wirkung erst nach zwei
Wochen.
Venlafaxin ist zugelassen mit der Indikation für
Depressionen mit und ohne begleitende Angstsymptomatik (auch für
Rezidivprophylaxe depressiver Störungen), Generalisierte Angststörungen und
Soziale Phobien (nicht für Zwangsstörungen zugelassen).
Die angstlösende
Komponente von Venlafaxin wurde auch bei depressiven Patienten mit
gleichzeitiger Angstsymptomatik im Vergleich zu Fluoxetin und Placebo
nachgewiesen.
Das Mittel erzielt nach einer multizentrischen Studie über 6
Monate bei ambulanten Patienten mit einer Generalisierten Angststörung auch dann
gute Erfolge, wenn keine depressive Begleitsymptomatik besteht.
Die häufige
Komorbidität von Angststörung und Depression verschlechtert die Prognose, sodass
eine effiziente Behandlung sehr wichtig ist.
Venlafaxin stellt oft das Mittel
der ersten Wahl dar, weil es den Vorteil hoher Wirksamkeit gegenüber beiden
Erkrankungen in einem Präparat vereint.
Zur Verminderung der möglichen starken Nebenwirkungen
werden daher Retard-Präparate verordnet, die den Wirkstoff verzögert abgeben,
erkennbar durch die Zusatzbezeichnung XR (extended release).
Die Substanz weist im Gegensatz zu den meisten SSRI und
Trizyklika eine lineare Kinetik auf. Es besteht eine lineare Beziehung zwischen
der verabreichten Dosis und der Plasmakonzentration. Kumulations- oder
Sättigungsphänomene treten nicht auf.
Es gibt keine dosisabhängige Wirkung auf die
verschiedenen Transmittersysteme und keine Wechsel- und Nebenwirkungen wie bei
den trizyklischen Antidepressiva.
Die Substanz unterliegt keiner
Biotransformation durch das Cytochrom P450-System.
Im Gegensatz zu den SSRI und den SNRI, die die
Konzentration der Botenstoffe im synaptischen Spalt durch die Blockierung der
Wiederaufnahme erhöhen, sollen die NaSSAs die Produktion der Neurotransmitter
steigern.
Die Tagesdosis beträgt 30 mg abends (beginnend mit 15
mg), bei Nichtansprechen wird auf 45 mg erhöht. Bei Hypotoniepatienten ist eine
Verstärkung der Hypotonie bei Bedarf durch eine Dosisreduktion zu vermeiden. Das
Mittel wird ausschleichend abgesetzt.
Mirtazapin wirkt relativ rasch (oft bereits in der
ersten Woche) und hat eine nur leicht sedierende Wirkung, weil der aktivierende
Noradrenalin-Effekt die sedierende Wirkung über die Histaminrezeptoren teilweise
kompensiert. Anticholinerge, antiadrenerge und serotonerge Nebenwirkungen treten
selten auf.
Mirtazapin verstärkt die Wirkung von Benzodiazepinen,
was bei gleichzeitiger Einnahme zu beachten ist, und verstärkt auch die Wirkung
von Alkohol, sodass eine strikte Alkoholabstinenz eingehalten werden muss.
Mirtazapin ist bei viel weniger Nebenwirkungen gleich wirksam wie Amitriptylin,
Clomipramin und Doxepin und wirksamer als Trazodon. Im Vergleich zu den SSRI
fehlen Nebenwirkungen wie Übelkeit, und es zeigt sich ein (oft erwünschter)
leicht sedierender Effekt. Mirtazapin führt zu keiner Hemmung metabolisierender
Enzymsysteme (insbesondere Cytochrom P450), sodass ein eher geringes
Interaktionspotenzial besteht.
Tianeptin wird neben der Behandlung von Depressionen
wegen der anxiolytischen Komponente auch bei Angststörungen eingesetzt.
Doppelblindstudien fehlen jedoch.
Die Substanz nimmt eine Mittelstellung
zwischen sedativen und stimulierenden Antidepressiva ein und hat eine starke
Wirkung auf somatische Beschwerden, besonders auf die mit Angst und
Stimmungsschwankungen verbundenen gastrointestinalen Beschwerden.
Das Mittel ist gut verträglich und sollte wie alle
Antidepressiva nur ausschleichend abgesetzt werden. Es bestehen keine
MAO-Aktivität und keine Effekte an anderen Neurotransmittern (keine
Metabolisierung über das Cytochrom P450).
Bei gleich guter Wirksamkeit gegenüber
SSRIs und besserer Akzeptanz als Trizyklika weist die Substanz einige Vorteile
auf, die den Einsatz durchaus bei Angstpatienten überlegenswert machen.
Anticholinerge Symptome fehlen.
Trazodon wird eingesetzt Behandlung von Depressionen
unterschiedlicher Ursachen mit und ohne Angstkomponente sowie bei anhaltenden
Schlafstörungen bei Depressionen. Es fördert den Tiefschlaf, vermindert
psychovegetative (somatoforme) Symptome und ist auch zugelassen zur Behandlung
chronischer Schmerzzustände und funktioneller Sexualstörungen. Zur Behandlung
von Panikattacken ist das Mittel nicht geeignet.
Zu Behandlungsbeginn ist aufgrund der sedierenden
Wirkung die Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit und damit auch die
Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigt, was vor allem am Morgen beachtet werden
muss.