Dr. Hans Morschitzky

Psychotherapeut

Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie

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Angst vor dem Jenseits - Angst vor dem möglichen Leben nach dem Tod 

 

Menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit und ewigem Leben

Vielfältige Jenseitsvorstellungen in der Menschheitsgeschichte

Neben Vorstellungen von einem ewigen Leben im Diesseits in Form der mythologischen Erzählungen von einem nicht mehr vorhandenen Paradies, wie etwa im Buch Genesis des Alten Testaments, haben vor allem die Vorstellungen über ein Leben nach dem Tod schon immer das Denken und Verhalten der Menschen und Völker bestimmt. Der Glaube an eine unsterbliche Seele ist damit nicht unbedingt verbunden, wie verschiedene Vorstellungen belegen: Der Geist bzw. die Seele verlässt den Körper beim Tod, ohne dass das Individuum unsterblich ist, die Verstorbenen befinden sich in einem Schattenreich wie im Alten Testament oder bestimmte höhergestellte Verstorbene betreten mit ihrem irdischen Körper das Jenseits wie im alten Ägypten.

Der Glaube an eine unsterbliche Seele, oft auch an ein Weiterleben des verstorbenen oder eines erneuerten Körpers in einer anderen Dimension, ist ein Grundbedürfnis vieler Menschen und Völker seit Jahrtausenden in aller Welt. Trotz völlig unterschiedlicher Vorstellungen, wie es nach dem Tod weitergehen könnte, stand in früheren Zeiten religions- und kulturunabhängig fest, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, zumindest für bestimmte herausgehobene Personen wie Pharaonen, Könige und Heroen.

Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit hat keineswegs nur mit der Unfähigkeit und dem Unwillen des Menschen zu tun, den Tod als endgültiges Aus der eigenen Person anzuerkennen, sondern auch mit dem Wunsch und der Hoffnung, dass die engsten Angehörigen und die besten Freunde im Jenseits gut aufgehoben sind, bis man nach dem eigenen Tod wieder mit ihnen zusammen sein kann.

Der Ahnenkult und die Verehrung der Geister der Verstorbenen in vielen Regionen der Welt weisen auf die Bedeutung des Wir-Gefühls jenseits des Todes hin. Ahnenkulte beruhen auf dem Glauben an ein Weiterleben der Verstorbenen im Jenseits, aus dem deren Geister in guter und schlechter Weise für die Lebenden wirksam werden. Die Hinterbliebenen oder zumindest bestimmte Mittler können mit den Ahnen in Kontakt treten, etwa durch Opfer, Orakel und Gebete. In schamanistisch und animistisch geprägten Religionen der Welt spielt der Ahnenkult auch heutzutage noch eine große Rolle.

Zur Bewältigung der Angst vor dem Tod als dem Ende der irdischen Existenz setzen die Menschen nach dem US-Psychiater Robert Jay Lifton fünf verschiedene Strategien von Transzendenz, das heißt von Überschreitung der eigenen Person, ein:

  1.  den biologisch-generativen Modus mit dem Wunsch nach Weiterleben in seinen Nachkommen oder in der Gesellschaft,

  2.  den religiösen Modus mit dem Glauben an ein ewiges Leben und der Erfahrung spiritueller Verbundenheit mit einer höheren Macht,

  3. den kreativen Modus mit dem Bestreben, in seinen Taten und Werken weiterzuleben,

  4. den natur- und kosmosbezogenen Modus mit Bezug auf eine überdauernde Totalität in der Natur, in der Welt oder im Kosmos,

  5. den Modus der erfahrenen Transzendenz in Form des Staunens und der Ehrfurcht vor der Schöpfung sowie in Form eines sehr persönlichen mystischen oder ekstatischen Erlebens.

Der englische Philosoph, Diplomat und Journalist Stephen Cave beschreibt in seinem Buch „Unsterblich. Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben als Triebkraft unserer Zivilisation“, welche vier Mittel und Wege den Menschen und Völkern aller Zeiten die Verwirklichung der Sehnsucht nach Unsterblichkeit garantieren sollten. Bereits im alten Ägypten habe es im Laufe der Zeit alle vier Modelle gegeben.

Cave unterscheidet zwischen vier Unsterblichkeitserzählungen:

  1. Weiterlebenserzählung. Es geht um das intensive Bemühen des Menschen um ein möglichst langes, am besten ewiges Weiterleben des Körpers auf dieser Erde mithilfe bestimmter Strategien (gegenwärtig mithilfe der modernen Medizin, die ein immer längeres Leben ermöglichen soll).  

  2. Auferstehungserzählung. Es geht um den Glauben an die Auferstehung von den Toten in Form des Weiterlebens des Menschen in einer anderen Welt mit demselben oder einem neuen Körper (mit demselben Körper bei ägyptischen Pharaonen wie Cheops, der laut damaligem Glauben im ursprünglichen Körper zum Himmel aufstieg, mit einem verwandelten Körper laut den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam).

  3. Seelenerzählung. Es geht um die Unsterblichkeit der Seele in Form eines körperlosen Weiterlebens des Menschen in einer anderen Welt (in unterschiedlichen Varianten vorhanden in der assyrisch-babylonischen Kultur, im alten Ägypten, in der griechischen Mythologie, bei den griechischen Philosophen Pythagoras, Sokrates und Platon, in den letzten zwei Jahrhunderten vor Christus auch im Judentum, später vor allem im Christentum, Islam und anderen Religionen).

  4. Vermächtniserzählung. Es geht um das ruhmvolle symbolische Weiterleben des Menschen in Form der persönlichen Taten in dieser Welt (dieser Aspekt passt zur Terror-Management-Theorie sowie zur Lebensbedeutung „Generativität“ in der Sinnforschung).

Die „Weiterlebenserzählung“ und die „Vermächtniserzählung“ handeln von der Sehnsucht des Menschen nach möglichst langer realer bzw. symbolischer Anwesenheit auf der Erde. Sie bieten zwar keinen gleichwertigen Ersatz für den Glauben an die Auferweckung des Körpers im Jenseits („Auferstehungserzählung“) bzw. an die Unsterblichkeit der Seele („Seelenerzählung“), haben aber das Leben des Einzelmenschen sowie praktisch aller Völker seit Beginn der Menschheit so stark geprägt, dass man laut Stephen Cave alle Kulturen als Ausdruck dieses Bestrebens betrachten kann. Die Kombination von „Auferstehungserzählung“ und „Seelenerzählung“ stellt bis heute die offizielle Lehre der christlichen Konfessionen dar.

Die Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit entspricht nach Meinung des atheistischen Philosophen Cave dem natürlichen, evolutionär-biologisch fundierten Grundbedürfnis des Menschen, sich in die Zukunft zu projizieren. Es wird nur kontrastiert vom gleichzeitigen Wissen des Menschen um seine Sterblichkeit, was Cave, wie bereits erwähnt, als Sterblichkeitsparadoxon bezeichnet.

Die Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod zeigt sich bei zwei völlig unterschiedlichen Personengruppen in ähnlicher Weise:

Abnehmender Jenseitsglaube in der Gegenwart

Bei Umfragen zur religiösen Einstellung der Bevölkerung ergibt sich übereinstimmend der Befund, dass in Europa der Glaube an die zentralen Inhalte der christlichen Religion im Laufe der Jahre stetig abnimmt. Nach einer großen Befragung in Deutschland im Auftrag der Zeitschrift SPIEGEL im Jahr 2019 glauben 55 Prozent der Bevölkerung an einen Gott (im Westen 63 Prozent, im Osten 26 Prozent), 46 Prozent an eine unsterbliche Seele, 40 Prozent an ein Leben nach dem Tod, 40 Prozent an Engel, 26 Prozent an einen Teufel, 13 Prozent an eine Hölle als Ort der ewigen Verdammnis. Von den Gottgläubigen glauben 67 Prozent an einen dreifaltigen Gott, 55 Prozent, dass Jesus in einer Person Gott und Mensch war, 54 Prozent, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, 49 Prozent, dass Gott alles, was es gibt, erschaffen hat. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2015 glauben nur 36 Prozent der Deutschen an die Auferstehung Jesu von den Toten und nur 34 Prozent an das ewige Leben.

Nach einer Umfrage im Rahmen der europäischen Wertestudie im Jahr 2018 glauben in Österreich 73 Prozent der Bevölkerung an einen Gott und 53 Prozent an ein Weiterleben nach dem Tod; als religiös bezeichnen sich immerhin 63 Prozent der Bevölkerung. Laut einer sehr differenzierten Befragung im Jahr 2020 glauben 29 Prozent der Befragten an einen persönlichen Gott und weitere 42 Prozent an ein höheres Wesen oder eine geistige Macht. Die Personen mit einer starken Gottesüberzeugung haben sich von 1970 bis 2020 nahezu halbiert. Im Durchschnitt glaubt nur mehr ein gutes Drittel (36 Prozent) der Bevölkerung an die Kernbotschaften der Bibel. Im offiziell großteils katholischen Österreich kann man nur mehr ein Drittel der Bevölkerung als „christlich“ bezeichnen, wenn man als Kriterium dafür den Glauben an die Kernbotschaft der Auferstehung Jesu zugrunde legt. An die eigene Auferstehung von den Toten mit Leib und Seele glauben gar nur mehr 22 Prozent der Bevölkerung. Nach einer anderen Befragung in Österreich im Jahr 2014 glauben 49 Prozent an einen allmächtigen Gott, 46 Prozent an ein ewiges Leben, 36 Prozent an die Auferstehung der Toten, 31 Prozent, dass Jesus nach seinem Tod am Kreuz am dritten Tag auferstanden ist, und 19 Prozent, dass Jesus vom Himmel kommen wird, die Lebenden und die Toten zu richten.

Laut Umfragen und amtlicher Statistik schwindet auch der Anteil von Menschen, die einer christlichen Konfession angehören. Vor allem bei jungen Erwachsenen nimmt die kirchlich gebundene Religion einen immer geringeren Stellenwert ein. Markante Eckpunkte des Lebens wie christliche Taufe und christliches Begräbnis werden von Menschen in der heutigen Zeit nicht mehr unbedingt als Garantie für einen sicheren Platz im Himmel benötigt, falls es doch einen Gott und ein Leben nach dem Tod geben sollte. Immer mehr Menschen machen sich dies mit ihrem „Herrgott“ selbst aus, zu dem sie auch ohne Mitgliedschaft bei einer christlichen Kirche beten können. Der frühere Glanz des Christentums gegenüber den anderen Religionen verblasst zunehmend, dennoch wird überall in Europa auf das „christliche Abendland“ verwiesen, das nicht von Islamgläubigen überschwemmt werden dürfe. Das Kreuz gilt als christliches Symbol, an die damit verbundene Erlösung glauben jedoch immer weniger Menschen.

Mindestens ein Drittel, eher sogar rund die Hälfte der Menschen in Europa schätzt sich selbst als weder religiös noch spirituell ein. Angesichts dieser Zahlen ist die Behauptung problematisch, dass jeder Mensch eine spirituelle Dimension besitzt, wenn man nicht auch bereits einen „säkularen Humanismus“ als Spiritualität bezeichnet.

 

Botschaften des Christentums

Hoffnung auf das Himmelreich

Die Vorstellungen über das Leben nach dem Tod sind in der Bibel und in den späteren christlichen Konfessionen keineswegs so einheitlich, wie man vielleicht erwarten würde. Auf wichtige Aspekte davon möchte ich mithilfe von relevanter Literatur näher eingehen, weil viele Leserinnen und Leser vermutlich christlich sozialisiert sind bzw. auch im Erwachsenenalter einer christlichen Konfession angehören.

Der Glaube an ein ewiges Leben bei Gott im Himmel hat im Christentum eine lange Vorgeschichte, die an die jüdische Erwartung des Messias auf Erden anknüpft. Laut Bibelforschung verkündete Jesus den Anbruch des Reiches Gottes auf Erden als unmittelbar bevorstehend und irdisch erlebbar. Jesus rief in der Tradition des Judentums zur raschen Umkehr auf, weil das Himmelreich nahe sei und das Endgericht Gottes über die Menschheit binnen kurzer Zeit hereinbrechen werde.

Nach Auffassung der meisten evangelischen und katholischen Bibelwissenschaftler betrachtete Jesus sich selbst, entgegen bestimmter Bibelstellen, weder als den verheißenen Messias noch als Sohn Gottes, sondern nur als „Menschensohn“. Erst nach seinem Tod übertrugen seine Anhänger im Lichte seiner subjektiv erlebten Auferstehung, die von Außenstehenden trotz der biblischen Erzählungen davon nicht objektiv beobachtbar war, auf ihn verschiedene Hoheitstitel wie „Messias“ und „Sohn Gottes“.

Die Evangelien vermitteln eine doppelte Botschaft: Einerseits ist das Gottesreich im Handeln von Jesus im Diesseits, im Hier und Jetzt, bereits angebrochen, andererseits ist die Vollendung in der Zukunft noch ausständig. Die jüdisch-christliche Urgemeinde, der Apostel Paulus und die frühen Judenchristen waren im Rahmen der Endzeitstimmung der damaligen Zeit fest davon überzeugt, dass Jesus nach seinem Tod und seiner Auferweckung durch Gott der verheißene Messias (griech. Christos) sei und alle Menschen sein Kommen auf diese Welt zu ihren Lebzeiten noch miterleben würden. Der Himmel sollte auf die Erde kommen und sie völlig verändern und nicht die Menschen in einen anderswo lokalisierten Himmel. Für die Naherwartung des Reiches Gottes von Jesus und seinen Jüngern gibt es zahlreiche Belege in den Evangelien und in den Paulus-Briefen.

Die inständig erwartete Wiederkunft Jesu blieb jedoch immer länger aus (Fachausdruck: Parusieverzögerung), viele Mitglieder der Urgemeinde starben enttäuscht, andere beklagten sich bei Paulus, wie aus seinen Briefen hervorgeht, dass dieses Ereignis noch immer nicht stattgefunden habe und wohl auch sie ohne den Beginn des Reiches Gottes auf Erden sterben müssten. Als Folge davon wurde der Erwartungshorizont auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft erweitert, wie aus Briefen des Paulus und den später verfassten Evangelien hervorgeht. Aus der Naherwartung wurde eine Fernerwartung. Gleichzeitig wurde das gesamte Handeln Jesu laut Evangelien als Anbruch des Reiches Gottes auf Erden interpretiert.

Die zentrale Botschaft Jesu war das bevorstehende Anbrechen des Reiches Gottes auf Erden. Christen beten im „Vater unser“, dem häufigsten Gebet der Christenheit, weiterhin um das Kommen des Reiches Gottes sowie um die Wiederkunft Christi. Das Bitten um das Gottesreich in der Zukunft geht einher mit dem Glauben, dass das Leben im Hier und Jetzt bereits durchdrungen ist von der Anwesenheit Jesu Christi, die von den Gläubigen gegenwärtig bereits innerlich erlebt und äußerlich bei jedem Gottesdienst gefeiert wird.  

Auferweckung mit einem neuen, verklärten Leib

Analog zum Tod und zur Auferweckung Jesu wurde die Auferweckung der Menschen von den Toten verkündigt, die durch den Kreuzestod Jesu als Sühneopfer für die Sünden der Menschen ermöglicht worden sei. Die christliche Botschaft von der Erlösung der Menschen kommt ohne das hellenistisch-philosophische Konzept einer unsterblichen Seele aus, das für die Jünger Jesu, den Apostel Paulus, die Evangelien und die frühen Christen nicht zur Botschaft Jesu passte.

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis der christlichen Kirchen wird im Schlusssatz der Glaube an die „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ bekundet. Das macht den Kern des christlichen Glaubens aus, soweit es das Schicksal der Menschen betrifft: Alle Menschen werden am Ende der Zeiten bzw. der Welt mit einem neuen, verklärten Leib auferstehen, und zwar nicht aufgrund eigener Kraft; alle werden auferweckt durch einen Schöpfungsakt Gottes.

Nach der Auferweckung von den Toten durch den Messias, der im Christentum mit Jesus gleichgesetzt wird, erfolgt eine Art Gerichtsverhandlung, das Letzte (Jüngste) Gericht, bei dem von Jesus Christus entschieden wird, ob die auferweckten Personen aufgrund ihres früheren Lebens für immer in den Himmel oder in die Hölle kommen, in den Worten der neueren Theologie ausgedrückt, auf ewig in der Nähe Gottes oder in Gottferne leben werden. Nach römisch-katholischer Lehre gibt es das erste göttliche Gericht über die Seele gleich unmittelbar nach dem Tod: „In seiner unsterblichen Seele erhält jeder Mensch gleich nach dem Tod durch Christus, den Richter der Lebenden und der Toten, in einem besonderen Gericht seine ewige Vergeltung.“ Die evangelischen Kirchen lehnen diese Sichtweise zugunsten des Endgerichts am Letzten (Jüngsten) Tag ab.  

Die Botschaft von der „Auferstehung des Fleisches“ kraft der Todesüberwindung von Jesus Christus, die der Apostel Paulus in der griechischen Welt durch seine Missionsreisen und seine Briefe verkündet hatte, hat nach Auffassung von Fachleuten die rasche Ausbreitung des Christentums längst vor ihrer Anerkennung als Staatsreligion im römischen Reich bewirkt, anfangs vor allem bei den untersten sozialen Schichten ohne Chancen im irdischen Leben.

Der menschliche Körper wurde in der hellenistisch-platonischen Philosophie geringgeschätzt, während er nach jüdisch-christlicher Verkündigung ein Geschöpf Gottes ist und im Jenseits in verklärter Weise auferweckt wird. Die Wertschätzung des Körpers ging seit dem 3. bzw. 4. Jahrhundert sukzessive verloren, je mehr das dualistische Körper-Seele-Modell des griechischen Philosophen Platon (427–347 vor Christus) und seines späteren römischen Schülers Plotin (205–270 nach Christus) und damit deren negative Sichtweise des Körpers die christliche Theologie geprägt hat.

Das Christentum beeindruckte die Menschen in der griechisch-römischen Antike mit dem Anspruch einer Erlösungsreligion, die eine göttliche Auferweckung mit Körper und Seele verspricht. Die Götter der alten Griechen und Römer waren zu sehr mit sich selbst und ihren Streitigkeiten untereinander beschäftigt, als dass sie sich um das Leben der Menschen und ihre postmortale Zukunft gekümmert hätten.

Allein die Botschaft, dass der Mensch mit dem biologischen Tod nicht endgültig gestorben ist, sondern befreit vom Kerker des Körpers als reine Seele weiterleben wird, wäre für die Adressaten von Paulus nichts Neues gewesen. Seit den Pythagoräern und der platonischen Philosophie war im alten Griechenland ein Weiterleben in Form der unsterblichen Seele bekannt. Nach Platon existieren die Seelen bereits vor der Geburt des Menschen im Reich der Ideen, nehmen dann bei der Geburt einen Körper an und befreien sich davon wieder mit dem Tod, um in das Reich der Ideen zurückzukehren und später bis zur Befreiung von allen irdischen Begierden neuerlich als Mensch oder als Tier in die Welt einzutreten.

In den ältesten Schriften des Alten Testaments gab es noch keine Vorstellungen von einem Weiterleben nach dem Tod. Der Mensch geht nach seinem Tod in eine Schattenwelt, die Scheol (griech. Hades), ein und lebt an diesem düsteren, trostlosen Ort des Vergessens fern von Gott ein nichtpersonales, unwirkliches Schattendasein. Dieses „Leben“ galt nicht als wirkliches Leben, die Bezeichnung „Schatten“ ist somit sehr treffend. Fromme Juden achteten daher darauf, in ihren Nachkommen weiterzuleben.

Der Glaube an die Auferstehung der Toten entwickelte sich im Judentum erst im 2. Jahrhundert vor Christi Geburt aufgrund äußerer Einflüsse, und zwar durch die Lehre des iranischen Priesters und Philosophen Zoroastra (Zarathustra), der bereits Jahrhunderte vorher gelebt hatte. Diese Hoffnung entstand in der jüdischen Apokalyptik, die auf dem Hintergrund der Besetzung Israels durch die Seleukiden die Vorzeichen der Endzeit und die Wende zu einem neuen Zeitalter verkündete. Die Welt werde in den paradiesischen Urzustand zurückverwandelt, in dem es die Sünde und das Böse nicht mehr geben werde; alle Menschen werden von den Toten zu einem ewigen Leben auferstehen, gleichsam als Ausgleich für die schlechten und unerträglichen Verhältnisse in der damaligen Welt in Israel.

Zur Zeit Jesu gab es innerhalb des Judentums heftige Verfechter für und gegen den Glauben an die Auferstehung der Toten. Der Apostel Paulus hatte unter seinem früheren Namen Saulus als frommer Jude und Mitglied der Laiengruppe der Pharisäer an eine körperliche Auferweckung der Verstorbenen und an ein göttliches Endgericht bei der Wiederkunft des Messias geglaubt, im Gegensatz zur Priestergruppe der mit den Römern kollaborierenden Sadduzäer, denen zufolge alle Menschen laut den ältesten Schriften des Alten Testaments, der Tora (der fünf Bücher Mose), mit ihrem biologischen Tod für immer tot und dann im Schattenreich, im Totenreich, seien.

Laut Evangelien (Mk 12,18–27; Mt 22, 22–33, Lk 20, 27–38) versuchten die Sadduzäer in einem Gespräch mit Jesus den Glauben an die Auferstehung der Toten durch folgende hypothetische Frage als absurd darzustellen: „Mit wem wird bei der Auferstehung eine Frau verheiratet sein, die nach dem Tod ihres Mannes der Reihe nach mit dessen sieben Brüdern verheiratet war?“ Nach Jesus werden die auferweckten Menschen nicht mehr heiraten, sondern wie die Engel im Himmel sein, jenseits dessen, was den irdischen Menschen als Mann und Frau ausmacht. Gott sei ein Gott der Lebenden und nicht der Toten, das heißt, alle Toten werden auferweckt werden.

Unsterblichkeit des Menschen durch den Kreuzestod Jesu

Die vom Apostel Paulus übermittelte Frohe Botschaft an die „Heiden“ unterschied sich radikal von den hellenistischen Vorstellungen über ein Weiterleben nach dem Tod: erstens durch die Hoffnung auf eine Auferstehung des Menschen mit Seele und Körper, und zweitens durch den Umstand, dass es sich bei der Auferweckung der Menschen beim Letzten (Jüngsten) Gericht um einen Erlösungsakt durch Jesus Christus handle, der als Sohn Gottes auf die Welt gekommen sei, um durch seine Kreuzigung und Auferstehung den Fluch des Sündenfalls der ersten Menschen Adam und Eva aufzuheben. Paulus hat dies im 1. Korinther-Brief, 15:22, so formuliert: „Wie nämlich in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“

Nicht Weihnachten, wie es angesichts des Trubels in der westlichen Welt oft scheinen mag, ist das größte Fest der Christenzeit, sondern Ostern. Das Weihnachtsfest soll nur an die Geburt Jesu erinnern, das Osterfest dagegen drückt Jesu Triumph über den Tod durch seine Auferstehung aus. Das wollen Paulus und die Evangelien verkünden: Jesus ist durch seinen Opfertod am Kreuz gestorben wie jeder andere Mensch, durch seine leibliche Auferstehung hat er jedoch allen Menschen die Erlösung von ihren Sünden und die zukünftige Auferweckung ihres Körpers am Ende der Zeiten ermöglicht.

Den Hintergrund der christlichen Erlösungslehre nach Paulus bildet die Geschichte vom Sündenfall von Adam und Eva im Paradies. Nach dem Buch Genesis des Alten Testaments hatten beide vom Baum der Erkenntnis gegessen. Sie wollten von sich aus wissen, was gut und böse ist, und wollten ewig leben wie Gott; sie mussten daher auf Geheiß Gottes das Paradies nackt verlassen, womit ihre Sterblichkeit und auch die ihrer Nachfolger besiegelt war.

Der Apostel Paulus stellte Jesus als Gegenpol zu Adam und Eva und deren Ursünde im Paradies dar. Wie er in seinen Briefen betonte, sei der Tod des Menschen die Folge der Sünde von Adam und Eva im Paradies, sodass die Wiedererlangung des ewigen Lebens nicht vom Menschen selbst bewirkt werden könne, sondern nur durch den Glauben an Jesus, den Christus (hebräisch: Messias), der durch sein Sterben und seine Auferstehung den Tod überwunden habe.

Kritiker des Christentums weisen darauf hin, was heutzutage im Gegensatz zur offiziellen Lehre der römisch-katholischen Kirche auch die moderne Bibelforschung anerkennt: Laut Evolutionstheorie hat es kein erstes Menschenpaar Adam und Eva gegeben, noch dazu in einem Paradies mit einem endlos langen Leben, sodass deren Nachkommen auch nicht von einer Ursünde erlöst werden müssten.

Das Christentum interpretierte im Gegensatz zum Judentum und Islam den Schöpfungsbericht als erlösungsbedürftigen Sündenfall. Seit dem 20. Jahrhundert sprechen auch die Theologinnen und Theologen der christlichen Kirchen bezüglich der Erschaffung der Menschen durch Gott laut Altem Testament von einem „Mythos“, das heißt von einer nicht historisch gemeinten Botschaft der Bibel über die grundsätzliche Beziehung zwischen Gott und den Menschen sowie über das Wesen des Bösen und seiner Überwindung.

Widerspruch zwischen Auferweckung von den Toten und Unsterblichkeit der Seele?

Die Unsterblichkeit der menschlichen Seele in der christlichen Modifizierung der Vorstellungen des Philosophen Platon und die Auferweckung der Verstorbenen zu neuem körperlichen Leben gemäß dem Neuen Testament ist laut protestantischen und nichtchristlichen Kritikern ein Widerspruch in sich. Aus katholischer Sicht garantiert dagegen nur die Unsterblichkeit der Seele die Identität des Menschen mit seinem irdischen Körper und seinem späteren verklärten Körper.

Die katholische Kirche legte beim 5. Laterankonzil im Jahr 1513 die Unsterblichkeit der menschlichen Seele dogmatisch fest. Jeder Mensch habe eine individuelle und unsterbliche Seele, die den Leib im Tod überdauere. Martin Luther lehnte trotz des Glaubens an eine unsterbliche Seele diese Sichtweise als Teufelslehre, weil heidnisch (hellenistisch) ab. Die Seele habe ihre Lebenskraft nicht aus sich selbst heraus, sondern nur durch Gott.

Das frühe Christentum orientierte sich bei der theologischen Weiterentwicklung der Lehre und der Formulierung der Dogmen an der Vorstellung einer unsterblichen Seele, wie sie im griechisch-hellenistischen Raum bekannt war, und zwar in Form des Leib-Seele-Dualismus des Philosophen Platon; diese Auffassung vertraten bereits die Pythagoräer im 5. Jahrhundert vor Christus, später auch die Gnosis, das sind religiöse, von der Kirche als Häresie verurteilte Strömungen und Geheimlehren im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus. Der Körper, der in der Bibel als Geschöpf Gottes galt, wurde von der platonischen Philosophie als Kerker der Seele betrachtet, eine Sichtweise, die sich im Christentum im Laufe der Jahrhunderte verheerend ausgewirkt hat. Der Tod stellt nach Platon die Befreiung der Seele von den Einschränkungen des Körpers und den personalen Übergang in die Welt der Ideen dar, in der die Seele bereits vor der Geburt ohne einen Schöpfungsakt existiert hat.

Jesus glaubte als tiefgläubiger Jude an keine unsterbliche Seele, sondern an die baldige Wiederkunft des Messias zu den Menschen der damaligen Welt, um das Himmelreich auf Erden zu errichten. Die platonische Vorstellung einer körperlosen unsterblichen Seele gelangte im 3. Jahrhundert durch den Theologen Origenes in die christliche Welt. Die Seele verbindet sich demnach mit einem vergänglichen Körper und verlässt ihn dann wieder beim Tod. Diese Aussage erfolgt laut vielen christlichen Theologen und Theologinnen ohne überzeugende Belege im Alten und Neuen Testament.

Die neuplatonische Lehre von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, wie sie der ein halbes Jahrtausend später lebende römische Philosoph Plotin in der Nachfolge von Platon vertreten hatte, ermöglichte dem Christentum die Vorstellung eines Weiterlebens im Jenseits, und zwar als Überbrückung der Zeit vom Tod bis zur Auferweckung der Toten mit einem verklärten unsterblichen Leib.

Gegen Ende des 4. Jahrhunderts entwickelte der berühmte Kirchenlehrer Augustinus (354–430 nach Christus) bereits im Alter von 32 Jahren jene kreative Übernahme der platonischen Seelenlehre, wie sie für das weitere, vor allem römisch-katholische Christentum bestimmend blieb: Die immaterielle Seele ist nicht aus sich selbst heraus, sondern nur durch Gott unsterblich; die Seele kommt nach dem Tod in das Reich Gottes und nicht in das Reich des Geistes; die Seele existiert nach dem Tod des Körpers für ewig bei Gott und durchläuft keine Seelenwanderung wie bei Platon. Seit Augustinus bilden der christliche Auferstehungsglaube und der platonisch geprägte Unsterblichkeitsglaube eine untrennbare Einheit.

Laut Augustinus gibt es wegen der vorübergehenden Körper-Seele-Trennung nach dem Tod zwei Auferstehungen und zwei Gerichte über den Menschen: Die erste Auferstehung des Menschen besteht in der Auferstehung der Seele, über die gleich nach dem Tod ein erstes (Zwischen-)Urteil gesprochen wird, die zweite Auferstehung erfolgt am Ende der Welt, wenn der Mensch zusammen mit seinem Leib auferweckt wird, um durch das Jüngste Gericht von seinem endgültigen Schicksal zu erfahren. Diese Lehre wurde später in den katholischen Katechismus aufgenommen. Die Vorstellungen vom individuellen Gericht unmittelbar nach dem Tod und einem Weltgericht am Ende der Zeiten spiegeln das menschliche Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit und damit die ethische Forderung wider, wonach die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden sollen, nach dem Motto: Der Mörder soll nicht für immer über sein Opfer triumphieren können.

Augustinus war auch der Schöpfer der Erbsündenlehre als Folge der Ursünde der ersten Menschen im Paradies; demnach seien alle Menschen durch Vererbung zu Sündern geworden, sodass das ewige Leben erst durch die Taufe und damit durch die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche gesichert sei. Doch auch das allein reiche nicht aus, weil nur relativ wenige Gläubige von Gott für den Aufenthalt im Himmel vorherbestimmt seien.

Das Leben nach dem Tod laut den evangelischen Kirchen

Die Erbsündenlehre samt deren Folgen und die Lehre vom Fegefeuer wurden von den evangelischen Kirchen abgelehnt. Die sogenannte Prädestinationslehre von Augustinus, wonach das Seelenheil des Menschen von Gott vorherbestimmt sei, wurde jedoch nicht nur von Martin Luther, sondern vor allem auch von Johannes Calvin vertreten. Diese Lehre hat bei vielen Gläubigen große Ängste über ihr endgültiges Schicksal im Jenseits ausgelöst, bei Calvinisten im Laufe der Zeit jedoch eine große irdische Schaffenskraft als sichtbares Zeichen der Auserwählung Gottes für das Himmelreich bewirkt.

Im Gegensatz zur katholischen Kirche vertrat Martin Luther die Auffassung, dass sich gläubige Christen ihres ewigen Heils gewiss sein können aufgrund ihres Glaubens an die Erlösung und an einen gnädigen Gott, der keine guten Werke zur Besänftigung benötige, der aber auch kein Fegefeuer zur Läuterung auf dem Weg in den Himmel zwischengeschaltet habe. Die Menschen können und müssen laut der sogenannten Rechtfertigungslehre allein aus dem Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus nichts zu ihrem ewigen Heil beitragen, auch von den Angehörigen benötigen sie nach ihrem Tod keine Gebete oder Opfer. Luther lehrte die Heilsgewissheit allein aus dem Glauben an die Erlösung durch Jesus Christus, was von der römisch-katholischen Kirche im Konzil von Trient im Jahr 1547 scharf verurteilt wurde. Luther war übrigens als Kind seiner Zeit vom bevorstehenden Weltuntergang überzeugt; er hatte aufgrund von Berechnungen auf der Basis biblischer Aussagen dreimal für den Zeitraum seines Lebens den Weltuntergang vorhergesagt.

Die meisten evangelischen Theologen und Theologinnen lehnen das Konzept einer unsterblichen Seele als hellenistischen Fremdkörper im Christentum ab, manche dagegen denken ähnlich wie die katholische Kirche. Nach der traditionellen evangelischen Lehre befinden sich die Verstorbenen bis zu ihrer Auferweckung am Letzten Tag in einem Seelenschlaf, aus dem sie erst am Letzten (Jüngsten) Tag mit Leib und Seele zur Unsterblichkeit auferweckt werden. Luther stellte sich den Zustand der Toten als tiefen, traumlosen, zeit- und raumentrückten „Schlaf“ ohne Bewusstsein und Empfindungen vor. Das Konzil von Trient lehnte Luthers Vorstellung vom Seelenschlaf entschieden ab, verbunden mit der Drohung der Exkommunikation.

Die christliche Glaube an die Auferweckung der Toten, wie ihn Paulus in der griechischen Antike verkündet hatte, wäre aus evangelischer Sicht überflüssig, wenn die Seele und damit der Mensch von Natur aus unsterblich wäre. Die Auferweckung des Menschen mit Körper und Seele ist nach Paulus als Gnadenakt Gottes anzusehen. Die Möglichkeit zum ewigen Leben des Menschen besteht nur aufgrund der Erlösung durch den Sühnetod Jesu. Die Auferweckung des Menschen mit Leib und Seele ist nur dann möglich, wenn auch Jesus am Kreuz mit Leib und Seele gestorben ist.

Seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertraten verschiedene renommierte evangelische Gelehrte im Gegensatz zur Vergangenheit, als man das postmortale Leben bis zur Auferstehung als „Seelenschlaf“ bezeichnete, den biblischen „Ganztod“-Glauben, das heißt, sie glaubten zwar an die Auferweckung des Menschen mit Leib und Seele beim Letzten (Jüngsten) Gericht, jedoch ohne ein zwischenzeitliches körperloses Seelenleben nach dem Tod – eine Sichtweise, der sich mittlerweile auch verschiedene katholische Theologinnen und Theologen angeschlossen haben.

Ganztodtheorie-Vertreter halten die Trennung von Leib und Seele für ein griechisch-philosophisches Konzept, denn Juden und Frühchristen glaubten nicht an die Unsterblichkeit der Seele, sondern hofften auf die Auferweckung des ganzen Menschen mit Leib und Seele bei der Wiederkunft Christi. Die Auferweckung des Menschen beim Letzten Gericht war in der Bibel immer identisch mit der göttlich bewirkten Auferweckung des ganzen Menschen mit Körper und Seele. In der griechischen Übersetzung der Bibel bezeichnet das Wort „psyche“ nicht das hellenistische Konzept einer immateriellen Seele, sondern stets den ganzen Menschen.

Sechs verschiedene Vorstellungen der christlichen Kirchen über das Leben nach dem Tod

Das Christentum hat nach meinen Recherchen sechs völlig unterschiedliche Vorstellungen über das ewige Leben des Menschen entwickelt. Das erste und ursprüngliche Glaubensmodell bestand bei den frühesten Christen in der nicht erfüllten Erwartung eines Himmels auf Erden nach der Wiederkunft des Messias in Form von Jesus Christus. Das zweite Konzept war die Vorstellung des bereits vom Judentum sowie von den frühen Kirchenlehrern beschriebenen Seelenschlafs, das durch Martin Luther ab dem 16. Jahrhundert in der evangelischen Kirche populär geworden war.  

Das dritte Vorstellungsmodell bestand im Glauben an die Auferstehung des irdischen Leibes. Die Kirchenversammlung von Toledo erklärte im Jahr 675 nach Christus, dass der Leib, in dem wir leben, bestehen und uns bewegen, auferstehen wird. Papst Leo IX. sprach 1053 von der wahren Auferstehung desselben Fleisches, das er jetzt trage. Das vierte Laterankonzil von 1215 formulierte gegenüber „Häretikern“, dass dieselben Leiber auferstehen, die wir jetzt haben. Als Folge dieser Sichtweise verboten alle christlichen Kirchen bis ins 20. Jahrhundert, den Leichnam zu verbrennen.

Das vierte Vorstellungsmodell, das Mehrphasen-Modell der römisch-katholischen Kirche, geht davon aus, dass der Mensch nach dem Tod aufgrund seiner unsterblichen Seele körperlos bei Gott weiterlebt und beim Letzten (Jüngsten) Gericht am Ende der Zeiten wieder mit einem verklärten Körper verbunden wird. Dieses dualistische, von der griechisch-hellenistischen Philosophie beeinflusste Glaubensmodell prägte bis in die Gegenwart die Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. Katholisch Gläubige können im Katechismus der katholischen Kirche Genaueres dazu nachlesen. Von zentraler Bedeutung ist die Definition der Auferstehung des Menschen: „Im Tod, bei der Trennung der Seele vom Leib, fällt der Leib des Menschen der Verwesung anheim, während seine Seele Gott entgegengeht und darauf wartet, dass sie einst mit ihrem verherrlichten Leib wiedervereint wird. In seiner Allmacht wird Gott unserem Leib dann endgültig das unvergängliche Leben geben, indem er ihn kraft der Auferstehung Jesu wieder mit unserer Seele vereint.“ Die allerersten derartigen Vorstellungen finden sich im Christentum und in der jüdischen Apokalyptik ab dem 2. Jahrhundert nach Christus.

Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, zuerst in Form einer körperlosen Seele, wie sie in den älteren Schriften des Alten Testaments nicht vorkommt, und dann in Form einer Körper-Seele-Einheit als Folge der von Jesus Christus als der zweiten göttlichen Person bewirkten Auferweckung von den Toten mit einem realen Körper am Ende der Zeiten bzw. der Welt, gehört zu den Kernbotschaften des römisch-katholischen Glaubens. Nach katholischer Lehre garantiert nur die nach dem Tod unsterbliche Seele die Einheit des derzeitigen und des zukünftigen, verklärten Leibes.

Das fünfte Vorstellungsmodell vom Leben nach dem Tod, die „Auferstehung im Tod“, hat sich in der katholischen Theologie der letzten Jahrzehnte entwickelt. Es soll verschiedene sonst gegebene Widersprüche vermeiden und imponiert auch manchen Vertretern der evangelischen Theologie. Laut kirchlicher Tradition erleben bestimmte Menschen die volle Auferstehung mit Leib und Seele bereits mit ihrem Tod, wie etwa Maria, die Mutter von Jesus, aufgrund ihrer Verdienste, christliche Märtyrer als Belohnung für ihren Heldenmut sowie andere privilegierte Personen wie Apostel und Patriarchen. Das katholische Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel unmittelbar nach ihrem Tod, wie es von Papst Pius XII. im Jahr 1950 verkündet wurde, soll ein Vorbild dafür sein, was mit allen anderen Menschen erst beim Jüngsten (Letzten) Gericht geschehen wird.

In Anschluss an derartige Sichtweisen vertreten verschiedene katholische Theologinnen und Theologen die Auffassung, dass auch alle anderen Menschen ihre leibliche Auferstehung bereits im Moment des Todes in Form einer Verwandlung erleben und nicht erst nach einem Zwischenzustand in Form einer körperlosen Seele. Die sofortige Aufnahme des Menschen mit Leib und Seele nach dem Tod in die Ewigkeit Gottes überschreite als transzendentes Geschehen die Dimensionen von Raum und Zeit und könne daher sinnlich nicht wahrgenommen werden.

Die Erwartung der leiblichen Auferweckung aller Verstorbenen vor dem Letzten Gericht wurde von Kardinal Josef Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation verworfen. Einerseits werde durch das Konzept der Auferstehung im Tod der menschliche Körper zu einem Leib ohne sichtbare Materie, was dem Gedanken der Auferweckung mit einem verklärten Leib widerspreche, andererseits wären dann Ablass und Totenmessen überflüssig, wodurch ein Widerspruch zur römisch-katholischen Lehre bestünde. Die Kongregation für die Glaubenslehre brachte im Jahr 1979 die lehramtliche Formulierung eines Zwischenzustands nach dem Tod bis zur Auferstehung derart zum Ausdruck: „Die Kirche hält an der Fortdauer und Subsistenz eines geistigen Elementes nach dem Tode fest, das mit Bewusstsein und Willen ausgestattet ist, so dass das ‚Ich des Menschen‘ weiterbesteht, wobei es freilich in der Zwischenzeit seiner vollen Körperlichkeit entbehrt. Um dieses Element zu bezeichnen, verwendet die Kirche den Ausdruck ‚Seele‘, der durch den Gebrauch in der Heiligen Schrift und in der Tradition sich fest eingebürgert hat.“

Das sechste Vorstellungsmodell, das Ganztodmodell der evangelischen Kirchen, lehnt ein postmortales Leben mit einer unsterblichen Seele ohne Körper als unbiblisch ab. Erst beim Letzten Gericht wird der Mensch mit Körper und Seele zum ewigen Leben bei Gott auferweckt. Die rasche Verbreitung der Ganztodtheorie innerhalb der letzten Jahrzehnte im evangelischen Raum hat dazu geführt, dass sich die Union Evangelischer Kirchen in der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) in der Schrift „Unsere Hoffnung auf das ewige Leben“ aus dem Jahr 2008 offiziell zu dieser Auffassung bekannt hat, wenngleich viele evangelisch Gläubige und auch manche evangelische Theologinnen und Theologen nach wie vor ein dualistisches Modell wie die römisch-katholische Kirche vertreten.

Nach den evangelischen Kirchen gibt es keine unsterbliche Seele als Bindeglied zwischen dem irdischen Körper und dem späteren Auferweckungsleib. Menschen sterben mit Leib und Seele und werden am Jüngsten Tag von Gott in ihrer seelisch-körperlichen Einheit auferweckt. Die Verstorbenen bleiben bis zu ihrer Auferweckung bei Gott in Erinnerung, worin sich die Treue Gottes zu den Menschen zeige, aber ohne personale Existenz mit einer körperlosen Seele.

Für Gläubige drängt sich die Frage auf: Welche Sichtweise ist richtig? Viel wichtiger ist jedoch die zentrale Frage: Glaube ich an ein Leben nach dem Tod: ja oder nein? Erst danach ist es sinnvoll, sich mithilfe der verschiedenen christlichen Traditionen konkrete Vorstellungen vom Jenseits zu machen. Die Entscheidung für oder gegen ein Leben nach dem Tod ist eine reine Glaubensentscheidung, ohne jeden Beweis für die Richtigkeit der jeweiligen Vorstellung.

Auswirkungen der griechisch-hellenistischen Philosophie auf das christliche Körper-Seele-Verständnis

Nach dem dualistischen Erklärungsmodell, wie es der griechische Philosoph Platon vertrat, sind der materielle Körper und die immaterielle Seele zwei voneinander völlig unabhängige Substanzen, sodass die Seele als immaterielle Substanz beim Tod des Menschen nicht sterben kann und in der Welt der Ideen unkörperlich auf ewig weiterlebt, nachdem sie durch mehrere Verleiblichungen in Form von Menschen oder Tieren endgültig von allem Irdischen gereinigt wurde.

Nach den nicht-dualistischen Vorstellungen des Platon-Schülers Aristoteles ist die Seele die Form des Körpers. Es besteht eine enge, unauflösbare Verbindung zwischen Seele und Körper, weshalb mit dem Tod des Körpers auch die Seele stirbt. Die Vorstellungen von Aristoteles, die erst im Mittelalter über Vermittlung arabischer Gelehrter in Spanien dem Christentum in Mitteleuropa bekannt geworden sind, wurden vom berühmten Theologen Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert in die christliche Theologie eingebracht. Er versteht die Seele ebenfalls als die Form des Körpers, die diesen zu einem menschlichen Wesen macht, ohne jedoch mit dem Tod zu sterben.

Das Konzil von Vienne bestätigte im Jahr 1312 Thomas von Aquin: Die Seele ist durch sich selbst und wesentlich die Form des menschlichen Körpers. Papst Johannes XXII. 1331/1332 vertrat die Auffassung, dass auch die Seele und nicht nur der Körper erst nach der allgemeinen Totenerweckung zusammen mit dem Körper entweder zur Anschauung Gottes oder in die Hölle kommt. Er orientierte sich dabei an jenem Teil der Kirchenväter, die im Gegensatz zu anderen theologischen Gelehrten schon vor Jahrhunderten die Vorstellung vom jüdischen, alttestamentarischen Seelenschlaf bis zur Auferweckung mit Leib und Seele vertreten hatten, auf die sich, wie bereits erwähnt, auch der Reformator Martin Luther berufen hatte. Als Folge intensiver Diskussionen widerrief der Papst im Jahr 1334 in einer Bulle seine Meinung auf dem Sterbebett.

Sein Nachfolger Benedikt XII. verkündete im Jahr 1336 jene Lehre, die auch heute noch die gültige Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche darstellt: Die Seelen der Gläubigen, die keiner Reinigung (im Fegefeuer) mehr bedürfen, kommen sofort nach dem Tod, noch vor der Auferweckung der Leiber beim Jüngsten Gericht, in den Himmel, während die Seelen der im Zustand einer Todsünde Verstorbenen sofort mit den Qualen der Hölle gepeinigt werden. Benedikt XII. lehnte die Vorstellung vom „Schlaf der Toten“ bis zu ihrer Auferweckung am Letzten (Jüngsten) Tag ab; er lehrte, die bis zum Jüngsten Tag leiblos nackte Seele könne schon wahrhaft glückselig sein und das ewige Leben haben, ohne dass ein Körper nötig sei.

„Seele“ wird von der „orthodoxen“ katholischen Theologie nach wie vor – im Gegensatz zu den Naturwissenschaften – verstanden als körperunabhängiges Identitäts- und Ich-Bewusstsein des Menschen, als biologisch vom Körper und Gehirn ablösbarer Personkern, der alle charakteristischen Merkmale einer individuellen Person enthält, inklusive Erinnern, Denken, Fühlen und Wollen. Nur auf diese Weise kann aus katholischer Sicht die Einheit des irdischen Leibes und des späteren verklärten Auferstehungsleibes garantiert werden. Das Konzept des Seelenschlafs, bei dem auch die Seele gestorben sei, sei nicht geeignet, die Identität der irdischen Person mit dem auferweckten Menschen im Himmel bzw. in der Hölle sicherzustellen. Sonst könnten die Verstorbenen nach dem Tod weder bereits im Himmel noch in der Hölle bzw. vorübergehend im Fegefeuer sein.

Der Zusammenhang von Körper und Seele in der christlichen Lehre vom Moment der Zeugung an

Die unsterbliche Seele existiert aus christlicher Sicht nicht von sich aus bereits vor der Geburt des Menschen in einer jenseitigen Welt, sondern erst durch einen Schöpfungsakt Gottes. Das Christentum erklärt die Beseelung des Menschen bei seiner Entstehung sowie auch das Weiterleben des Menschen nach dem Tod durch einen speziellen Eingriff Gottes. Demnach fügt Gott im Moment der Zeugung des Menschen die unsterbliche Seele hinzu. Im Katechismus der katholischen Kirche heißt es: „Die Kirche lehrt, daß jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen ist – sie wird nicht von den Eltern ‚hervorgebracht‘ – und daß sie unsterblich ist: sie geht nicht zugrunde, wenn sie sich im Tod vom Leib trennt, und sie wird sich bei der Auferstehung von neuem mit dem Leib vereinen.“

Das Christentum hat im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Vorstellungen davon entwickelt, zu welchem Zeitpunkt die unsterbliche Seele mit dem Körper verbunden wird. Die Vorstellung der Beseelung bereits beim Zeugungsakt (Simultanbeseelung), die auf die alten Pythagoräer in der griechischen Antike zurückgeht, wurde von verschiedenen christlichen Theologen bereits seit dem dritten Jahrhundert vertreten.

Im Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert dominierte die Meinung der Sukzessivbeseelung des Theologen Thomas von Aquin, die auf den Philosophen Aristoteles zurückgeht. Demnach haucht Gott dem männlichen Fötus erst am vierzigsten Tag nach der Befruchtung, dem weiblichen Fötus gar erst am achtzigsten Tag nach der Befruchtung eine Vernunftseele ein. Nach Aristoteles erhält der männliche Fötus am vierzigsten Tag, der weibliche Fötus am neunzigsten Tag eine Vernunftseele, vorher hatten beide nur eine vegetative Seele ähnlich wie die Pflanzen und eine animalische Seele wie die Tiere.

Die Unterscheidung zwischen unbeseeltem Embryo und beseelten Embryo war in früherer Zeit von großer Bedeutung für die Beurteilung der Abtreibung als Mord. Obwohl in beiden Fällen abgelehnt, galt nur die Abtreibung des beseelten Embryos als Mord, mit der Konsequenz des Todesurteils für die abtreibende Frau.

Im Laufe der Jahrhunderte vertraten fast alle Päpste die Lehre von der Sukzessivbeseelung, nur der auch sonst sehr sittenstrenge Papst Sixtus V. verkündete 1588 in einer Bulle die Simultanbeseelung, was bereits 1591 von Papst Gregor XIV. widerrufen wurde. Seit dem Jahr 1869 gilt die Entscheidung von Papst Pius IX. als offizielle Lehrmeinung. Demnach wird der Mensch bereits bei seiner Empfängnis unmittelbar von Gott mit einer Geistseele ausgestattet.

Papst Pius IX. hatte im Jahr 1854 das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet, wonach Maria von ihrer Mutter ohne Erbsünde empfangen wurde, was nichts mit dem Dogma der Jungfrauengeburt zu tun hat. Den Hintergrund verstehen nur theologisch sachkundige Personen: Auf diese Weise konnte auch Jesus ohne Erbsünde von seiner Mutter Maria empfangen werden und durch seinen Kreuzestod die Menschen von der Erbsünde erlösen.

Der zeitliche Zusammenhang des Dogmas mit der dekredierten Simultanbeseelung ist rasch erklärt: Von ihren Eltern ganz normal gezeugt, war Maria somit von ihrer Empfängnis an und nicht erst zu einem späteren Zeitpunkt ein Mensch mit einer unsterblichen Seele. Dasselbe gilt auch von Jesus. Jede andere Sichtweise verletze die Würde von Maria und Jesus. Das Dogma der Simultanbeseelung hängt somit eng mit diesem Mariendogma zusammen.

Das christliche Glaubensbekenntnis mit Überzeugung beten?

Lesen Sie im Fall der Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche in Ruhe und mit Bedachtsamkeit das Apostolische Glaubensbekenntnis der christlichen Konfessionen, wie es in jeder Kirche gebetet wird. Wahre Christen glauben an mehr als nur an die Auferstehung des Menschen mit Leib und Seele, nämlich an einen göttlichen Heilsplan, ohne den kein ewiges Leben des Menschen denkbar ist.

Die folgende Übersetzung des seit Anfang des 5. Jahrhunderts in dieser Form überlieferten und allen Gläubigen bekannten christlichen Glaubensbekenntnisses (Apostolikum genannt) aus dem Lateinischen wurde im Dezember 1970 von der Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte der Kirchen des deutschen Sprachgebiets verabschiedet:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische/christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.“

Das christliche Glaubensbekenntnis soll für gläubige Menschen der Anlass dafür sein, sich stärker als bisher mit dem zentralen Umfang der christlichen Lehre auseinanderzusetzen. Viele theologisch wenig geschulte Christinnen und Christen können diese dogmatischen Formulierungen in der heutigen Zeit weder verstehen noch glaubhaft finden, sodass bestimmte Bücher hilfreich sein können.

Das gilt vor allem auch vom viel komplexeren, von den orthodoxen Kirchen bevorzugten Glaubensbekenntnis, das unter dem Namen Nicäno-Konstantinopolitanum neben dem Apostolikum von allen christlichen Kirchen seit dem Jahr 451, das heißt seit dem Konzil von Chalcedon, als verbindlich angesehen wird. Damals wurde die Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes (Trinität) und die Zwei-Naturen-Lehre (Jesus als zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott) präzisiert:

„Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein. Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater (und dem Sohn) hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, christliche/katholische und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen.“

Seit dem Konzil von Nicäa in der Nähe des heutigen Istanbul im Jahr 325, das von Kaiser Konstantin zur Verhinderung einer Spaltung des Christentums und damit auch des Römischen Reiches einberufen worden war, wurde das christliche Glaubensbekenntnis immer wieder erweitert, insbesondere in den drei weiteren Konzilien in Konstantinopel im Jahr 381, in Ephesos im Jahr 431 und in Chalcedon im Jahr 451, die in Reaktion auf sogenannte Häretiker (Irrlehrer) zur Präzisierung der christlichen Glaubenswahrheiten stattgefunden hatten. Die dogmatischen Festlegungen dieser „allgemeinen“ Konzilien wurden später auch von den evangelischen, anglikanischen und orthodoxen Kirchen übernommen.

Die Bischöfe und Theologen standen bei den für die Dogmenbildung zentralen Konzilien unter massivem, machtpolitisch motivierten Druck vonseiten der römischer Kaiser, zu einer einheitlichen, vom jeweiligen Kaiser und dessen Beratern bzw. Verwandten gewünschten Lehrmeinung zu gelangen: 325 durch Kaiser Konstantin, 381 durch Kaiser Theodosius, 431 durch Kaiser Theodosius II., 451 durch Kaiser Markian, der ein 449 stattgefundenes Konzil unter Theodosius II. in Richtung „orthodoxer“ Lehre revidieren ließ. „Häretiker“ wurden nach den jeweiligen Konzilien exkommuniziert, verbannt, misshandelt oder ermordet.

Die Amtskirche und ihre Gelehrten waren früher mit Glaubensthemen beschäftigt, die sich nur im Kontext der griechisch-hellenistischen Philosophie verstehen lassen und für Menschen von heute oft völlig unverständlich sind, und zwar vor allem in Hinblick auf die Beziehung zwischen der menschlichen und der göttlichen Natur in Jesus sowie in Bezug auf das Verhältnis zwischen den drei göttlichen Personen von Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Zahlreiche Dogmen wären laut vielen theologischen Fachleuten auf der Basis der Paulus-Briefe und der drei sogenannten synoptischen Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas niemals so formuliert worden. Verschiedene katholische und evangelische Gelehrte weisen darauf hin, dass in beiden Glaubensbekenntnissen vieles von dem fehlt, was die Faszination der Person Jesu und seiner Botschaft in der Bibel ausmacht.  

Verkürzungen der christlichen Lehre vom Leben nach dem Tod

Für viele Christinnen und Christen ist der Glaube an eine unsterbliche Seele und damit an die nichtkörperliche Weiterexistenz nach dem Tod eine ausreichende Beruhigung angesichts der Angst vor dem Tod und dem Danach. „Für die meisten heutigen Christen ist allein die Seele der Weg zur Unsterblichkeit.“ Fälschlicherweise sind zahlreiche Gläubige davon überzeugt, dass die Unsterblichkeit der menschlichen Seele eine christliche Botschaft sei. Tatsächlich jedoch besteht die Frohe Botschaft des Christentums nicht in der Verkündigung des hellenistischen Konzepts der Unsterblichkeit der Seele, sondern in der körperlichen Auferweckung der Toten durch Gott am Ende der Zeiten.

Die Vorstellung der Auferweckung des Körpers anlässlich des Letzten (Jüngsten) Gerichts mit anschließender Verteilung der körperlich Wiederauferstandenen durch Jesus Christus je nach ihrem irdischen Leben in den Himmel oder in die Hölle passt für viele Menschen nicht mehr in das Denken der heutigen Zeit, in der vielfach bezweifelt wird, ob es überhaupt einen Teufel als Widersacher von Gott und eine ewige Hölle gibt, mit deren Feuerqualen in früheren Jahrhunderten die christlichen Kirchen ihren Gläubigen gedroht hatten. Schließlich könne ein liebender und gütiger Gott auch jenen Menschen, die im Diesseits gar nicht so gläubig und gottgefällig gelebt haben, auf seine uns unbekannte Weise das ewige Heil schenken. Das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits, wonach jeder Mensch nach seinen Taten auf ewig belohnt oder für immer bestraft wird, hat heutzutage nicht mehr dieselbe Bedeutung zur Steuerung des Verhaltens der Menschen wie in früheren Zeiten.

Viele Gläubige haben trotz des in der Kirche mitgebeteten Glaubensbekenntnisses nicht verstanden, dass die biblische Erzählung vom Sündenfall der ersten Menschen im Paradies und die darauffolgende Vertreibung aus dem Paradies nach christlicher Lehre die Sterblichkeit des menschlichen Geschlechts begründet hat.

Jesus hat durch seinen Tod am Kreuz und seine leibliche Auferstehung von den Toten allen Menschen das ewige Leben mit einem unsterblichen Leib ermöglicht, wie dies vom Apostel Paulus als zentrale Glaubensbotschaft in seinen Briefen und damit als erstes biblisches Zeugnis verkündigt wurde. Der Tod wird heutzutage als evolutionär-biologisch bedingt und nicht als Folge der Sünde eines ersten Menschenpaares angesehen, sodass daher von vielen Christen kein ewiges Leben durch den Sühnetod Jesu am Kreuz, sondern durch den Glauben an eine unsterbliche Seele erwartet wird.

Die paulinische Verkündigung der körperlichen Wiederauferstehung mit einem neuen, verherrlichten, verklärten Körper ohne Leiden, aber auch ohne Freuden wie Sexualität beschäftigt heutzutage kaum noch Christen, die sich im naturwissenschaftlichen Zeitalter entweder gar keine Vorstellungen davon machen oder sich das spätere Leben nach der Auferstehung so ähnlich wie auf der Erde ausmalen – einfach als ewiges Zusammensein mit jenen geliebten Personen, die man durch den irdischen Tod verloren hat. Früher stand dagegen die Anschauung Gottes im Mittelpunkt der Vorstellungen vom Leben im Himmel.

Viele Mitglieder der christlichen Kirchen haben kein Verständnis für die Bedeutung der Trinitätslehre, wonach der christliche Gott eine Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Nach den Dogmen der Kirche ist die zweite göttliche Person in Gestalt von Jesus Christus als Mensch auf die Welt gekommen, um die Menschen als leibhaftiger Mensch durch sein Leiden, seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung zu erlösen und zum ewigen Leben zu befähigen.

Die zentralen Botschaften des Christentums werden heute immer weniger verstanden und stellen mittlerweile dasselbe Ärgernis wie in der Zeit von Paulus in der griechisch-römischen Antike dar. Die dogmatisierten Kernbotschaften werden oft nicht einmal mehr von den Vertretern der christlichen Konfessionen in der Kirche und im Religionsunterricht thematisiert. Am deutlichsten ist, soweit es die Letzten Dinge betrifft, davon noch die Rede bei christlichen Begräbnissen, wo die Kirchen den Hinterbliebenen Trost spenden in Form des Glaubens an ein späteres Zusammentreffen im Himmel, in den gläubige und möglicherweise auch ungläubige Menschen gelangen könnten, weil Gott gnädig und barmherzig sein könne. Bei immer mehr Menschen, vor allem auch bei sogenannten „Taufscheinchristen“, beruht der Glaube an das ewige Leben als Folge einer unsterblichen Seele auf einem Patchwork aus christlichen, buddhistischen und esoterischen Bildern, neuerdings ergänzt durch die zahlreichen Bücher zu Nahtoderfahrungen.

Nach bereits dargestellten Umfrageergebnissen glauben in Deutschland und Österreich immer weniger Menschen an Gott und die christlichen Glaubensinhalte und haben selbst als Mitglieder einer christlichen Glaubensgemeinschaft oftmals keine Kenntnis von den Kerninhalten des christlichen Glaubens.

Trifft das auch auf Sie zu? Wie sehr können Sie sich im Fall der Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession mit der christlichen Botschaft und Ihrer Kirche identifizieren? Haben Sie als Mitglied der römisch-katholischen, evangelischen oder reformierten Kirche große Probleme, die christliche Lehre zumindest hinsichtlich bestimmter Dogmen so zu glauben, wie sie von Ihrer Glaubensgemeinschaft verkündet wird? Sprechen Sie bei der christlichen Lehre nur einige wenige Punkte an, wie etwa ewiges Leben nach dem Tod im Himmel, Nächstenliebe im Hier und Jetzt und die zehn Gebote als Basis für ein moralisch integres Leben? Derartige Fragen stellen sich auch viele andere kritische Menschen, die deswegen jedoch den christlichen Glauben als solchen nicht aufgeben möchten.

Haben Sie vielleicht deswegen Angst vor den Folgen in einem Leben nach dem Tod, weil Sie es in diesem Leben wagen, ganz nach Ihren religiösen Vorstellungen und nicht genau und streng nach den Regeln und Glaubensinhalten Ihrer Religionsgemeinschaft zu leben? Überlegen Sie einmal: In welchem Ausmaß kann Ihnen die christliche Botschaft in ihrer Gesamtheit und nicht bloß in einigen ausgewählten Bereichen helfen, Ihre Angst vor dem Tod und dem Danach zu vermindern? Vielleicht hilft Ihnen neben der angeführten Literatur auch ein Gespräch mit einer Vertreterin oder einem Vertreter Ihrer Kirche.

Neuinterpretation der christlichen Lehre für die heutige Zeit

In früheren Jahrhunderten war den Gläubigen aller christlichen Konfessionen klar: Im Alten und Neuen Testament spricht Gott selbst zu den Gläubigen. Man brauche das Wort Gottes nur in der Bibel nachzulesen – eine Sichtweise, die heute als fundamentalistisch bezeichnet wird. Die sogenannte Verbalinspirationslehre kam im 17. Jahrhundert innerhalb der lutherischen Orthodoxie auf, die das protestantische Schriftprinzip (nur die Heilige Schrift zählt) gegen die Lehre der römisch-katholischen Kirche abzusichern versuchte, der zufolge neben der Bibel auch die kirchlichen Überlieferungen und die dogmatischen Festlegungen für die Gläubigen verbindlich seien. Dabei wurde behauptet, dass der Heilige Geist den Verfassern der Bücher der Bibel nicht nur die Sachverhalte eingegeben, sondern auch den genauen Wortlaut quasi diktiert habe. Nach einem derartigen Verständnis der Bibel wird Gott zum eigentlichen Autor der Bibel, der sich der Verfasser als schreibender Hilfsmittel bedient habe.

Eine ähnliche Argumentation bestand bereits bei Augustinus, später bei katholischen Theologen, Päpsten und auch beim Heiligen Offizium in Rom, das die Verbalinspiration im Jahr 1907 angesichts des Modernismus dekredierte, somit die buchstäbliche Richtigkeit bzw. Wahrheit aller Inhalte der Bibel behauptete.

Alle Vertreter des Christentums gehen mittlerweile davon aus, dass die Bibel von Menschen mit bestimmten theologischen Sichtweisen für besondere Zielgruppen geschrieben wurde. Der Verfasser des Matthäus-Evangeliums wandte sich primär an die Juden und Judenchristen, denen das Geschehen um und mit Jesus als aus dem Alten Testament vorhergesagt erklärt wurde. Der Verfasser des Lukas-Evangeliums wandte sich vor allem an die Heiden und Heidenchristen, die mit den jüdischen Glaubensinhalten nichts oder nur wenig anfangen konnten.

Je mehr das Christentum in die griechisch-römische Welt vordrang, umso dominierender wurde anstelle der jüdisch geprägten Messias-Vorstellungen der Begriff der Gottessohnschaft Jesu, weil der Begriff der Vergöttlichung bestimmter Personen damals allgemein bekannt war. So wurde etwa auch der bekannte Kaiser Augustus nach seinem Tod zu einem Gott erklärt. In der heutigen Zeit wird in der kirchlichen Verkündigung immer häufiger ein Bild von Jesus bevorzugt, das seine Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit in den Vordergrund stellt. Die Begriffe „Messias“ und „Sohn Gottes“ sagen unvoreingenommenen, nichtchristlich sozialisierten Menschen der heutigen Zeit oft nichts mehr. Die Botschaft Jesu müsse daher auf die heutige Zeit übertragen werden, fordern immer mehr evangelische und katholische Gelehrte.

Fundamental verändert hat sich auch die dreiteilige Sicht der Welt mit der Erde in der Mitte, dem Himmel „oben“ und der Hölle „unten“. Die naturwissenschaftliche Sicht der Welt und des Weltalls brachte die Lehre von der Verbalinspiration, dass die Bibel das irrtumsfreie Wort Gottes sei und die jeweiligen Autoren wortwörtlich die Aussagen und Anweisungen Gottes aufgeschrieben hätten, stark ins Wanken und erforderte ein Umdenken der christlichen Kirchen.

Der biblische Kosmos mit der Erde als dem Mittelpunkt der Welt hat seit dem 16. Jahrhundert ausgedient. Der Mythos der Erschaffung von Adam und Eva im Paradies wurde durch die von Charles Darwin ausgehende Lehre von der Evolution des Menschen ersetzt, wonach zufällige Mutationen, deren Vererbung und die Überlebensfähigkeit jener Organismen, die sich am besten an die jeweiligen Umweltbedingungen anpassen können, die Entwicklung der Menschheit bestimmt haben.

Der Katechismus der katholischen Kirche aus dem Jahr 1997 verkündet weiterhin unter Ignorierung aller Erkenntnisse der Naturwissenschaften als Folge der Gleichsetzung von mythologischen Aussagen mit der Realität, dass Adam und Eva das erste Menschenpaar und damit unsere Stammeltern gewesen seien. Ihre Ursünde im Paradies sei durch Vererbung auf ihre Nachkommen und die ganze Menschheit übertragen worden, sodass die Menschen davon nur durch den Tod Jesu am Kreuz befreit werden können. Dieser Katechismus, der im Auftrag von Papst Johannes Paul II. erstellt wurde, wird von der Mehrheit der katholischen Gelehrten aufgrund des konservativen Inhalts als längst überholt angesehen.

Als Folge der Erkenntnisse der Naturwissenschaften und der historisch-kritischen Methode der Bibelforschung haben christliche Gelehrte die Bibel völlig neu interpretiert, um nicht ständig mit den Wissenschaften im Widerspruch zu stehen. Man bemühte sich, die christliche Botschaft in die moderne Welt zu übertragen, genauso wie sich das Christentum im Zuge seiner Ausbreitung im Laufe der Jahrhunderte auch an die Denkwelt der bekehrten Völker und deren Religionen angepasst hatte. Eine ähnliche Verkündigung der christlichen Lehre wäre mithilfe der Jesuiten vielleicht auch in China gelungen, wenn nicht aufgrund von theologischen Streitigkeiten (sog. Ritenstreit) im Jahr 1742 von Papst Benedikt XIV. die Anpassung an die konfuzianische Ahnenverehrung verboten worden wäre, worin die katholische Kirche heutzutage kein Problem mehr sieht.

Seit dem 20. Jahrhundert arbeiteten zahlreiche christliche Theologinnen und Theologen an der Aufdeckung zeitbedingter Mythologien, aber auch vieler Widersprüche innerhalb der vier Evangelien, die nicht mehr länger durch eine systematische Harmonisierung überdeckt werden konnten. Viele Berichte des Neuen Testaments wurden von immer mehr christlichen Gelehrten nicht mehr als Aussagen über tatsächliche historische Ereignisse und Wahrheiten angesehen, wie etwa die Jungfrauengeburt, die physische, von Zeugen sinnlich wahrgenommene Auferstehung Jesu von den Toten, sein Abstieg zu den Verstorbenen in die Unterwelt und seine physische Himmelfahrt, sondern als zeitbedingte Bildsprache über zentrale Wahrheiten der christlichen Botschaft. Sogar die Göttlichkeit des tiefgläubigen Juden Jesus wird immer häufiger als Aussage in den Kategorien früherer Zeiten betrachtet.

Immer stärker wird von theologischen Fachleuten auch die Auffassung vertreten, dass die Interpretation des Kreuzestodes Jesu als Sühnetod für die Sünden und die dadurch ermöglichte Erlösung der Menschen nur eine von verschiedenen Sichtweisen sei. Man könne den Tod Jesu auch als Konsequenz der radikalen Verkündigung von Jesus verstehen, gegen die sich das kritisierte jüdische Establishment mithilfe der römischen Besatzungsmacht gewehrt habe, indem man Jesus als Volksaufwiegler dargestellt habe.

In der Bibel wird den Vertretern des Judentums die Schuld am Tod Jesu gegeben, während die römische Besatzungsmacht relativ glimpflich davonkommt, obwohl der historische Pilatus als brutaler Herrscher bekannt war, bedingt durch den Umstand, dass das Christentum im Interesse seiner raschen Ausbreitung im römischen Reich eine Allianz mit der Staatsmacht eingegangen war.

Die Neuinterpretation der christlichen Botschaft hat auch Auswirkungen auf die Lehre von den Letzten Dingen, das heißt auf das, was mit den Menschen nach dem Tod passiert, aber auch mit der ganzen Welt am Ende der Zeiten. Existenzielle Ängste werden dadurch entschärft, dass früher zentrale Inhalte der christlichen Botschaft als mythologisch erklärt, einfach gestrichen oder theologisch bzw. tiefenpsychologisch uminterpretiert werden: Adam und Eva als erstes Menschenpaar, deren Sündenfall und die daraus abgeleitete Erbsündenlehre, die Existenz eines Teufels, einer Hölle und eines Fegefeuers, die griechisch-hellenistische Vorstellung einer unsterblichen Seele, die Erwartung eines Jüngsten Gerichts mit der Verurteilung vieler Menschen zur ewigen Verdammnis.

Das Christentum soll wieder zur Frohbotschaft statt zur Drohbotschaft werden. Das Bild eines liebenden statt strafenden Gottes hat im 20. Jahrhundert auch zum Konzept der Allerlösung geführt, das heißt, letztlich könnten alle Menschen gerettet werden, weil alle von Jesus Christus erlöst worden seien. Wegen ähnlicher Auffassungen war der Theologe Origenes aus dem 3. Jahrhundert von der Kirche im Jahr 553 nachträglich als häretisch verurteilt worden.

Vor allem protestantische, aber auch katholische Gelehrte haben seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an einer zeitgemäßen Neuauslegung der Bibel gearbeitet, die als Entmythologisierung bekannt geworden und erstmals vom evangelischen Theologen Rudolf Bultmann im Jahr 1941 so bezeichnet wurde. Zuerst von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands im Jahr 1952 dafür gerügt, drückte man ihm 20 Jahre später das Bedauern über diese kritische Erklärung zu seiner Arbeit aus.

Die römisch-katholische Kirche reagierte mit einem akademischen Lehrverbot für jene Theologinnen und Theologen, die die christliche Lehre von den Mythen und Dogmen „entstauben“ und auf die heutige Zeit übertragen wollten, sowie auch mit dem Entzug der priesterlichen Befugnisse für Pfarrer in der kirchlichen Praxis. Der französische katholische Theologe Alfred Loisy, ein prominenter Vertreter der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft und des kritisierten „Modernismus“, wurde 1908 vom heiliggesprochenen Papst Pius X. exkommuniziert. Loisy glaubte nicht an die Göttlichkeit Christi und wagte die kritische Feststellung: „Jesus hat das Reich Gottes verkündet, gekommen aber ist die Kirche.“

Die katholische Amtskirche wehrt sich bis heute mit aller Macht gegen jede Form des „Modernismus“, den Papst Pius X. bereits im Jahr 1907 als „Sammelbecken aller Häresien“ verurteilt hatte, mit automatischer Exkommunikation seiner Anhänger. Hauptsächlicher Unterschied zu damals: Man vermeidet heutzutage das Wort „Modernismus“. Während das Heilige Offizium in Rom im Jahr 1907 die Verbalinspiration und damit die Richtigkeit bzw. historische Wahrheit der Aussagen der Bibel bis in alle Einzelheiten dekretiert hatte, wurde die historisch-kritische Methode der Bibelforschung von der katholischen Bibelkommission im Jahr 1964 zwar anerkannt, jedoch nur innerhalb bestimmter, von der Kirche definierter Grenzen.

Typische Beispiele kirchlicher Verfolgung sind die durch ihre zahlreichen Bücher bekannten Theologen Hans Küng, Eugen Drewermann und Hubertus Halbfas sowie der Theologin Uta Ranke-Heinemann. Zuerst primär innerhalb der Theologie diskutiert und den Studentinnen und Studenten gelehrt, finden diese „modernen“ Formulierungen der christlichen Botschaft zunehmend Eingang in die Denkwelt der Gläubigen. Von Kritikern des Christentums wurde die Entmythologisierung der Bibel als misslungener Rettungsversuch des christlichen Glaubens angesehen, von deren Vertretern dagegen als einzige Chance betrachtet, wie die christliche Botschaft in der heutigen Zeit den Menschen glaubhaft und überzeugend nahegebracht werden könne.

Maßgeblicher Betreiber der Verfolgung kritischer Interpreten der katholischen Lehre war der als Hüter des römisch-katholischen Christentums bekannte deutsche Kardinal Josef Ratzinger, der als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre (früher als „Heilige Inquisition“ bekannt) und danach auch als Papst Benedikt XVI. sehr scharf gegenüber allen „Abweichlern“ von der orthodoxen katholischen Lehre aufgetreten war. In der evangelischen Kirche besteht zwar mehr Freiheit in der Lehre als in der katholischen Kirche, doch gibt es auch dort Grenzen, wenn die zentralen Inhalte der evangelischen Dogmatik infrage gestellt werden, wie sie in den entsprechenden Dogmatik-Lehrbüchern festgehalten sind.

Gläubigen mit Interesse an der modernen Bibelwissenschaft sowie an neueren Sichtweisen des christlichen Glaubens und des Konzepts einer unsterblichen Seele empfehle ich zwei Bücher der katholischen, sehr ökumenisch denkenden Theologieprofessorin Doris Nauer: „Gott – Woran glauben Christen? Verständlich erläutert für Neugierige“ und „Christliches Menschenbild heute? Verständlich erläutert für Neugierige“. Dogmenkritischen Christen empfehle ich das Buch „Wendepunkte oder Was eigentlich besagt das Christentum?“ des katholischen Theologen und Priesters Eugen Drewermann, der im Jahr 2005 aufgrund zahlreicher Konflikte mit der Amtskirche aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten ist.

 

Botschaften anderer Religionen

Die beiden anderen monotheistischen Weltreligionen, das Judentum und der Islam, vertreten ebenfalls den Glauben an eine unsterbliche Seele sowie an ein Jüngstes Gericht am Ende der Zeiten, anlässlich dessen die Verstorbenen mit ihrem Körper auferweckt werden.

Nach islamischem Glauben erfolgt vor der allgemeinen Totenauferstehung unmittelbar nach dem Tod ein himmlisches Zwischengericht. Als Folge davon gehen die Seelen der Gerechten ins Paradies ein, wo sie wieder mit ihren Körpern vereint werden, während die Seelen der Ungerechten an einen Ort der Qualen gelangen. In gewisser Analoge zur katholischen Fegefeuerlehre gibt es daneben auch noch einen Ort der Läuterung für jene Personen islamischen Glaubens, die neben guten auch böse Taten begangen haben und später doch noch in das Paradies kommen können, während für die Ungläubigen keine Chance auf das Paradies besteht. In islamischen Ländern sowie auch bei islamgläubigen Menschen in Europa ist der Glaube an Himmel, Hölle, Gott und Teufel, Unsterblichkeit und Göttliches Gericht weiterhin ungebrochen in einer Weise vorhanden, wie dies früher im Christentum vor der Aufklärung der Fall war.  

Im Judentum gab es im Laufe der Jahrhunderte innerhalb der verschiedenen Strömungen sehr unterschiedliche Sichtweisen, aber der Glaube an ein ewiges Leben war und ist durchgehend vorhanden.

In vielen anderen Religionen der Vergangenheit und Gegenwart findet man ebenfalls eine allgemeine Totenauferstehung beim Übergang zur Vollendung der Welt. Lediglich zwei Weltreligionen, der Buddhismus und der Hinduismus, betonen die Wiedergeburt (Reinkarnation), das heißt die neuerliche Rückkehr auf diese Welt auf einer höheren oder niedrigeren Seinsstufe, je nach den Taten der Menschen im früheren Leben.

Nach dem Hinduismus müssen Leben und Tod im Sinne einer Seelenwanderung solange durchlaufen werden, bis die endgültige Verschmelzung der unsterblichen Seele mit dem Weltgeist Brahman gelingt. Nach dem Buddhismus, zumindest in seiner strengen und ursprünglichen Form, geht es um das endgültige Aufgehen des Individuums, um das Erlöschen im Nirwana. Eine unsterbliche Seele als Basis für die Wiedergeburten gibt es dabei nicht. Als wesensübergreifende Einheit gilt das unpersönliche Karma als Summe aller Handlungsfolgen und nicht eine personale Integrität. In der Volksfrömmigkeit wird aus dem Nirwana oft eine Insel der Seligen, in der die Toten weiterleben. Nach dem Shintoismus in Japan behält die vom Körper abgespaltene Seele ihre Individualität nach dem Tod bei und steigt im Laufe der Zeit zu den Ahnen auf. Zumindest im Volksglauben gibt es somit auch bei den asiatischen Religionen eine Art Unsterblichkeit der Seele als Basis dafür, dass der Mensch seinen Tod in Form eines Jenseits-Daseins überlebt.

Buddhistische Auffassungen finden in den USA und auch in Europa zunehmend Anklang, als Alternative zum Christentum. Rund 22 Prozent der Deutschen glauben mittlerweile an eine Wiedergeburt im Sinne der buddhistischen Reinkarnationslehre. Die meisten christlichen Buddhismus-Sympathisanten verbinden die Vorstellung der Seelenwanderung mit dem Glauben an ihre Identität über den Tod und die verschiedenen Wiedergeburten hinweg; sie unterliegen damit einem Missverständnis, weil der Buddhismus gar keine personale Identität im Sinne einer unsterblichen Seele kennt, sondern nur Karma-bedingte Wiedergeburten ohne Seelenwanderung.

Bei Menschen christlichen Glaubens mit einem Reinkarnationsglauben steht dieser oft in Verbindung mit der Hoffnung auf die Erlösung aller Menschen anstelle eines sogenannten doppelten Gerichtsausgangs, das heißt einem späteren Leben im Himmel oder in der Hölle. Die Seelenwandung in Form von Wiedergeburten erfolgt laut Buddhismus als kosmische Gesetzmäßigkeit, ohne ein göttliches Gericht nach dem Tod des Organismus. Wiedergeburten werden im christlich-westlichen Kontext viel positiver als neue Chancen für die Menschen betrachtet, ganz anders als das negativ gefärbte Bild von Wiedergeburt im östlichen buddhistischen Kontext als Abbüßen eines bösartigen Karmas.

 

Hoffnung auf Unsterblichkeit ohne Gott

Die Annahme einer körperunabhängigen unsterblichen Seele bei Menschen im Gegensatz zu Tieren stärkt auch bei vielen nichtreligiösen Menschen der westlichen Welt das Selbstbewusstsein, im Rahmen der Evolution als höchstentwickeltes Tier doch etwas ganz Besonderes zu sein und der Vergänglichkeit nicht in derselben Weise unterworfen zu sein wie die übrige belebte Natur.

Die Vorstellung einer unsterblichen Seele trägt aus ethischer Sicht auch außerhalb der monotheistischen Religionen dazu bei, jeden Menschen als wertvoll und einzigartig betrachten zu können, ganz abgesehen von seinem Alter, seinem Äußeren, seinem Geschlecht oder seiner sozialen Stellung in der jeweiligen Kultur und Gesellschaft, ohne deswegen einen Schöpfungsakt Gottes annehmen zu müssen.

Unabhängig, aber nicht ganz unbeeinflusst von den Vorstellungen der Weltreligionen glauben viele nichtreligiöse Menschen mehr oder weniger überzeugt an ein Weiterleben des Menschen nach dem Tod, ohne sich diesbezüglich genauere Vorstellungen zu machen. Der Glaube an eine körperunabhängige und unsterbliche Seele ist in den meisten Kulturen seit Urzeiten verankert und stellt kein Spezifikum der bei uns verbreiteten Religionen Christentum, Judentum und Islam dar. Beispielsweise bestand nach dem römischen Feldherrn Cäsar der Kampfesmut der Gallier bzw. Kelten in ihrem Glauben, dass ihre Seele nach dem Tod in einem anderen Körper weiterlebe.

Die Religion der Moderne ist in der westlichen Welt zunehmend frei von den zentralen christlichen Glaubensvorstellungen. Laut Umfragen glauben zahlreiche Menschen an eine unsterbliche Seele bzw. an irgendein Weiterleben nach dem Tod, obwohl sie weder einer Religionsgemeinschaft angehören noch an einen persönlichen Gott glauben. Sie glauben nicht selten an „etwas Höheres“, können jedoch keine Zusammenhänge zwischen einer höheren Macht und den Umständen ihres Weiterlebens nach dem Tod herstellen. Bei anderen Personen findet man dagegen trotz wachsender Säkularisierung unreflektiert die christlichen, jüdischen oder islamischen Glaubenslehren zum Weiterleben nach dem Tod im Hintergrund ihrer Gedanken und Vorstellungen bezüglich ihrer postmortalen Existenz.

Jenseitsvorstellungen werden in der westlichen Welt neben vielen Bestseller-Büchern über Nahtoderfahrungen zunehmend beeinflusst von esoterischen Konzepten, wie etwa Spiritismus, Theosophie, Anthroposophie oder New-Age-Bewegung, und den Vorstellungen von der Wiedergeburt der Seele, das heißt von Reinkarnationsvorstellungen, bedingt durch die zunehmende Verbreitung einer buddhistischen Religiosität.

Der religionsunabhängige Glaube vieler Menschen an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, ausgedrückt in der diffusen Formulierung, dass „nach dem Tod noch irgendwas kommt“, kann die Angst vor dem Tod und dem Danach erheblich reduzieren. Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele stellt nicht nur eine Tröstung und Angstminderung für die eigene Person dar, sondern auch eine traurigkeits- und depressionsmindernde Hoffnung für nahe Angehörige, Freunde und Bekannte, ihre Verstorbenen nach deren Tod und dem späteren eigenen Tod „drüben“ wiedersehen zu können.

Auch der Verfall des Körpers während des Sterbeprozesses und alle damit verbundenen Schmerzen sind leichter zu ertragen durch den Glauben, nach dem Tod von allen Qualen befreit zu sein. Der Glaube an die Trennung der Seele vom Körper im Moment des Todes kann die Furcht vor dem Sterben erheblich reduzieren, weil man den Übergang in eine andere Welt, in einen anderen Seinszustand, erwartet. Das Leiden während des Sterbeprozesses wird leichter erträglich durch die Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod.

Die Hoffnung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits sowie auf eine Entschädigung für alle Entbehrungen im Leben auf dieser Welt besteht auch bei vielen Menschen, die an keinen persönlichen Gott im Sinne der monotheistischen Religionen glauben, und hilft überall auf der Welt Personen mit einem schlimmen Schicksal zu einer besseren Akzeptanz der Lebensbedingungen im Diesseits.

Beantworten Sie im Fall des Glaubens an ein Jenseits folgende Frage: Glaube ich an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele bzw. an ein Weiterleben nach dem Tod aufgrund des christlichen Glaubens, einer anderen Religion, einer Vermischung bestimmter Religionen, esoterischer Vorstellungen, philosophischer Überlegungen oder verschiedener Bücher über Nahtoderlebnisse?

 

Nahtoderfahrungen als Beweis für ein Jenseits?

Nahtoderfahrungen sind ein relativ häufiges Phänomen

Rund vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland und in den USA haben Nahtoderfahrungen gemacht, das heißt Erlebnisse, als sie bereits klinisch tot waren. Zahlreiche Fachleute aus den Bereichen der Medizin und der Psychologie sowie auch andere Experten und Betroffene mit Nahtoderfahrung haben den Buchmarkt mit Büchern zur Nahtodthematik überflutet. Diese Veröffentlichungen haben vor allem auch bei kirchenfernen und ungläubigen Menschen die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gestärkt, weil die berichteten Jenseits-Erfahrungen die Unsterblichkeit der Seele beweisen würden.

Angestoßen wurde diese Entwicklung in den 1970er-Jahren vom amerikanischen Psychiater Raymond Moody, der 150 Betroffene interviewt hatte, und der Neurologin und Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die aufgrund der Berichte von Personen mit Nahtoderfahrung der Meinung war, dass der Tod nur ein Übergang in ein anderes Leben sei. Für viele Menschen sehr überzeugend wirken insbesondere die persönlichen Nahtoderfahrungen des amerikanischen Neurochirurgen Eben Alexander.

Die Mehrzahl der Menschen mit Nahtoderfahrung berichtete folgende typische Erlebnisinhalte:

Die faszinierenden Berichte von Nahtoderfahrungen, die unabhängig von Kultur, Religion und Region sogar von prominenten Personen aus den Bereichen der Medizin, anderer Naturwissenschaften und auch der Psychotherapie, etwa von C. G. Jung, gemacht wurden, werden in zunehmendem Ausmaß wissenschaftlich erforscht, derzeit vor allem vom englischen Intensivmediziner Sam Parnia in New York, der zwei große internationale Studien dazu (in den USA, Großbritannien und Österreich) koordinierte. Demnach hatten laut der ersten Studie von 140 Personen, die bereits herztot und ohne Zufuhr von Blut zum Gehirn waren, 46 Prozent zumindest für einige Minuten bzw. Stunden verschiedene Gehirnaktivitäten in Form eines Bewusstseins, dokumentiert durch berichtete Erinnerungen an Angstgefühle, Löwen, Tiger und Pflanzen, Lichterscheinungen, Szenen voller Gewalt und Verfolgung, Begegnungen mit Familienmitgliedern und Deja-vu-Erfahrungen. Nur 3 Prozent der Betroffenen sahen Verstorbene oder hatten Geist-Erscheinungen, nur 7 Prozent nahmen das berühmte helle Licht wahr, nur 2 Prozent hatten außerkörperliche Erfahrungen. Insgesamt erfüllten nur 9 Personen die typischen Kriterien für Nahtoderfahrungen. In der zweiten, kleineren Studie traten typische Nahtodphänomene ebenfalls nur in geringem Ausmaß auf.

Laut Sam Parnia sind Nahtoderfahrungen keine Halluzinationen; sie seien auch grundlegend anders als die Erfahrungen von Komapatienten oder Narkotisierten. Für den nicht religiösen Experten, der von wissenschaftlichen und therapeutischen Motiven geleitet wird, handelt es sich bei den berichteten Erlebnissen um keine Nahtoderfahrungen, sondern um naturwissenschaftlich bislang nicht erklärbare Erfahrungen nach dem Herztod. Er hält es im Gegensatz zur Mehrheit der Naturwissenschaftler aufgrund der bisherigen Forschungsergebnisse für möglich, dass es ein von der Materie unabhängiges, nicht auf elektrischen oder biochemischen Prozessen im Gehirn basierendes menschliches Bewusstsein gibt, also einen Personkern, der traditionellerweise als „Seele“ bezeichnet wird. Neuere Studien zur Überprüfung dieser Vermutung seien nötig.

Existiert das menschliche Bewusstsein unabhängig vom Gehirn?

Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel ist der bekannteste Nahtodforscher in Europa. Er führte umfangreiche Befragungen von Menschen mit Nahtoderfahrungen durch. 18 Prozent der überlebenden Herzinfarkt-Patienten hatten Nahtoderfahrungen, die er mithilfe eines sehr komplexen theoretischen Konzepts in seinem Buch „Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“ zu erklären versucht.

Van Lommel kritisiert die gegenwärtige Dominanz des naturwissenschaftlich-materialistischen Weltbildes mit dem Gehirn als Basis der menschlichen Identität, das nicht alle menschlichen Phänomene erklären könne, und propagiert die Idee eines nicht-lokalen, vom Körper völlig unabhängigen und endlosen Bewusstseins. Das Bewusstsein sei allgegenwärtig, habe keine materielle Grundlage im Gehirn, habe bereits vor der Geburt des Menschen existiert und bestehe auch nach seinem Tod fort. Das Gehirn sei die Basis für unser Wachbewusstsein, das nur den Zugang zu jenem Teil ermöglicht, der üblicherweise als Ich bezeichnet wird; es sei nur eine Schnittstelle und funktioniere wie eine Art Empfangsstation des Bewusstseins. Es gebe jedoch auch eine Wahrnehmung jenseits der Sinne, auf denen alle Nahtoderlebnisse beruhen würden. Van Lommel versucht, sein von den meisten naturwissenschaftlichen Experten abgelehntes Konzept mithilfe der modernen Physik, namentlich mithilfe von Analogien und Begriffen aus der Quantenphysik, zu untermauern; er fordert mehr Forschungsgelder, um die von ihm beschriebenen Phänomene und Erklärungen besser untermauern zu können.

Philosophisch betrachtet, kann man die Konzepte van Lommels als Versuch betrachten, den Körper-Seele-Dualismus von Platon und Plotin wiederzubeleben und naturwissenschaftlich zu fundieren, was auf Menschen, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben bzw. glauben möchten, faszinierend wirkt. Das Konzept eines Bewusstseins ohne Anfang, das heißt der Präexistenz der Seele bereits vor der Zeugung des Menschen, widerspricht allerdings der Grundannahme des Christentums.

Sind alle Nahtoderfahrungen naturwissenschaftlich erklärbar?

Nahtoderlebnisse stellen aus der Sicht der meisten Naturwissenschaftler keinen Beweis für ein Weiterleben nach dem Tod dar, weil es sich dabei um Sterbeerlebnisse einige Minuten vor dem irreversiblen Hirntod handelt, der durch medizinische Interventionen aufgrund günstiger Umstände verhindert werden konnte. Trotz fehlender Großhirnaktivität im EEG lassen sich alle Nahtoderfahrungen rein medizinisch-naturwissenschaftlich erklären. Nach der gängigen Lehrmeinung gibt es nach der klinischen Todesfeststellung kurzfristig noch vorhandene Aktivitäten in den tieferen Schichten des Gehirns, da die verschiedenen Gehirnareale unterschiedlich schnell absterben, bedingt durch die unterschiedlich lange Versorgung mit Sauerstoff nach dem Herzstillstand.

Die naturwissenschaftlich-materialistischen Erklärungsweisen für Nahtoderfahrungen werden im Folgenden näher ausgeführt. In den phylogenetisch älteren Schichten des Gehirns erfolgt eine Freisetzung von Noradrenalin, was mit sensorischer Erregung, Gedächtnisleistungen und REM-Schlaf-Merkmalen in Verbindung steht und die Erfahrungen des Lebensrückblicks und der Begegnung mit vertrauten Personen erklärt. Weiters erfolgt dort auch eine Freisetzung von Opioiden, was zur Unterdrückung von Schmerzen und zur Auslösung von Glücksgefühlen führt. Bei jedem körperlichen und psychischen Stress erfolgt eine starke Aktivierung des limbischen Systems, einer phylogenetisch sehr alten Hirnregion unterhalb der Großhirnrinde. Die Ausschüttung von Endorphinen bewirkt intensive Gefühle von Glück, innerer Wärme, Geborgenheit und Schmerzfreiheit, weshalb mit dem Ende dieser wohligen Gefühle durch die Rückkehr ins Leben durchaus glaubhaft ein sehr unangenehmer Zustand auftreten kann, der bei manchen Betroffenen zum inneren Widerstand gegen die Wiederbelebung führt.

Neuere Studien belegen, dass das menschliche Gehirn ähnlich abstirbt wie das Gehirn von Ratten. Nach dem Herzstillstand gehen die neuronalen Aktivitäten des Gehirns erst langsam zurück, steigen kurzfristig sogar stark an, bevor sie langsam wieder nachlassen und schließlich endgültig aufhören. Dies hängt mit dem großen Stress durch Sauerstoffmangel zusammen, dem das Gehirn während des Sterbevorgangs ausgesetzt ist, bedingt durch den Umstand, dass das Gehirn als Folge des Herzstillstands nicht mehr mit Blut versorgt wird. Die starken Aktivitäten von subkortikalen Gehirnregionen stellen eine ausreichende Erklärung für die intensiven Empfindungen und die Gleichsetzung der Erinnerungen mit realen Erlebnissen dar.

Sauerstoffmangel im Gehirn führt zu Halluzinationen, bedingt durch den Ausfall des Temporal- oder Parietallappens. Die Lichterscheinungen können mit einer verringerten Sauerstoffzufuhr in den Augapfel zusammenhängen. Die meisten Nahtod-Erlebnisinhalte treten auch bei völlig anders bedingten Bewusstseinsveränderungen auf, etwa beim hypoglykämischen Schock, bei einem Delir bzw. einer Demenz, unter Drogeneinfluss, im hypnotischen Zustand, bei autosuggestiver Meditation, während eines epileptischen Anfalls oder bei gezielter Stimulation des linksseitigen Schläfenlappens des Großhirns während einer Operation am offenen Gehirn.

Abstürzende Bergsteiger, die mit dem Tod gerechnet, jedoch durch eine Seilsicherung überlebt haben, hatten ähnliche Erlebnisse wie klinisch Tote mit Nahtoderfahrungen. Neben Sauerstoffmangel des Gehirns während des Sterbeprozesses können demnach auch andere Extrembelastungen des Gehirns zu Nahtod-ähnlichen Erfahrungen führen. Die Interpretation der gemachten Nahtoderfahrungen wird zudem durch individuelle und kulturelle Faktoren wesentlich mitbestimmt. Atheistisch und nichtchristlich eingestellte Personen berichten keineswegs von Begegnungen mit einem persönlichen Gott, mit Jesus oder Heiligen.

Menschen mit Nahtoderfahrungen haben ihre Erlebnisse auf der Basis von noch funktionierenden Regionen des Gehirns gemacht und waren daher letztlich nicht irreversibel tot, wenn man den Ganzhirntod, das heißt das vollständige Absterben aller Hirnregionen, als Todeskriterium heranzieht. Nahtoderfahrungen sind nach dem Buch des evangelischen Theologen und Medizinprofessors Oliver Müller „Altern. Sterben. Tod. Die Vergänglichkeit des Menschen aus der Sicht der Naturwissenschaften“ keine Todeserfahrungen, noch viel weniger „Berichte aus dem Jenseits“, wie dies aufgrund mancher Buchtitel scheinen mag. Nahtoderfahrungen sind kein Beweis für die Existenz einer vom Körper unabhängigen unsterblichen Seele, stärken jedoch den Glauben vieler Menschen in ihrem Wunsch nach Unsterblichkeit unabhängig von Gott und einer bestimmten Religion.

Nahtoderfahrungen werden auch von nicht religiösen Personen oft als Beweis dafür angesehen, dass der Mensch oder ein Teil davon nach dem Tod in einer jenseitigen Welt weiterlebt. Die weltweit millionenfach berichteten Nahtoderfahrungen wirken auf die Mehrheit der Betroffenen sowie auf Personen mit der Furcht vor dem Sterben sehr beruhigend. Viele Personen mit Nahtoderfahrung haben aufgrund ihrer positiven Erlebnisse weniger Furcht vor dem Sterben und weniger Angst vor dem Tod als ihre Mitmenschen, es gibt aber auch Berichte von gegenteiligen Erfahrungen mit schrecklichen Qualen und Höllen-Erlebnissen.

 

Lehren der Philosophen

Sterbliche und unsterbliche Seele im antiken Griechenland

Die Angst vor dem Tod wurde im Laufe der Jahrhunderte selten in philosophischen Hauptwerken thematisiert, wohl aber oft in kurzen Stellungnahmen vieler Philosophen. Zum bestmöglichen Umgang mit der Angst vor dem Tod wurden bereits seit den Philosophen der griechischen Antike zwei konträre Sichtweisen vorgeschlagen. Beide Strömungen möchten die Menschen belehren, dass sie den Tod nicht fürchten müssen, jedoch aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Nach dem Philosophen Platon müssen wir den Tod nicht fürchten, weil der wichtigste Teil und Wesenskern in uns, nämlich die Seele, nach dem Tod im Reich der Ideen unsterblich weiterexistiert. Nach dem Philosophen Epikur brauchen wir vor dem Tod keine Angst zu haben, weil der wichtigste Teil in uns, die Seele, nach dem Tod nicht mehr existiert und wir unseren Tod gar nicht bewusst miterleben.

Die Sichtweise von Platon hat in der Philosophie der Gegenwart sowie der letzten zwei Jahrhunderte jede Bedeutung verloren und lebt nur noch in der Vorstellungen der verschiedenen Religionen sowie in der Esoterik weiter, während die Ansichten von Epikur moderner denn je sind. Der Begriff der Seele wird heutzutage in der Philosophie und Psychologie als Bezeichnung für körper- und gehirngebundene „mentale Ereignisse“ betrachtet. Das Konzept der unsterblichen bzw. sterblichen Seele soll im Folgenden näher dargestellt werden.

Der Philosoph Platon (427–347 vor Christus) lässt in seiner Schrift Phaidon seinen zum Tode verurteilten Lehrer Sokrates im Kreis seiner Schüler die Lehre von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele vortragen und mithilfe verschiedener Argumente auch begründen. Sokrates fürchtet sich nach Platons Darstellung unmittelbar vor seinem Tod überhaupt nicht vor dem Ende seiner Existenz, sondern geht ganz bewusst in den Tod und freut sich auf die beglückende Trennung der Seele vom Körper, die in das Reich der Ideen zurückkehrt, wo sie ewig weiterlebt, in Gemeinschaft mit den Seelen gleichgesinnter Menschen.

Ideen sind nach Platon eigenständige, objektive, vollkommene, unveränderliche und unvergängliche Realitäten, die als Urbilder die eigentliche Wirklichkeit darstellen; sie stehen hinter den vergänglichen Sinnesobjekten als ihren Abbildern. Die sichtbare Welt der Einzeldinge macht demnach nicht die ganze Wirklichkeit aus. Nach Platon findet das wahre Leben im Jenseits statt. Die Seele könne sich erst dann ihrem Glück zuwenden, wenn sie vom Körper durch den Tod getrennt sei. Sie könne nach dem Tod jedoch nur dann endgültig in das ewige Reich der Ideen zurückkehren, wenn sie von allem Schlechten gereinigt sei. Jene Seelen, die noch nicht ganz von den Tugenden, sondern weiterhin von fleischlichen Begierden durchdrungen seien, müssten im Sinne einer Seelenwanderung und Wiedergeburt in einem neuen Körper als Mensch oder auch als Tier immer wieder bis zur endgültigen Läuterung in die Welt zurückkehren.

Eine derartige Reinkarnationslehre wurde in der griechischen Antike bereits vor Platon vom Philosophen Empedokles, der auch die Lehre von den vier Urstoffen Luft, Feuer, Erde und Wasser entwickelt hatte, und der Schule des Pythagoras vertreten. Das Christentum übernahm aus der platonischen Philosophie zwar die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, lehnte jedoch den Reinkarnationsglauben entschieden ab, vor allem auch gegenüber der als Häresie verdammten Gnosis (am besten übersetzt als „wahre Erkenntnis“).

Platons Grundkonzept des Menschen beruht auf dem Dualismus von Körper und Seele, von materieller und immaterieller Substanz, als zwei getrennten Einheiten. Den Leib-Seele-Dualismus haben nicht nur die sogenannten Neuplatoniker in der römischen Antike übernommen, sondern, wie bereits erwähnt, seit dem 3. Jahrhundert nach Christus auch die christliche Glaubenslehre.

Die Kirchenväter, das heißt die namhaften Theologen des frühen Christentums, betrachteten das Konzept der unsterblichen Seele als Möglichkeit, das Weiterleben nach dem Tod ohne Körper begründen zu können. Während die Seele nach Platon bereits vor der Geburt des Menschen im Reich der Ideen existiert hat, wird sie laut christlichem Glauben dem menschlichen Körper bei seiner Zeugung von Gott hinzugefügt und lebt nach dem Tod weiter, bis sie bei der Auferstehung mit einem neuen, verklärten Leib verbunden wird.

Der berühmte Platon-Schüler Aristoteles (384–322 vor Christus) vertrat im Gegensatz zu seinem Lehrer weder eine dualistische noch eine materialistische Sichtweise. Die Vernunftseele habe es nicht bereits vor der Geburt des Menschen gegeben; sie sei geistiger Natur und als solche nicht identisch mit dem Körper, stelle aber auch keine unabhängige, selbständige substanzielle Wesenheit dar. Die Seele sei kein eigenständiges Wesen, das unabhängig vom Körper existieren könne, sondern dessen Form, die nicht vom Körper trennbar sei. Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung: Mit dem Tod des Körpers stirbt auch die Seele für immer. Nach Aristoteles gibt es eine göttliche Weltseele, an der die Individuen aus Leib und Seele temporär teilhaben würden, aber als Menschen eben sterblich seien. Der Tod sei das Ende der menschlichen Existenz, danach scheine es für die Toten nichts Gutes und nichts Schlechtes mehr zu geben. Aristoteles verwarf – nach anfänglicher Überzeugung davon – die Existenz einer unsterblichen Seele, denn nur die Seele Gottes sei unsterblich.

Bestimmte altgriechische Philosophen waren im Gegensatz zu Platon und Pythagoras aufgrund bestimmter Überlegungen davon überzeugt, dass der Tod die endgültige Auslöschung des Menschen mit Leib und Seele bedeutet. Nach den sogenannten Atomisten Demokrit, Leukipp und Epikur besteht die Seele genauso wie der Körper aus Atomen und zerfällt daher mit diesem beim Tod für immer.

Der Philosoph Epikur (342–271 vor Christus) wollte seinen Zeitgenossen die Angst vor dem Tod und dem Danach sowie vor den Göttern nehmen, indem er ihre Ängste als unnötig und unvernünftig darstellte. Er kritisierte die religiösen Führer seiner Zeit, die die Angst der Menschen vor dem Tod nur für ihr eigenes Machtstreben missbrauchen würden.

Als erstes Argument gegen die Sinnlosigkeit der Angst vor dem Tod führte Epikur folgende Überlegung an: Der Tod sei kein Übel, das wir fürchten müssten, denn ein Übel könne nur etwas sein, das wir bewusst als etwas Negatives erleben könnten. Solange wir leben, sei der Tod jedoch noch nicht da, sodass wir das Leben genießen sollten, und wenn wir gestorben seien, sei zwar der Tod da, aber wir seien nicht mehr am Leben und würden davon nichts mitbekommen. Die ständige Erwartung des Todes würde uns nur sinnlos bedrücken.

Epikur leugnete nicht die Existenz der Götter, denn dies hätte in der damaligen Zeit tödlich für ihn enden können. Er meinte nur, die Götter würden sich überhaupt nicht um das Leben der Menschen kümmern, sodass sich jeder Mensch selbst für innere Ruhe, Glück und Wohlbefinden sorgen müsse. Wenn Tod vollständigen Wahrnehmungsentzug bedeutet, heißt Leben mit allen Sinnen wahrnehmen und das Dasein den eigenen Vorstellungen entsprechend genießen, jedoch ohne jene Ausschweifungen, wie sie Epikur vom späteren Christentum fälschlicherweise unterstellt wurden. Der Sinn der menschlichen Existenz auf Erden ist laut Epikur nicht die Vorbereitung auf ein ewiges Leben, sondern die vollendete Seelenruhe (Ataxie) zu Lebzeiten.

Epikur lehnte den Glauben an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ab. Die Seele sterbe, so Epikurs zweites Argument, mit dem Tod des Körpers. Was aufgelöst sei, könne nichts mehr wahrnehmen, was nicht mehr wahrgenommen werden könne, sei ein Nichts. Als Tote und endgültig Ausgelöschte wissen wir nach Epikur nichts mehr von unserem Tod.

Als drittes Argument, gleichsam als „Trost“ für das endgültige Aus des Lebens, bietet Epikur, insbesondere jedoch dessen späterer römischer Schüler Lukrez, den Menschen die Überlegung an, dass sie auch schon vor der Geburt nicht existent gewesen seien, und nach ihrem Tod einfach nur dieselbe Situation bestehen würde.

Können derart banale, an den Verstand gerichtete Aussagen wie diese drei Argumente von Epikur wirklich unsere Angst vor dem Tod vermindern, vor allem dann, wenn wir den Eintritt des Todes bereits vor unserer durchschnittlichen Lebenserwartung fürchten? Wenn der Mensch tatsächlich nur dieses eine Leben hat, ist der Tod das schlimmste Ereignis, das man zu Lebzeiten durchaus fürchten darf.

Der atheistische Psychotherapeut Irvin Yalom bringt die dreifache Argumentation von Epikur schon sehr früh in die Therapie bei Menschen mit starken Ängsten vor dem Tod und dem Danach ein. Bei sehr gläubigen Menschen mit psychischen Problemen würde er jedoch niemals deren Glaubenssystem infrage stellen, wenn es für sie tatsächlich eine echte Hilfe zur besseren Lebensbewältigung darstelle.

In neuerer Zeit wurden als Ergänzung zu Epikur weitere Argumente entwickelt, die existenzielle Ängste reduzieren und dem Tod seine Bedrohlichkeit nehmen sollen:

Es gibt nach Epikur keinen vorgegebenen Sinn des menschlichen Lebens, sodass jeder Mensch die Freiheit für und die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben habe – ein sehr modernes Argument im Sinne des bereits beschriebenen Sinnsubjektivismus. Epikur und sein späterer römischer Schüler Lukrez sind für die Gegenwart sehr bedeutsame Philosophen, weil sie erstmals den Sinnsubjektivismus vertreten haben. Die Menschen unterliegen nach ihrer Lehre keiner schicksalshaften Notwendigkeit und müssen keinem vorgegebenen Lebenssinn folgen, da sie von Natur aus zu nichts bestimmt seien. Sinn und Lebensziele ergeben sich erst aus der freien Entscheidung des Menschen, der ohne vorgegebene Bindungen an bestimmte Lebensinhalte und ohne göttliche Richtlinien leben könne. Naturgemäß wurden die Lehren beider Philosophen vom Christentum, das ein göttliches Gericht mit bestimmten Folgen nach dem Tod aufgrund des irdischen Lebens verkündete, massiv abgelehnt.

Religionskritisch eingestellten sowie philosophisch interessierten Menschen empfehle ich das Buch „Tot ohne Gott. Eine neue Kultur des Abschieds“ des Philosophen Franz Josef Wetz. Er betont, dass man sich an seine eigene Vergänglichkeit, an den Schmerz der Sterblichkeit und an seine Rückkehr ins Nichts nicht so einfach gewöhnen könne, wie sich dies die „gottlosen Naturalisten“ vorstellen, er vermeidet jedoch die „Zuflucht bei religiösen Tröstungen“. Derartige negative Befindlichkeiten müsse der Mensch besser aushalten lernen.

Christlich versus atheistisch geprägte Philosophie

Nach dem Philosophen Richard D. Precht beschäftigten sich die griechischen Philosophen genau mit dem, was wir heute als „Sinn des Lebens“ bezeichnen, nämlich mit der Grundfrage: „Worauf kommt es im Leben wirklich an?“ Die Philosophen im Mittelalter, in der Renaissance und im Barock widmeten sich nicht der Sinnfrage, weil sie durch die christliche Glaubenslehre bereits beantwortet worden sei. In den Jahrhunderten der Dominanz des Christentums blieb die Philosophie christlich geprägt, wie auch heute noch in Form der christlichen Philosophie an Theologischen Fakultäten; sie war bemüht, die Existenz Gottes philosophisch mit Beweisen zu untermauern und dem christlichen Glauben nicht zu widersprechen, in früherer Zeit allein schon wegen der angedrohten staatlichen und kirchlichen Sanktionen. Zugrunde lag hier das bereits beschriebene Konzept des Sinnobjektivismus, nach dem der Lebenssinn durch die Religion vorgegeben und vom Menschen in seinem irdischen Leben umzusetzen ist, um nach dem Tod in den Himmel zu kommen.

Der schottische Philosoph David Hume, ein zentraler Vertreter des Empirismus und Skeptizismus gegenüber allen philosophischen Spekulationen ohne überprüfbare Erfahrungen, widerlegte im 18. Jahrhundert als einer der ersten Philosophen alle damals geläufigen Argumente für die Unsterblichkeit der Seele. Hume wies u.a. darauf hin, dass aufgrund der engen Verflochtenheit von Leib und Seele, von körperlichen und geistigen Veränderungen, mit dem Tod der Körper und die Seele gleichzeitig sterben würden, er wagte es jedoch aus Angst vor der Exkommunikation durch die anglikanische Kirche nicht, seine Thesen bereits zu seinen Lebzeiten zu veröffentlichen.

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einerseits einer der schärfsten Kritiker der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, für die es keine ausreichenden theoretischen Argumente gebe, andererseits gleichzeitig aber auch einer ihrer bedeutsamsten Befürworter. Nach Kant müsse es trotz fehlender Beweisbarkeit aus rationalen und ethischen Gründen eine unsterbliche Seele und ein Jenseits geben, sonst würde der Ungerechtigkeit auf der Welt keine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits gegenüberstehen – ein ethisches Argument, das letztlich auch hinter den Jenseitsverkündigungen und den Ankündigungen eines Jüngsten Gerichts in den monotheistischen Religionen steht. Im ewigen Leben sah Kant zudem auch die einzige Möglichkeit, wie der Mensch zur Vollendung seiner Möglichkeiten gelangen könne.

Kant sah im Zeitalter der Aufklärung die Aufgabe der Philosophie in der Beantwortung der vier großen Fragen der Menschheit (wobei sich die vierte Frage aus den drei anderen Fragen ergibt):

  1. Was kann ich wissen? Es geht um die Erkenntnistheorie, also darum, was der Mensch aufgrund seiner Erfahrung und seines Denkens erkennen kann, und zwar in Bezug auf sich selbst, die Welt und die Beziehung zwischen sich selbst und der Welt. Die Dinge sind nicht an sich gegeben, sodass sie vom Menschen aufgrund einer natürlichen Wahrnehmung als solche erkannt werden könnten, sondern sie werden erst vom erkennenden Subjekt produziert. Unsere Erkenntnis richtet sich demnach nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände werden nach der Form unserer Erkenntnis beurteilt. Die Frage des Erkennens ist heute kein rein philosophisches Thema mehr, sondern vor allem ein Thema der modernen Hirnforschung.

  2. Was soll ich tun? Es geht um Ethik und Moral, also darum, wie der Mensch als soziales Wesen sittlich richtig handeln kann. Die Natur kennt keine Ethik, der Mensch trägt die Verantwortung für sein Handeln auf der Basis einer allgemein gültigen Gesetzgebung. Der sogenannte „kategorische Imperativ“ gilt dabei als oberste und allgemeinste Handlungsanweisung für jeden Menschen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Mit Kants zweiter Frage beschäftigen sich heute vor allem auch die Hirnforschung, die Psychologie und die Verhaltensforschung.

  3. Was darf ich hoffen? Es geht um Religion, Glauben und Lebenssinn, also darum, was der Mensch über sein physisches Dasein hinaus im Sinne religiöser Inhalte erwarten kann. Nach Kant ist die Existenz Gottes, eines Jenseits und einer unsterblichen Seele zwar denkbar, aber nicht erkennbar und nur im Rahmen eines Glaubens möglich. Gott und ein Jenseits als Ort einer ausgleichenden Gerechtigkeit sind zwar nicht beweisbar, aber die praktische Vernunft nötigt uns, daran zu glauben.

  4. Was ist der Mensch? Es geht darum, was der Mensch ist und was er sein soll.

Beantworten Sie in Anschluss an Kant folgende drei Fragengruppen:

  1. Was sind die gesicherten Erkenntnisse meines Lebens? Worauf stütze ich die Gewissheit meines täglichen Handelns? Welche Zweifel und Unsicherheiten beschäftigen mich?

  2. Was sind die Grundlagen meines ethischen Handelns? An welchem Maßstab orientiere ich mein Handeln?

  3. Was ist mein zentrales religiöses, spirituelles oder nichtreligiöses Glaubenssystem, auf dem meine Lebensführung beruht?

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Frankreich im Zuge der Aufklärung der Materialismus, wonach es außerhalb der sinnlich erfahrbaren Natur nichts gibt, keinen Gott, keine unsterbliche Seele und auch keine unumstößlichen Ideale.

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts sowie im 19. Jahrhundert ging es in der Philosophie erstmals wieder um die Frage eines individuellen Lebenssinns gemäß dem Konzept des bereits beschriebenen Sinnsubjektivismus. Nach Richard D. Precht erlebte die Frage nach dem Lebenssinn in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom. Ein objektiv vorgegebener Lebenssinn, wie ihn das Christentum vertrat, wurde bestritten, weil die Grundlagen dafür, nämlich die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele, als Garantie dafür geleugnet wurden. Zu den berühmtesten und vehementesten Kritikern des Gottes- und Unsterblichkeitsglaubens im 19. Jahrhundert gehörten in Deutschland die Philosophen Ludwig Feuerbach und Friedrich Nietzsche.

Ludwig Feuerbach verwarf im Rahmen seiner massiven Religionskritik den Unsterblichkeitsglauben als lebensfeindlich und drückte in einer in Deutschland bislang unüblichen Direktheit aus, was die französischen Aufklärer bereits im 18. Jahrhundert mehr oder weniger offen religions- und kirchenkritisch vertreten hatten. Der Glaube an Gott, an die Unsterblichkeit der Seele und an ein ewiges Leben seien wunschbedingte Projektionen des Menschen. Die Menschen schaffen sich Gott nach ihrem Bild, um auf diese Weise ihre Angst vor dem Tod zu überwinden und ihren Wunsch nach einem ewigen Leben zu verwirklichen. Nach Feuerbach ist die Vorstellung von Gott das in der Fantasie zur Vollkommenheit überhöhte Wesen des Menschen und die Vorstellung vom ewigen Leben das vollkommen und unendlich gedachte Diesseits. Das Jenseits sei nur ein Bild vom verschönerten Diesseits, das es auf dieser Welt zu verwirklichen gelte. Die Menschen müssten ihre Sehnsüchte als Wunschträume erkennen, sich von ihren Illusionen befreien, den Tod als das unwiderrufliche Ende ihrer Existenz akzeptieren und auf der Basis des angeborenen Glückseligkeitstriebes ihr Leben zum eigenen Wohl und auch zum Wohl der anderen führen.

Der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker Karl Marx kritisierte den Materialismus von Feuerbach als zu theoretisch. Die Philosophen hätten die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es komme darauf an, sie zu verändern. Religion sei „das Opium des Volkes“, mithilfe dessen die revolutionäre Änderung der Gesellschaft verhindert werde.

Friedrich Nietzsche verkündete den „Tod Gottes“ und stellte dem Jenseitsglauben ein engagiertes und kraftvolles Leben im Diesseits gegenüber, statt den Körper aufgrund des Körper-Seele-Dualismus geringzuschätzen und dafür eine Belohnung im Leben nach dem Tod zu erwarten, wie er dies dem Christentum unterstellte.

Die Existenzphilosophie, deren bedeutsamste Vertreter vor allem aus Deutschland und Frankreich stammten, beschäftigte sich intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und damit auch mit der Thematik des Todes und eines möglichen Weiterlebens nach dem Tod. Der als Begründer der Existenzphilosophie angesehene dänische Philosoph und protestantische Theologe Søren Kierkegaard betrachtete im 19. Jahrhundert den christlichen Glauben als die Basis seiner Philosophie. Angesichts des Todes solle sich der Mensch bewusst werden, dass Gott ihm die Gelegenheit gebe, sich im Leben selbst zu verwirklichen. Nach Kierkegaard hat der Mensch zwei Möglichkeiten: das tägliche Leben oberflächlich zu führen und damit der ewigen Verdammnis anheimzufallen oder die Chance zur ewigen Seligkeit zu ergreifen durch eine sehr streng und asketisch definierte Nachfolge Christi. In seinen letzten Lebensjahren stand Kierkegaard im Widerspruch zur evangelischen Amtskirche, der er vorwarf, sie vertrete nicht mehr das wahre Christentum, sodass er vor seinem Tod sogar die Kommunion verweigerte.

Für den deutschen Psychiater und Philosophen Karl Jaspers führt die nötige Konfrontation mit dem Tod und der damit gegebenen unüberwindlichen Begrenztheit des Lebens zur Motivation, im Rahmen des zur Verfügung stehenden Lebenszeitraums alle Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung zu nutzen und dadurch zum wahren Selbst bzw. zur wahren Existenz zu gelangen. Den Gedanken an ein Weiterleben nach dem Tod sah Jaspers als Selbsttäuschung an, die das Erleben wahrer Existenz verhindere. Konfrontationen mit Grenzsituationen können jedoch zu psychischen Krankheiten führen.

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sah im menschlichen Dasein ein „Sein zum Tode“, sodass Angst die Grundbefindlichkeit des Menschen sei. Man könne die Angst vor dem Tod bewältigen lernen, indem man diese akzeptiere und zum Anlass nehme, sein eigentliches Leben zu leben, das mit dem Tod für immer zuende sei.

Nach dem französischen Philosophen Jean-Paul Sartre hat das Leben an sich keinen Sinn, zumal es keinen Gott gebe; auch der Tod gebe dem menschlichen Dasein keinen Sinn. Ständige Angst vor dem Tod stelle jedoch den Tod und nicht die eigene Lebensgestaltung in den Mittelpunkt des Lebens. Jeder Mensch sei für sein Tun verantwortlich – auch dafür, dem Leben in freier Entscheidung jenen Lebenssinn zu geben, der aus der objektiven Sinnlosigkeit des Lebens eine subjektive Sinnhaftigkeit mache.

Der französische Philosoph und Schriftsteller Albert Camus hielt das Leben ebenfalls für sinnlos und sah im Tod jenes Faktum, das die Sinnlosigkeit beendet. Die Akzeptanz der Endlichkeit des Daseins ohne ein Leben nach dem Tod biete jedoch die Chance zur Selbstverwirklichung und damit zu einem sinnerfüllten Leben, wenn der Mensch alle Chancen in einem gottlosen Universum ausnutze.

Verschiedene Philosophen des 20. Jahrhunderts lehnten klare Antworten auf die Frage nach dem Lebenssinn ab oder fühlten sich dafür gar nicht zuständig. Viele Philosophen der Gegenwart haben eine agnostische oder atheistische Grundeinstellung. In der modernen Philosophie wurde jenseits der christlichen Philosophie die Idee einer unsterblichen Seele aufgegeben.

Als Neuer Atheismus wird eine aus dem angelsächsischen Bereich kommende, mittlerweile auch in Deutschland weit verbreitete atheistische Bewegung des 21. Jahrhunderts bezeichnet, die ein humanistisches und naturalistisches Weltbild vertritt. Sie ist vor allem bekannt geworden durch die vier bedeutsamsten Vertreter Sam Harris, Richard Dawkins, Daniel Dennett und Christopher Hitchens und deren zahlreiche Bücher, die sich ganz gezielt an die breite Masse wenden und fast schon aggressiv gegen jede Form von Religion, vor allem auch gegen die christliche Religion, auftreten. Es handelt sich dabei oft um Naturwissenschaftler und nicht primär um Vertreter aus dem Bereich der Philosophie, die jede Religion als irrational bezeichnen und für eine rein von Vernunft und Verstand geprägte Welt plädieren. Interessierte verweise ich auf deren Werke, die in diesem Buch nicht näher dargestellt werden, vor allem auf das Buch des Evolutionsbiologen Richard Dawkins „Atheismus für Anfänger: Warum wir Gott für ein sinnerfülltes Leben nicht brauchen“.

 

Naturwissenschaftlich-materialistische Sichtweisen

Kernpunkte des naturwissenschaftlichen Weltbildes

Das naturwissenschaftlich-materialistische Weltbild lässt sich im Kontext dieses Buches in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Das Weltall entstand vor rund 13,8 Milliarden Jahren, ohne Ziel und Plan, ohne einen Schöpfergott, die Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren durch glückliche Umstände für uns Menschen. Das Weltall dehnt sich von einem ursprünglich unendlich kleinen Punkt immer weiter aus – eine Entwicklung, die als „Urknall“ allgemein bekannt geworden ist und seit langem sogar von der römisch-katholischen Kirche, allerdings als göttlich bewirkte Schöpfung, anerkannt ist. Als Folge der zunehmenden Ausdehnung wird das Weltall immer leerer und kälter und schließlich einmal den Kältetod sterben. Das Weltall besteht aus Milliarden von Galaxien mit noch viel mehr Milliarden an einzelnen Sonnen. Unsere Sonne wird nach rund 5 Milliarden Jahren erlöschen, davor wird das Schicksal unserer Erde in Form von Verbrennen durch die Sonne besiegelt, falls sie nicht schon längst vorher von einem Asteroiden getroffen wird, wie bereits vor 65 Millionen Jahren in Mexiko vor der Halbinsel Yucatán. Als Folge der dadurch eingetretenen Verfinsterung und Sauerstoffnot auf der Erde starben damals die Dinosaurier aus, die die ganze Erde bevölkert hatten, woraufhin die Evolution einen völlig neuen Verlauf genommen hat: von überlebenden kleinen Säugetieren, nämlich bestimmten Mäusen, zu immer höher entwickelten Lebewesen bis hin zu uns Menschen.

  2. Der Mensch ist ein reines Zufallsprodukt der Evolution. Die Entwicklungsgeschichte des Menschen als höchstentwickeltem Tier beruht auf zufälligen Mutationen des Erbguts, deren Vererbung und der natürlichen Auslese der überlebensfähigsten Organismen im Rahmen der konkreten Lebensbedingungen, das heißt die anpassungsfähigsten Lebewesen setzen sich durch. Eine unsterbliche Seele ist zur Entwicklung des Menschen aus den davor lebenden Primaten nicht notwendig, sondern nur eine entsprechende Entwicklung der Großhirnrinde.

  3. Ein Weiterleben nach dem Tod widerspricht den Naturgesetzen. Mit dem Tod des Körpers ist der ganze Mensch für immer tot. Das Wesen des Menschen beruht auf den Funktionen seines Gehirns, nicht auf einer körperlosen unsterblichen Seele. Alle Bewusstseinsleistungen des Menschen sind untrennbar an neuronale Funktionen im Gehirn, das heißt an Materie, gebunden. Die Existenz einer immateriellen, körperunabhängigen Seele lässt sich naturwissenschaftlich zwar nicht widerlegen, ist aber ohnehin eine unnötige religiöse Annahme zum Verständnis des Menschen, auf die in den Humanwissenschaften, wie etwa in der Medizin und in der Psychologie, seit langem verzichtet wird.  

Interessierten werden die allgemeinverständlich geschriebenen Bücher des berühmten englischen Physikers und Astrophysikers Stephen Hawking empfohlen, der dezidiert darauf hinweist, dass die Naturwissenschaften Gott zur Erklärung der Welt nicht benötigen.

Laut wiederholten Umfragen vertritt die überwiegende Mehrzahl der führenden männlichen und weiblichen Naturwissenschaftler, speziell auch der Nobelpreisträger, eine atheistische bzw. agnostische Weltanschauung. Die christlichen Kirchen bzw. verschiedene Autoren und Autorinnen zitieren gerne einzelne herausragende Wissenschaftler aus allen möglichen Fachrichtungen als Beweis dafür, dass Wissenschaft und Religion widerspruchsfrei vereinbar seien. Was ist Ihre Meinung dazu? Werden Ihre religiösen bzw. spirituellen Überzeugungen von den gängigen wissenschaftlichen Lehrmeinungen beeinflusst?

Untrennbare Verbindung von Körper und Seele

Die Individualität und Einmaligkeit des Menschen wird bestimmt durch seine immateriellen Fähigkeiten, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Persönlichkeitseigenschaften, die üblicherweise als „Seele“ bezeichnet werden. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist eine derart definierte Seele an ein funktionierendes Gehirn gebunden; sie kann nach dem Tod nicht ohne ein organisches Substrat im Sinne einer körperunabhängigen Seelendefinition laut bestimmter Philosophen und Religionen existieren. Dieses Faktum zeigt sich deutlich bei vielen Menschen mit schweren hirnorganischen Beeinträchtigungen und damit verbundenen Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie einschneidenden und anhaltenden Persönlichkeitsveränderungen, vor allem auch bei zunehmender Ausprägung einer Alzheimer-Krankheit.

Seelische Zustände sind aus naturwissenschaftlich-materialistischer Sicht vollständig an die Funktionsfähigkeit eines lebenden Gehirns gebunden. Der menschliche Geist kann nur in Verbindung mit Materie funktionieren. Jede Veränderung und Schädigung des Gehirns führt unweigerlich auch zu einer Veränderung der seelischen Befindlichkeit. Die untrennbare Verbindung der Seele mit dem Gehirn zeigt sich am deutlichsten im Zustand nach dem Ganzhirntod, definiert als Erlöschen aller Regionen des Gehirns und nicht nur der Gehirnrinde. Wenn die Seele an Materie, eben an das konkret vorhandene Gehirn, gebunden ist, ist sie wie jede Materie aufgrund physikalischer Prinzipien vergänglich.

Der Glaube an eine unsterbliche Seele setzt deren Existenz als unabhängig vom Gehirn, das heißt vom Körper, voraus, was aus naturwissenschaftlicher Sicht völlig unmöglich ist. Die Behauptung einer gehirn- und körperunabhängigen Seele widerspricht allen Erkenntnissen der Naturwissenschaften. Der Glaube, dass die Seele den Körper beim Tod verlässt und in einer anderen Welt weiterlebt, lässt sich naturwissenschaftlich nicht widerlegen, weil etwas Unsichtbares mit den Methoden der Naturwissenschaften überhaupt nicht untersucht werden kann. Eine masselose und energiefreie Seele wäre aus naturwissenschaftlicher Sicht gar nicht existent. Das Konzept der Körperlosigkeit und Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist daher aus naturwissenschaftlicher Sicht völlig unplausibel.

Naturwissenschaftlich-materialistisch orientierte Kritiker sowie atheistische Philosophen stellen folgende Fragen zur Thematik des Lebens nach dem Tod:

Das Gehirn macht die Seele: das neurobiologische Erklärungsmodell

Die Neurowissenschaftler Gerhard Roth und Nicole Stüber erklären in ihrem Buch „Wie die Seele das Gehirn macht“ die Suche nach dem „Sitz der Seele“ aus neurobiologischer Sicht für beendet. Nach ihrer Darstellung gibt es kein eng umgrenztes Gehirnareal, das als Ort des Seelisch-Psychischen lokalisierbar ist. Alle Aspekte des Psychischen, vor allem auch der Emotionen, beruhen auf dem Zusammenwirken vieler Komponenten des sogenannten limbischen Systems in Form von sich überlappenden Netzwerken und Funktionssystemen. Nach den Erkenntnissen der Neurowissenschaften bringt das Gehirn die Seele in ihrer ganzen Komplexität von Emotionen, Bewusstsein, Denken und menschlicher Identität hervor.

Der Dualismus, wonach das Geistige oder Mental-Psychische neurowissenschaftlich nicht erklärbar sei, weil dafür eine eigene, nicht naturgesetzliche Kausalität im Sinne einer immateriellen Seele erforderlich sei, gilt aus naturwissenschaftlich-materialistischer Sicht als überholt. Geist und Bewusstsein lassen sich widerspruchsfrei auf rein biologische Prozesse zurückführen, wenngleich die genauen Details noch nicht ausreichend bekannt seien. Mit dem Tod des Körpers sterben auch die eng damit verbundenen menschlichen Phänomene von Geist und Psyche für immer.

Bereits im Jahr 2004 veröffentlichten elf prominente Neurowissenschaftler, unter ihnen auch Gerhard Roth, ein Manifest, in dem festgestellt wurde, dass sich Geist und Bewusstsein im Rahmen der Evolution der Nervensysteme allmählich ausgebildet haben und damit ausschließlich auf biologischen Prozessen beruhen. Nur auf der Basis komplizierter neuronaler Prozesse im Gehirn ist nach diesen Experten all das möglich, was üblicherweise mit den Worten Geist, Bewusstsein und Seele bezeichnet wird.

Verstärken oder vermindern naturwissenschaftlich-materialistische Sichtweisen die Angst vor dem Tod?

Überprüfen Sie Ihr Denken und Erleben angesichts der Thesen des naturwissenschaftlich-materialistischen Weltbildes, wie Sie dies bei den christlichen Glaubensbekenntnissen getan haben, indem Sie folgende Sätze laut aussprechen oder niederschreiben: „Es gibt keinen Gott, keine körperlose, unsterbliche Seele und auch keine spätere Wiederauferweckung meiner Person mit einem neuen Körper. Mein bisheriger Glaube an ein Leben nach dem Tod ist aus naturwissenschaftlich-materialistischer Sicht ein völliger Irrtum und ein reiner Wunschtraum. Durch meinen Tod ist meine Person für immer und ewig ausgelöscht. Auch meine Angehörigen sind mit ihrem Ableben für immer tot, es gibt keine Möglichkeit des Wiedersehens in einer anderen Welt. Ich verzichte auf die falsche Hoffnung und Sehnsucht nach einem Weiterleben im Jenseits und konzentriere mich voll und ganz auf das eine und einzige Leben, das ich jetzt auf dieser Welt habe. Es gibt auch keine Chance auf ein neues irdisches Leben durch eine Wiedergeburt in einer anderen Existenzform.“

Zeigt sich angesichts dieser Aussagen bei Ihnen eine starke Betroffenheit in Form von großem körperlichen und seelischen Unbehagen oder gar in Form bestimmter Symptome, wie etwa Angst- und Panikzuständen oder gar depressiven Reaktionen, wenn das alles stimmen sollte? Dann sollten Sie sich mit dem Tod als dem Ende Ihrer personalen Existenz näher beschäftigen. Innere Klarheit tut gut, um mit der Angst vor dem Tod und der aus naturwissenschaftlich-materialistischer Sicht gegebenen endgültigen Auflösung der menschlichen Person angemessen umgehen zu können.

Die naturwissenschaftlich-materialistische Sichtweise kann Ihre existenziellen Ängste dann erheblich verstärken, wenn Sie auf ein Leben nach dem Tod hoffen und durch die Macht der Gegenargumente in Ihren Erwartungen enttäuscht werden; sie kann beruhigend auf Sie wirken, wenn Sie dadurch zur klaren Erkenntnis gelangen, dass ein Leben nach dem Tod unmöglich ist, auch wenn dies für Sie und Ihre Angehörigen wünschenswert wäre.

Der Frage, ob der Tod das Ende unseres Lebens oder der Anfang des Weiterlebens unserer Person in einer anderen Existenzform ist, kommt keiner von uns aus. Jeder von uns muss seine persönliche Antwort darauf finden. In beiden Fällen handelt sich um einen Glauben, der auf einer persönlichen Entscheidung beruht.

 

Persönliche Entscheidung gefragt

Reflexion der lebensgeschichtlichen Bedingungen

Neben den Naturwissenschaften haben in der Vergangenheit die jeweiligen gesellschaftlichen Umstände das Denken und den Glauben der Menschen in aller Welt geprägt. Die politischen, soziokulturellen und psychosozialen Lebensbedingungen bestimmen oft auch noch in der Gegenwart völlig unabhängig von den Wissenschaften die Wahrscheinlichkeit unserer Weltanschauung. Das beste Beispiel dafür sind die USA. Dort, wo die überwiegende Mehrzahl der herausragenden Naturwissenschaftler eine atheistische bzw. agnostische Weltanschauung vertritt, ist die Bevölkerung insgesamt viel religiöser eingestellt als in Europa. Dies hängt mit der Vielzahl der christlichen Konfessionen und deren gesellschaftlichem Einfluss zusammen, wie dieser bei uns nicht mehr derart groß ist.

Weltgeschichtlich betrachtet, haben im Laufe der Jahrhunderte überall auf der Erde die jeweiligen politischen Umstände die Entwicklung und Ausbreitung bestimmter Religionen, wie etwa des Christentum oder des Islams, gefördert und das Ende anderer Religionen eingeleitet. Jeder von uns hat seine religiösen, spirituellen oder agnostisch-atheistischen Lebenseinstellungen in einem ganz bestimmten historischen und geographischen Kontext erworben.

Lebensgeschichtlich betrachtet, werden alle Menschen von Geburt an durch bestimmte familiäre Vorbilder geprägt, die im weiteren Leben durch gesellschaftlich-kulturelle Faktoren verstärkt oder verändert werden. Wir müssen uns im Laufe des Lebens entscheiden, ob wir der Weltanschauung bzw. dem Glauben unserer Kindheit und Jugendzeit treu bleiben oder ob wir aufgrund unserer Lebenserfahrungen und später neu erworbenen Denkmuster völlig andere Vorstellungen vom Leben, Sterben und Totsein entwickeln.

Je nach Lebenssituation können wir aufgrund unserer Weltanschauung zur Mehrheit oder Minderheit der Bevölkerung gehören. Wenn wir eine Minderheitenposition vertreten, haben wir einen größeren Druck zur Reflexion unserer weltanschaulichen Orientierung als andere Personen.

Die Notwendigkeit eines persönlichen Glaubensbekenntnisses

Verfassen Sie ein persönliches Glaubensbekenntnis: Schreiben Sie einen kurzen Text mit der Überschrift: „Woran ich glaube“. Wenn Ihnen dies schwer fällt, erstellen Sie zuerst einen Text mit dem Titel: „Woran ich nicht bzw. nicht mehr glaube“. Manchmal fällt es uns leichter, uns gegenüber bestimmten religiösen, spirituellen und weltanschaulichen Sichtweisen abzugrenzen, bevor wir unsere eigenen Einstellungen und Überzeugungen formulieren können.

Viele Menschen wünschen sich ein Weiterleben nach dem Tod, vor allem auch in Gemeinschaft mit den engsten Angehörigen, sind aber trotzdem davon überzeugt, dass dies nur ein reines Wunschdenken ist. Machen Sie sich klar, was Sie sich angesichts Ihrer Angst vor dem Tod und einem ungewissen Danach aus tiefstem Herzen und innerer Sehnsucht wünschen, und was Sie derzeit tatsächlich glauben und in Ihrem Verhalten ausdrücken.

Weder das Weiterleben noch das Nicht-Weiterleben nach dem Tod ist naturwissenschaftlich beweisbar oder widerlegbar. Sie sollten aber dennoch eine Glaubensentscheidung treffen, die Sie später durchaus revidieren können. Machen Sie sich bewusst, zu welcher Sichtweise Sie derzeit eher neigen, um im Laufe der Zeit Ihre Einstellungen zu festigen und dadurch mit Ihren existenziellen Ängsten besser zurechtzukommen: zu einer religiösen, spirituellen, agnostischen oder atheistischen Grundeinstellung.

Treffen Sie eine ehrliche Entscheidung, die von Ihrer momentanen Sichtweise und nicht von Ihrer Angst getragen ist. Es gibt genug historische Vorbilder, die im Zweifel aus taktischen Gründen im Fall der Existenz Gottes und eines Weiterlebens nach dem Tod auf die „sichere Karte“ gesetzt haben und Mitglied ihrer Religionsgemeinschaft geblieben sind, damit sie nach dem Tod nicht für die im Diesseits erfolgte Leugnung eines Jenseits bestraft werden.

Ihre Angst vor dem Tod und dem ungewissen Danach wird nur dann geringer, wenn Sie eine klare Entscheidung treffen: Sein oder Nicht-Sein nach dem Tod? Himmel oder Hölle oder gar nichts? Jetzt oder später kommen Sie um die Antwort auf diese Frage nicht herum: ein oder kein Leben nach dem Tod? Als Mitglied einer christlichen Konfession sollten Sie sich auch der Frage stellen: Glaube ich an die Auferstehung Jesu nach seinem Tod am Kreuz und in der Folge davon auch an meine eigene leibliche Auferstehung als göttliches Erlösungswerk oder glaube ich ohne die Dogmen der Kirche an Gott und eine unsterbliche Seele wie viele Menschen in der Vergangenheit und Gegenwart?

 

Leben in Übereinstimmung mit den Grundüberzeugungen

Die drei großen monotheistischen Weltreligionen (Christentum, Judentum und Islam) verkünden ein Gericht Gottes über die Verstorbenen, als Belohnung oder Bestrafung für das irdische Leben, und zwar im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit, entweder unmittelbar nach dem Tod, am Ende der Zeit bzw. der Welt oder gar zweimal, nämlich zu beiden Zeitpunkten. Darauf beruht die existenzielle Angst vieler gläubiger Menschen: auf der Angst vor einem Leben nach dem Tod, in dem dann die göttliche „Abrechnung“ folgt. In früheren Jahrhunderten wurde die Furcht vor dem göttlichen Gericht von den christlichen Kirchen und anderen Religionen massiv gefördert und für eigene Zwecke missbraucht.

Religiöse Menschen stehen angesichts von existenziellen Ängsten vor der Frage: Lebe ich mein Leben bestmöglich nach den Vorschriften meines Glaubens, sodass ich mich vor dem Gericht Gottes nicht fürchten muss und auf die ewige Seligkeit im Himmel bzw. Paradies hoffen darf? Die Angst vor dem Tod und dem Danach ist für Gläubige dann heilsam, wenn sie dadurch daran erinnert werden, gegenwärtig und zukünftig voll und ganz dafür aufzugehen, was laut ihrer Religion die zentralen Inhalte ihres Lebens sind bzw. sein sollten.

Spirituelle Menschen mit einem Glauben an etwas Übernatürliches und an ein Weiterleben nach dem Tod, jedoch ohne Bindung an eine bestimmte Religionsgemeinschaft, stehen vor einer ähnlichen Frage: Führe ich mein Leben im Wesentlichen nach meinen Grundwerten? Anderenfalls mahnt auch in diesem Fall die Angst vor dem Tod und dem Leben danach zur Entschlossenheit, alles zu unternehmen, um das irdische Leben dementsprechend auszurichten.

Agnostisch bzw. atheistisch eingestellte Personen mit einer großen Angst vor dem Tod sollten folgende Frage beantworten: Stehe ich trotz Angst bzw. Traurigkeit zu meiner Grundüberzeugung, dass es kein Leben nach dem Tod gibt, ohne panisch zu werden beim Gedanken, ob es vielleicht doch „etwas Höheres“ gibt, ein Jenseits oder eine unsterbliche Seele mit oder ohne den Gott der Religionen? Im Bedarfsfall sollten die Angst vor dem Tod und dem vielleicht doch möglichen Danach den Anlass darstellen, die bisherigen Einstellungen zu einer Welt ohne Gott und zum Tod ohne Jenseitserwartungen zu überprüfen und zu ändern.

Existenzielle Ängste sind völlig normal und menschlich; sie fordern uns zu einem Realitätscheck auf, ob wir unser Leben auf der Basis unserer Grundeinstellungen und zentralen Werte führen, oder ob wir „entfremdet“ leben, fern von unseren eigentlichen Lebensidealen und -zielen. Wenn wir diese Überprüfung unserer Gesinnung und unseres Lebensstils nicht leisten wollen, zu der wir durch unsere existenziellen Ängste permanent herausgefordert werden, besteht zumindest für manche von uns unter bestimmten Umständen eine erhöhte Gefahr, an einer psychischen Erkrankung wie einer Angststörung, einer Hypochondrie, einer Zwangsstörung, einer Depression oder einer anderen psychischen oder psychosomatischen Störung zu erkranken.

Die Angst vor einer falschen Entscheidung kann zu einer scheinbaren Neutralität oder Gleichgültigkeit den Letzten Dingen des Lebens gegenüber führen. Jede Vermeidung von Angst hält diese jedoch erst recht aufrecht. Was ist dann die Lösung dieses Problems? Es gilt dasselbe Handlungsprinzip wie bei allen Ängsten: Blicken Sie der Angst vor dem Tod und dem möglichen oder unmöglichen Danach ins Gesicht und treffen Sie eine weltanschauliche Entscheidung in die eine oder andere Richtung, die Ihnen momentan am glaubhaftesten erscheint, und seien Sie bereit zur späteren Revision im Fall anderer Sichtweisen, wie dies auch viele andere Menschen tun.