Dr. Hans Morschitzky

Klinischer und Gesundheitspsychologe

Psychotherapeut

Verhaltenstherapie und Systemische Familientherapie

A-4040 Linz, Hauptstraße 77     

Tel.: 0043 732 778601  E-Mail: morschitzky@aon.at

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Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum - Ein Fragebogen zur Selbstbeurteilung

 

 

Geistige Auswirkungen des Alkoholkonsums:

 

o  Konzentrationsstörungen

o  Merkfähigkeitsstörungen

o   geringere geistige Leistungsfähigkeit

 

Soziale Folgen des Alkoholkonsums:

 

o  Probleme mit Arbeitskollegen bzw. mit dem Chef

o  Wohnungsverlust

o  beruflicher Abstieg

o  Partnerprobleme

o  häufiger Arbeitsplatzwechsel

o  drohende Scheidung/drohende Trennung

o  Fernbleiben von der Arbeit

o  Ehescheidung/Trennung vom Partner

o  von Kündigung bedroht

o  Beziehungsprobleme mit den Kindern

o  Arbeitslosigkeit

o  Beziehungsprobleme mit den Eltern

o  Pensionierung

o  Verlust von Freunden

o  Gefahr des „Sandlertums“

o  zunehmende soziale Isolierung

o  Schulden/finanzieller Ruin

o  Meidung durch andere

o  Straftaten

o  selbstgewählter sozialer Rückzug

o  vorübergehender Führerscheinverlust

o  Schwierigkeiten, einen passenden Partner zu finden

o  dauernder Führerscheinentzug

o  Bekanntenkreis mit niedrigerem Niveau als früher

o  Unfall

o  Sonstiges:

 

Seelische Auswirkungen (Persönlichkeitsauswirkungen) des Alkoholkonsums:

 

o  depressive Verstimmung

o  Verlust der Selbstachtung

o  fehlende Interessen

o  schwere Depression

o  Minderwertigkeitsgefühle

o  Absinken im geistigen Niveau

o  Selbstmordgedanken

o  Selbstvorwürfe

o  Abstumpfen der Gefühle

o  Selbstmordversuch

o  Schuldgefühle

o  Enthemmung

o  Aggressivität

o  Ängste

o  Unaufrichtigkeit

o  Stimmungslabilität

o  Panikattacken

o  Sonstiges:

o  leichte Gereiztheit

o  Passivität

 

 

Als Entzugserscheinungen traten bisher auf:

 

o  keine

o  Herzrasen

o  Schlafstörungen

o  Zittern

o  Kreislaufprobleme

o  Angstträume

o  Unruhe

o  erhöhter Blutdruck

o  Angstzustände

o  Übelkeit/Erbrechen

o  niedriger Blutdruck

o  depressive Verstimmung

o  Durchfall 

o  Kopfschmerzen

o  Reizbarkeit

o  Appetitlosigkeit

o  Schwitzen

o  kurze, wenig ausgeformte

o  Schwäche/Unwohlsein

o  Mundtrockenheit

    Halluzinationen

o  gedunsenes Gesicht

o  epileptischer Anfall

o  Sonstiges:

o  Schwellungen

    (bisher       - mal)

 

 

Ein Delir erfolgte bisher         o  nie  /  o   ___ mal.    Dabei bestanden:

 

o  unzureichende Erkennen der Umwelt

o  unzusammenhängende Sprache

    („Bewußtseinstrübung“)

o  Gedächtnisstörungen

o  gestörte Aufmerksamkeit

o  Angstzustände

o  optische Halluzinationen (Bilder)

o  gestörter Wach-/Schlafrhythmus

o  akustische Halluzinationen (Stimmen)

    (nachts Schlaflosigkeit oder tagsüber Schläfrigkeit)

o  fehlende zeitliche Orientierung

o  körperliche Erregung

o  fehlende räumliche Orientierung

o  körperliche Erstarrung

 

Körperliche Folgen des Alkoholkonsums laut ärztlichen Befunden:

 

o  Fettleber

o  Muskelschwäche

o  Leberentzündung (ev. mit Gelbsucht)

o  Gefäßerweiterung

o  Leberzirrhose

o  Stoffwechselstörungen

o  Magenschleimhautentzündung (Gastritis) / Geschwür

o  Potenzprobleme bzw. Verlust sexuellen Verlangens

o  Dünndarmschleimhautentzündung

o  Zittern

o  Herzmuskelerkrankung (Herzrasen, Atemnot,

o  epileptische Anfälle

    Kreislaufprobleme, Ödeme)

o  Nervenbahnschädigung (Polyneuropathie)

o  Hautveränderungen

o  Hirngewebeschädigung mit Minderleistung

o  Gesichtsödeme (Wasseransammlung)

o  Sonstiges:

 

 

 

 

Häufigkeit von Alkohol- und Tranquilizermissbrauch

 

Wegen der Relevanz für Angststörungen werden die epidemiologischen Daten zum Alkohol- und Medikamentenmissbrauch im folgenden näher dargestellt.

Im Jahr 1993 wurde in Österreich eine repräsentative Befragung über den Konsum von Alkohol und Medikamenten durchgeführt. Demnach sind rund 5% der Österreicher im Querschnitt als alkoholabhängig zu bezeichnen, jeder 10. Österreicher leidet im Laufe seines Lebens unter einer Alkoholkrankheit. 3,9% der Österreicher (4,9% der Frauen und 2,7% der Männer) haben in den letzten 3 Monaten vor der Befragung mindestens einmal Tranquilizer oder Hypnotika (Schlafmittel) eingenommen.

Der Tranquilizer- und Hypnotika-Konsum steigt mit dem Alter (1% bei den 16-29jährigen, 8,3% bei den über 60jährigen). Zählt man zu den Schlaf- und Beruhigungsmitteln auch die pflanzlichen und tierischen Sedativa, dann nahmen 7,4% der Österreicher in den letzten drei Monaten mindestens einmal derartige Mittel ein (4,9% Beruhigungsmittel und 3,8% Schlafmittel, manche Personen konsumierten beides).

20,1% der Medikamente, die gegen Schlafstörungen eingenommen werden, gehören zur Gruppe der Tees, Naturheilmittel und Homöopathika, weitere 17,2% zu den pflanzlichen und tierischen Sedativa und nur 57,8% dieser Medikamente sind der Gruppe der „Tranquilizer und Hypnotika“ zuzuordnen. Von den Menschen, die zumindest gelegentlich Tranquilizer und Hypnotika aller Arten bei verschiedenen Beschwerden einnehmen, tun dies die Betroffenen in folgendem Ausmaß:

l     57,5% bei Schlafstörungen,

l     55,7% bei Angstzuständen,

l     16,6% bei „seelischen Erkrankungen“,

l     4,5% bei „Nervenkrankheiten“,

l     3,9% bei „Erschöpfungserscheinungen“.

 

In Österreich gibt es etwa 100000 Medikamentenabhängige, 10000 Drogenabhängige, 350000 Alkoholabhängige und weitere 350000 Alkoholgefährdete. Männer behandeln ihre Probleme oft mit Alkohol, Frauen wenden sich bei psychischen Störungen häufiger an den Arzt und erhalten daher eher Tranquilizer als Männer.

Für die BRD werden folgende Zahlen genannt:

l     3 Millionen sind alkoholabhängig.

l     1,5 Millionen sind medikamentenabhängig (1,2 Millionen von Benzodiazepinen).

l     200000 sind drogenabhängig (illegale Drogen).

l     Zwei Drittel der Medikamentenabhängigen sind Frauen (zumeist 40-50 Jahre alt).

l     4-7% nehmen während eines Jahres zumindest einmal Benzodiazepine ein.

l     1-2% nehmen Benzodiazepine über ein Jahr oder länger täglich ein.

l     1,7% entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Medikamentenabhängigkeit (allerdings Verdachtsprävalenzen bis zu 12% im Laufe des Lebens).

l     7% aller Patienten in Arztpraxen erhalten Medikamente mit Abhängigkeitspotential über längere Zeiträume (davon sind 75% Benzodiazepine).

l     Mehr als 80% der Langzeitverordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln sind für Patienten über 55 Jahre bestimmt.

l     70% aller Beruhigungsmittel werden an Frauen, nur 30% an Männer verschrieben.

l     Bei mehr als einem Drittel aller Patienten, die Schlaf- oder Beruhigungsmittel nehmen, ergibt sich aus der Diagnose kein Hinweis auf eine psychische Befindlichkeitsstörung oder eine psychiatrische Erkrankung.

l     Knapp 10% aller Ärzte verordnen bereits 50% der Schlaf- und Beruhigungsmittel, d.h. eine relativ kleine Zahl von Ärzten ist verantwortlich für die hohe Zahl an Tranquilizer-Verschreibungen.

l     Nur bei weniger als 20% aller Patienten mit Langzeitverordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln erfolgen ausführliche diagnostisch-therapeutische Beratungsgespräche oder psychotherapeutische Hilfen, die über kürzere ärztliche Beratungsgespräche hinausgehen.

 

Nach einer neuen, repräsentativen Studie des Max-Planck-Instituts in München bei 14-24jährigen in Stadt und Landkreis München beträgt die ermittelte Lebenszeitprävalenz von Alkoholmissbrauch 9,7% (15,1% für Männer, 4,5% für Frauen, 12,0% für die über 20jährigen) sowie von Alkoholabhängigkeit 6,2% (10,0% für Männer, 2,5% für Frauen, 8,2% für die über 20jährigen). Diese Befunde belegen einen doppelt so häufigen Alkoholmissbrauch in den jüngeren Bevölkerungsgruppen als bisher angenommen wurde. Illegale Drogen wirken sich zwar bei einer kleinen Bevölkerungsgruppe fatal aus, bei der Masse der Bevölkerung ist jedoch Alkohol die gefährlichste Droge.

Für die USA gelten folgende Zahlen:

l  15% nehmen innerhalb eines Jahres Sedativa, Hypnotika oder Anxiolytika (10% nahmen innerhalb des letzten Jahres mindestens einen Monat lang Benzodiazepine).

l  Im Lebenslauf entwickeln 4,4% einen Missbrauch und 7,5% eine Abhängigkeit von Medikamenten und Drogen, 9,4% einen Missbrauch und 14,1% eine Abhängigkeit von Alkohol, 26,6% irgendeine Form von Missbrauch oder Abhängigkeit. Im Zeitraum der letzten 12 Monate bestand bei 2,5% ein Missbrauch und bei 4,4% eine Abhängigkeit von Alkohol (NCS-Studie).

l  Nach dem Geschlecht entwickeln im Lebenslauf 12,5% der Männer und 6,4% der Frauen einen Alkoholmissbrauch und 20,1% der Männer und 8,2% der Frauen eine Alkoholabhängigkeit. Im Zeitraum der letzten 12 Monate zeigte sich bei 3,4% der Männer und bei 1,6% der Frauen ein Alkoholmissbrauch und bei 6,6% der Männer und bei 2,2% der Frauen eine Alkoholabhängigkeit (NCS-Studie). 

In der BRD sind im Zeitraum von 1987 bis 1995 die Benzodiazepintranquilizer-Verordnungen im Zuge der Diskussion über das Abhängigkeitspotential dieser Substanzklasse um fast 40% zurückgegangen.

 

 

Substanzinduzierte Angststörung –

 

Angstzustände durch Substanzen (Alkohol und Angstsymptome)

 

Alkohol, abhängig machende Beruhigungsmittel und verschiedene Drogen haben anfangs zwar eine angstdämpfende Wirkung, führen jedoch später über Langzeiteinnahme, paradoxe Effekte oder Entzugssymptome zu massiven Angstzuständen, sodass erst recht wieder dieselben Mittel zur Bekämpfung verwendet werden, wenn den Betroffenen diese Zusammenhänge nicht bekannt sind.

Das Missbrauchspotential von Alkohol beruht auf einer Aktivierung dopaminerger Neurotransmittersysteme, insbesondere dopaminerger Nervenbahnen, die von der Area tegmentalis ventralis (einer Region der Mittelhirnhaube), zum Nucleus accumbens (einer Nervenzellenanhäufung im Vorderhirn) und zum frontalen Kortex (vordere Großhirnrinde) verlaufen. Die erwünschte Wirkung von Alkohol kommt zustande durch eine exzitatorische (erregende) Wirkung von Alkohol auf die dopaminergen Neurone in der Area tegmentalis ventralis infolge einer durch GABAA-Rezeptoren vermittelten Hemmung der hemmenden (inhibitorischen) Interneurone. Ethanol könnte aber auch direkt die Aktivität der dopaminergen Neurone ohne Zwischenschaltung von Interneuronen erhöhen.  

Angst im Rahmen des Alkoholentzugs wird durch zwei Faktoren bewirkt:

1. Erniedrigte GABA-Tätigkeit. Ethanol verstärkt die Wirkung der wichtigsten natürlichen hemmenden Transmittersubstanz GABA an bestimmten GABAA-Rezeptoren. Die entspannende und angstlösende Wirkung von Alkohol beruht auf einer Verstärkung der GABA-ergen Wirkungsmechanismen. Chronischer Alkoholkonsum erniedrigt den GABA-Spiegel im Plasma, was bei Absetzen des Alkohols einen Erregungsanstieg bewirkt. Bei einem Alkoholentzug bzw. bei reduziertem Alkoholkonsum von Abhängigen kommt es zu einer länger andauernden Erregbarkeitssteigerung im Zentralnervensystem, was mit Angst verbunden ist und auch bei völligem Absetzen des Alkohols noch monatelang anhalten kann.

2. Erhöhte noradrenerge Aktivität. Bei einem Alkoholentzug kommt es zu einer Überaktivität im Locus coeruleus, der zentralen noradrenergen Struktur, wodurch eine allgemeine Erregung, speziell auch Angst, entsteht. Häufig werden deshalb Alkoholentzugssymptome mit Tranquilizern bekämpft oder dem Arzt die Symptome einer Panikattacke beschrieben, ohne vom vorausgehenden Alkoholmissbrauch zu berichten, sodass Tranquilizer als (falsche) Behandlungsmethode eingesetzt werden.

 

Bei einem Alkoholentzug nach übermäßigem und langandauerndem Alkoholkonsum treten mindestens zwei der folgenden Symptome innerhalb einiger Stunden oder weniger Tage auf: Angst, Hyperaktivität des vegetativen Nervensystems (Schwitzen oder Puls über 100), psychomotorische Agitiertheit, Schlaflosigkeit, verstärktes Händezittern (Tremor), Übelkeit oder Erbrechen, vorübergehende visuelle, taktile oder akustische Halluzinationen oder Illusionen, Grand-mal-Anfälle (epileptische Anfälle).

Langjähriger Alkoholmissbrauch kann durch seine dämpfende Wirkung den Herzmuskel schädigen und durch den häufigen Vitamin-B1-Mangel das Herz in seiner Pumpkraft beeinträchtigen. Alkoholkonsum regt auch die Nebennieren zu vermehrter Ausschüttung von Kortisol an, dem Stresshormon, das den Blutdruck erhöht, indem es die Wasserausscheidung durch die Nieren hemmt.  

Bei Menschen mit hohem Blutdruck werden die ohnehin erhöhten Stresshormone wegen des Alkohols langsamer abgebaut, sodass der Blutdruck noch mehr ansteigt und Symptome auftreten (Kopfschmerzen, Schwindel, Atemnot, Druck auf der Brust, Herzbeschwerden, Leistungsminderung, Unruhegefühl u.a.). Bei niedrigem Blutdruck macht sich die blutgefäßerweiternde Wirkung des Alkohols bemerkbar, sodass beim Stehen besonders viel Blut in den weit gestellten Venen der Beine versackt. Durch die Gegenregulation kommt es zu Herzrasen und Schweißausbrüchen.

 

 

Zusammenhänge zwischen Alkoholmissbrauch und Angststörungen

 

Die angstdämpfende Wirkung von Alkohol ist seit langem bekannt. Schon Hippokrates empfahl eine Mischung aus Wein und Wasser zur Bekämpfung von Angstgefühlen. Westphal, der 1871 als erster das Bild der Agoraphobie beschrieb, wies in derselben Arbeit bereits darauf hin, dass die Betroffenen sich unter Alkoholeinfluss an Örtlichkeiten aufhalten konnten, vor denen sie sich eigentlich ängstigten.

Die angstdämpfende Wirkung des Alkohols lässt sich lerntheoretisch gut erklären. Alkohol reduziert Angst, diese angstreduzierende Wirkung wiederum verstärkt den Alkoholkonsum. Alkohol mindert nicht nur Angst, sondern auch andere negative Gefühlszustände (Missstimmungen, depressive Verstimmungen), steigert damit zumindest kurzfristig das Wohlbefinden und verändert auch die Erinnerung an negative Erlebnisse und Ereignisse. Angstreduktion durch Alkoholkonsum ist als „zustandsabhängiges Lernen“ zu verstehen, das nicht auf den nüchternen Zustand generalisiert.

In der Fachliteratur werden folgende vier Möglichkeiten des Zusammenhangs von Angststörung und Alkoholmissbrauch diskutiert und durch Forschungsergebnisse untermauert:  

1.    Der Alkoholkonsum dient der Selbstbehandlung von Angst.

2.    Angst und Alkoholabhängigkeit sind Effekte einer gemeinsamen Grundstörung.

3.    Angst tritt als schädliche Auswirkung von Alkoholmissbrauch oder -entzug auf.

4.    Angst stellt eine kognitive Folge von Alkoholmissbrauch oder Alkoholentzug dar.

 

In der BRD war bei 20% der Angstpatienten im Laufe der Jahre Substanzmissbrauch bzw. Substanzabhängigkeit festzustellen. Bei 1,2% der deutschen Bevölkerung besteht eine Mischung von Angststörung und Medikamentenmissbrauch, bei 1% eine Mischung von Angststörung, affektiver Störung und Medikamentenmissbrauch.

Nach der amerikanischen NCS-Studie zeigt sich Substanzmissbrauch (Alkohol, Medikamente, Drogen) lebenszeitlich bei 36,3% der Agoraphobien, 39,4% der Panikstörungen, 32,3% der generalisierten Angststörungen, 39,6% der sozialen Phobien, 39,4% der spezifischen Phobien und 51,4% der posttraumatischen Belastungsstörungen.

In der amerikanischen Bevölkerung weisen lebenszeitlich unter den Menschen mit irgendeiner Form von Angststörung 22,7% der Männer und 48,8% der Frauen einen Alkoholmissbrauch und 35,8% der Männer und 60,7% der Frauen eine Alkoholabhängigkeit auf. Das Vorhandensein einer sozialen Phobie ging am deutlichsten mit einer Alkoholproblematik einher.

Es handelt sich bei diesen Ergebnissen allerdings um retrospektive Daten. Zur Absicherung der Befunde wäre eine prospektive Studie (Verlaufsstudie) erforderlich. Die Mehrzahl der Befragten in der NCS-Studie weisen lebenszeitlich mindestens eine weitere psychiatrische Störung auf. Der Befund, dass insbesondere bei Frauen ein enger Zusammenhang zwischen Alkoholmissbrauch bzw. Alkoholabhängigkeit und Angststörung besteht, wird auch durch andere Studien bestätigt.

Panikpatienten mit und ohne Agoraphobie neigen auch nach anderen Studien oft zu Alkoholmissbrauch. Nach der amerikanischen ECA-Studie und der Münchner Follow-up-Studie weisen 36-40% der Panikpatienten Substanzmissbrauch oder Substanzabhängigkeit auf. Panik- und Alkoholerkrankung können auch die gleichzeitige Folge einer erhöhten Belastung sein.

Wenn Alkohol zum Mittel wird, Vermeidungsverhalten und Erwartungsangst zu reduzieren, kann sich daraus eine sekundäre Alkoholabhängigkeit entwickeln. In einer Untersuchung berichteten 50% der stationären Patienten mit Alkohol- und Drogenmissbrauch von wiederholten Panikattacken, die die meisten von ihnen (83%) mit Alkohol bekämpften, was sich mehrheitlich (bei 72%) auch als wirksam gezeigt habe.

Patienten mit einer isolierten Panikstörung weisen häufiger eine primäre Alkoholabhängigkeit auf. Dies ist so zu interpretieren, dass die ständig wiederkehrenden Entzugssymptome Panikattacken auslösen.

Die Erfassung von Panikstörungen bei Alkoholikern ist nicht unproblematisch. Nach einer Studie sind Alkoholiker nicht in der Lage, zwischen Symptomen von Panik und solchen von Alkoholentzug zu unterscheiden, mit Ausnahme des Zitterns, das im Entzug als stärker erlebt wurde.  

In einer amerikanischen Untersuchung an 565 Alkoholabhängigen wiesen 10% eine Phobie und 13% Panikattacken auf, während eine andere Studie an Alkoholikern bei 7,8% eine soziale Phobie und bei 8,5% eine Agoraphobie fand.

Eine weitere Befragung von 321 stationären Alkoholabhängigen ergab bei 6% Panikstörungen und bei 18% Phobien im Rahmen des Lebensverlaufs. Während des Alkoholentzugs sind noch höhere Werte zu finden.

Viele sozial ängstliche Menschen verwenden Alkohol als Mittel zur Linderung ihrer Symptome. Am Beginn einer Alkoholabhängigkeit steht oft eine soziale Phobie, die mit Alkohol so lange zu überspielen versucht wurde, bis man davon abhängig wurde. Viele Alkoholiker erkennen erst nach dem Entzug das wahre Ausmaß ihrer sozialen Ängste.

Die Fachliteratur und leidvolle Erfahrungen der Betroffenen zeigen, dass die Selbstbehandlung mit Alkohol die Angstsymptomatik langfristig nicht zu lindern vermag, sondern tendenziell eher verschlimmert. Insgesamt sind jedoch die empirischen Belege für die häufige klinische Erfahrung, dass zuerst die Angststörung und dann die Alkoholproblematik auftritt, derzeit noch nicht ausreichend vorhanden.

Therapeutisch gesehen muss bei Alkoholikern neben dem Ziel der Abstinenz oft auch eine bessere soziale Kompetenz aufgebaut werden.

Der Zusammenhang von Angst und Alkohol kann auch umgekehrt sein: eine primäre Abhängigkeitserkrankung kann zu einer sekundären Angstsymptomatik bzw. sekundären Angststörung führen. Angst als Folge von Alkoholmissbrauch muss nicht unbedingt auf einer direkten Alkoholwirkung beruhen, sondern könnte auch durch die mit dem Alkoholentzug einhergehenden neurobiologischen Veränderungen bedingt sein.

Wiederholte Alkoholentzüge (auch ein zum üblichen Blutalkoholspiegel nur relativ geringfügiger Abfall des Alkoholspiegels) bewirken eine länger andauernde Erregbarkeitssteigerung im Zentralnervensystem, die mit Angst verbunden ist und nach Abstinenzbeginn noch monatelang anhalten kann. Man spricht in diesem Fall von einem „subakuten verlängerten Alkoholentzugssyndrom“.

Zumindest bei prädisponierten Personen können wiederholte Alkoholentzüge durch Sensibilisierung und erhöhte exzitatorische Instabilität die Schwelle für das Auftreten von Angst herabsetzen. Dies wird als Kindling-Phänomen bezeichnet.

Im Alkoholentzug besteht eine noradrenerge Hyperaktivität des Zentralnervensystems, die erregend wirkt. Panikstörungen sind ebenfalls charakterisiert durch eine Aktivitätssteigerung des noradrenergen Systems, ausgehend vom Locus coeruleus.

Trizyklische Antidepressiva oder bestimmte neuere Antidepressiva (außer den nicht dämpfenden SSRI) gelten als Therapieempfehlung bei Panikstörungen von Alkoholikern. Diese Medikamente erhöhen in gleicher Weise wie die MAO-Hemmer die Verfügbarkeit von Noradrenalin im synaptischen Spalt und bewirken so über einen negativen Feedback-Mechanismus eine verminderte Aktivität der Neurone im Locus coeruleus und damit auch eine Reduzierung der noradrenergen Aktivität.

Der Zusammenhang von Alkohol und Angst kann als Teufelskreis dargestellt werden: Alkoholfolgen wie z.B. vegetative Übererregbarkeit, Irritierbarkeit, Schlafstörungen, Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, reduzierte Leistungsfähigkeit, Erschöpfung, Herz-Kreislauf-Probleme oder Magen-Darm-Beschwerden dienen häufig als Auslöser für Angstreaktionen in der Form, dass diese Zustände als angstmachend interpretiert werden. Um die Angstgefühle zu beseitigen, wird erst recht wieder Alkohol als Mittel der Wahl eingesetzt.

Alkohol und Tranquilizer (z.B. Xanor®, Lexotanil®, Valium®) ermöglichen es oft über einen langen Zeitraum, die soziale Phobie bzw. Agoraphobie vor anderen zu verbergen und das Leben scheinbar unauffällig zu bewältigen. Im Laufe der Zeit ergeben sich jedoch massive Folgeprobleme (schwerer Missbrauch bzw. Abhängigkeit von Alkohol oder Beruhigungsmitteln, Depressionen, Berufsunfähigkeit, völlige Abhängigkeit von bestimmten Bezugspersonen).  Eine Abhängigkeit von Tranquilizern entwickelt sich (abgesehen von der pharmakologischen Wirkung) oft schneller als von Alkohol, weil die Einnahme anfangs ärztlich legitimiert erfolgte und die soziale Kontrolle fehlte (Tabletteneinnahme erfolgt ohne Zuschauer).